Arman

Arman (pl. armaja) geht entweder auf den altindischen Begriff arma (Abfall, Ruinen) oder den persischen Begriff arman (Wunsch) zurück und bedeutet Fluch oder Lästerung. Als so genanntes "Erbwort" kommt arman in den meisten Romani-Varianten vor. Grundsätzlich wird zwischen zumeist harmlosen Alltagsflüchen und Verwünschungen unterschieden. Ähnlich wie bei solax (Schwur) wird den Alltagsflüchen keine übersinnliche Bedeutung beigemessen. Sie drücken vor allem Redegewandtheit und Humor ihres Sprechers aus. Als wirkungslos werden auch gegen Gadže gerichtete Flüche eingestuft. Wie der bei Lovara aufgewachsene Jan Yoors ausführt, dienen sie lediglich dazu, die Betreffenden zu erschrecken. Ihre Wirkung gründet sich ausschließlich auf die Tatsache, dass Nicht-Roma daran glauben.

Im Gegensatz zum Schwur – solax –, der sich immer auf den Sprecher selbst bezieht, richten sich Flüche und Verwünschungen grundsätzlich gegen andere. Charakteristische Elemente sind Anspielungen auf die gruppeninternen Traditionen, eine bildhafte Sprache und eine äußerst freizügige Wortwahl.

Deftige Ausdrücke sind kennzeichnend für alle Romani-Dialekte, die sich gerade in dieser Hinsicht oft stark von den Sprachen der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft unterscheiden. Diese Freizügigkeit ist umso verblüffender, wenn man sich den strengen Moralkodex traditioneller Roma-Gemeinschaften vor Augen führt. Am deutlichsten wird der Gegensatz zwischen sprachlicher Offenheit und tabuisierter Realität am Beispiel der Sexualität. Gebräuchliche Wendungen wie "Kures mura da!" ("Auf dass du mit meiner Mutter schläfst!" / Lovara-Romani) sind in den Augen der Roma reine Bekräftigungsformeln und beinhalten keine unmoralische Konnotation. Für Nicht-Roma in westlichen Industriegesellschaften erscheinen sie hingegen ausschließlich vulgär und sind tabuisiert. Auffallend ist, dass die sprachliche Offenheit in traditionellen Roma-Gemeinschaften dann verschwindet, wenn sich der strenge Moralkodex auflöst.

Alltagsflüche

Der Metaphern-Reichtum des Romani kommt in den Alltagsflüchen der Kalderaš sehr anschaulich zum Ausdruck:

Te del o beng ande tute!
"Der Teufel soll in dich fahren!"
Te kořarel tu kako manřo!
"Dieses Brot soll dich blenden!"
Te śorđol ći gođi po drom, te ćidav la ando dikhlořo!
"Verspritzen soll dein Hirn, und ich sammle es in meinem Taschentuch!"
Te ćernol ćo mas pa tu!
"Das Fleisch soll von dir runterfaulen!"
Te xal tu phuv!
"Die Erde soll dich verschlingen!"
Marel ći bax o khul!
"Scheiße soll dein Glück erschlagen!"
Xas me mulenge kokala!
"Du sollst die Knochen meiner Toten essen!"

Weitere, von Rade Uhlik aufgezeichnete Beispiele für Alltagsflüche wären:

Marel tu o Del!
"Gott soll dich strafen!"
Ne xal o beng leski bax!
"Der Teufel soll sein Glück fressen!"
Xan tu e ruv!
"Die Wölfe sollen dich fressen!"

Es gibt zudem eine Reihe von Flüchen, die auf gruppeninterne Traditionen verweisen. Sie sind jedoch ohne Kenntnis derselben nicht verständlich. Der 1956 in Jugoslawien geborene Rom Trifun Dimić zeichnete viele Beispiele für diese Fluch- und Verwünschungsvariante auf und veröffentlichte sie in einer kommentierten Ausgabe.

Mek del o Del, te djilabes sargo čirikljori!
"Gebe Gott, dass du wie ein Vogel singst!" (Anm.: Mulikani čiriklji wurde in der Gruppe Trifun Dimićs der "Todesvogel" genannt.)
Te del o Del, džućhela te ćeren o abjav katar će kokala!
"Gebe Gott, dass die Hunde aus deinen Knochen ein Festmahl veranstalten!" (Anm.: bezieht sich auf das Romani-Sprichwort: "Einen Hund sucht man unter Hunden, einen Menschen unter Menschen.")

