Mulo

mulo m.: Toter, Totengeist.

Der Glaube an mule ist allen Mitgliedern der Roma-Gesellschaft gemeinsam. Ein mulo kann erscheinen, um mit jemandem eine Rechnung zu begleichen, weil er/sie in der anderen Welt etwas vermisst, das Verhalten der Nachwelt missbilligt oder um einen lieben Hinterbliebenen vor einer Gefahr oder einer Bedrohung zu warnen. Ein mulo bezweckt jedoch gewöhnlich, Angst einzujagen (mukel dar), gelegentlich versucht er, jemanden zu erwürgen (tasavel), hinterlässt blaue Flecken (kal’arel) und kann Krankheit bringen (nasvaľarel), würde aber niemals jemanden töten.

Um mit mule zu kommunizieren, muss man bestimmte, genaue Regeln beachten, damit sie nicht erkannt werden und die Lebenden stören – und schlussendlich auch, damit sie selbst nicht darunter leiden, erscheinen zu müssen.

Mule können entweder als Menschen oder als Tiere Gestalt annehmen: als Hunde, Katzen, Vögel oder Schmetterlinge. Man kann sie von den Lebenden dadurch unterscheiden, dass sie seitwärts gehen (phirel seraha) und man deshalb ihre Gesichter nicht erkennen kann. Sie können auch unbemerkt in diese Welt zurückkehren. Ihre immaterielle Anwesenheit kann auf verschiedene Art und Weise wahrgenommen werden. Zum Beispiel kann man Asche vor einer Schwelle ausstreuen; sind daraufhin Spuren von Menschen oder Tieren (Hund, Katze, Vogel) erkennbar, gilt das als ein Zeichen dafür, dass ein mulo gekommen ist. Oder man lässt ein volles Glas Wasser über Nacht auf dem Tisch stehen. Fehlt am Morgen danach etwas Wasser, heißt das, dass ein mulo da war und es getrunken hat.

Durch eine Reihe von verschiedensten Ritualen wird den Seelen von verstorbenen Verwandten größter Respekt gezollt. So wird zum Beispiel zu Weihnachten, wenn in diesem Jahr ein Verwandter gestorben ist, für den Verstorbenen ein Platz am Tisch freigehalten und auch Essen auf einem Teller bereitgestellt, so als ob er noch leben würde. Für die Seelen von verstorbenen Verwandten wird in einer Zimmerecke oder draußen auf der Fensterbank bobaľki (Mohnkuchen) bereitgelegt. [Pomana]

Heutzutage bringen die Menschen zu verschiedenen Anlässen Alkohol und Essen zum Grab ihres verstorbenen Verwandten. Sie legen angezündete Zigaretten auf das Grab und sprechen mit dem Verstorbenen etc.

Der Glaube an mule hat die Funktion eines gesellschaftlichen Regulativs. Die Menschen versuchen, den anderen nicht zu schaden oder ihnen nichts Schlechtes anzutun – aus Angst, dass die gekränkten Personen kommen und sie verfolgen könnten, sobald sie gestorben sind. Wenn sie verfolgt werden, muss der Schuldige dem mulo Entschädigung leisten. (Zum Beispiel muss man vom Verstorbenen geborgte Dinge an die Hinterbliebenen zurückgeben; oder man muss Essen für den mulo auf das Fensterbrett legen usw.)

Versöhnung zwischen dem Sterbenden und den Verwandten und Freunden, eine Drei-Tages-Totenwache (vartišagos-vartování), Gegenstände, die in den Sarg gelegt werden, Begräbnisriten – all dies dient dazu, dem Verstorbenen zu Frieden in der nächsten Welt zu verhelfen, sodass er/sie nicht als mulo erscheinen muss.

Image Druckversion
Image Ioan Cioaba über Totenbrauchtum und "mulo"-Glauben bei den Kalderaš in Sibiu
Image Mulo-Geschichte (Ausschnitt)
Image Dem Toten wird Wasser nachgeschüttet