Rituelle Verwünschungen

Anders verhält es sich mit den rituellen Verwünschungen, die zu besonderen Anlässen und unter Voraussetzung einer finanziellen oder emotionellen Abhängigkeit ausgesprochen werden. Sie sind Ausdruck eines magischen Denkens, das Leben und Weltbild bestimmt. Der Glaube an die Wirksamkeit dieser Verwünschungen ist in den meisten traditionell lebenden Roma-Gruppen außerordentlich stark ausgeprägt. Er beruht auf der Annahme, dass Verwünschungen den Adressaten rituell verunreinigen und ihm somit Unglück bringen. Die Sepečides nennen diesen Zustand armandino (verflucht, "unter Bann"). Je enger die Beziehung der Betroffenen ist, umso stärker wird die Wirkung der Flüche eingeschätzt.

Amraja sî phare kata kuko, kaj lja tutar sama, vaj avela Řom vaj avela gaźo, vaj kaj najardja tu vaj pravardja tu! Te dela tu amraja naj mišto. Katar daras proklecil tu svako zaloga kaj dja tu! (Kalderaš-Romani)
"Verwünschungen wiegen durch jenen besonders schwer, der auf dich aufgepasst, dich erzogen hat, egal ob Rom oder Gadžo, ob er dich gebadet oder ernährt hat. Wenn er dich verwünscht, ist es nicht gut. Wenn du dich fürchtest, wird dir jeder kleine Bissen zum Verhängnis, den er dir gegeben hat." (Kalderaš-Romani)

Eine wesentliche Funktion der rituellen Verwünschungen liegt darin, soziale Kontrolle auszuüben. Die dadurch entstehenden Abhängigkeitsverhältnisse werden in kris-Sitzungen auch zur Wahrheitsfindung und zur Gewährleistung einer übergeordneten Gerechtigkeit eingesetzt.

Die österreichischen Kalderaš kennen allerdings ein Zeremoniell, das unter anderem Flüchen ihre Wirkung nimmt. Es handelt sich um den im April stattfindenden Versöhnungstag (Jertimos). [Bara]

Quellen

Heinschink, Mozes F. (2002) Unveröffentlichtes Interview mit Dragan Jevremović (Kalderaš). Wien.
Heinschink, Mozes F. (2002) Unveröffentlichtes Interview mit Fatma Heinschink (Sepečides). Wien.
Phonogrammarchiv, Österreichische Akademie der Wissenschaften: Sammlung Heinschink: RT 693 (Sepečides) .

Literatur

Dimić, Trifun (1979) Kana vavas ando foro / Dolazeci sa vasara. Antologija narodne poezije vojvodjanskih Roma, Novi Sad.
Dimić, Trifun (1985) Romane, Romaja, sovlahimate thaj e bahtarimate. Narodne romske kletve, zakletve i blagoslovi (= Edicija "Strazilovo" 136), Novi Sad.
Eder-Jordan, Beate (1993) Geboren bin ich vor Jahrtausenden. Bilderwelten in der Literatur der Roma und Sinti (= Dissertationen und Abhandlungen 32), Klagenfurt.
Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (1996) Sprache und Musik der österreichischen Roma. In: GLS 46, pp. 61-110.
Fonseca, Isabell (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München.
Heinschink, Mozes F. (2002) Zum Verhältnis zwischen Roma und Landlern. In: Bottesch, Martin / Grieshofer, Franz / Schabus, Wilfried (eds.) Die siebenbürgischen Landler. Eine Spurensicherung, Wien, pp. 381-408.
Oschlies, Wolf (1986) "Gebe Gott, daß sie Dich auf Messern tragen". Zigeuner-Flüche und -Segnungen aus Jugoslawien In: Gießener Hefte für Tsiganologie 1986/3, pp. 145-148.
Schindegger, Florian (1997) Lebensweise von Zigeunern in Wien am Beispiel der Festtradition der Kalderaš. Wien.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Yoors, Jan (1982) Die Zigeuner. Frankfurt.
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Image Die Verwünschungen meiner Eltern ...
Image Arêsle ma le mraja ...
Image Jertimos
Image Jertimos
Image Fatma Heinschink über Flüche bei den türkischen Sepečides
Image Über das Vergebungsfest ("jertimos" / "zapostito")