Tabu und Schande (Ladž) in traditionellen Roma-Gemeinschaften

Definition

Das Wort "Tabu" – ursprünglich "tapu" – stammt aus dem Tonga Polynesiens und gehört zu den seltenen Begriffen, die aus Sprachen so genannter "Naturvölker" in Sprachen westlicher Industriegesellschaften Eingang gefunden haben. Tabus sind Teil des sozialen Kodex einer Gemeinschaft und legen fest, welche Handlungen und Verhaltensweisen nicht ausgeführt werden dürfen und worüber nicht gesprochen werden darf. Es handelt sich um negative Konventionen, die Grenzen etablieren und somit eine wichtige Funktion in der Sicherung von Herrschaftsverhältnissen innehaben. Sie sind besonders wirksame Mittel sozialer Kontrolle.

Im Unterschied zu Verboten können Tabus nicht nach einer rationalen Begründung hinterfragt werden. Sie stehen außerhalb jeder Diskussion, da sich die tabuisierte Handlung eigentlich von selbst verbietet. Tabus sind per Definition als Thema nicht existent. Sie werden im Erziehungsprozess so weit internalisiert ("Das gehört sich nicht!"), dass ein Hinterfragen erst wieder durch massiven äußeren Einfluss möglich wird. Bei Tabuverletzungen sind weder Rechtfertigungen möglich noch Sanktionen erforderlich. Jeder weiß, was tabu ist. Schuldgefühle und Scham stellen sich von selbst ein. Grundlage des Tabus ist jedoch eine starke unbewusste Neigung, es zu übertreten. Löst sich dieser Wunsch auf, fällt damit auch das Tabu selbst weg.

Der Romani-Begriff für Schande ist ladž. Als sogenanntes indisches Ursprungswort kommt es mit geringfügigen Variationen in nahezu allen Romani-Dialekten vor. Im Falle einer Tabuverletzung schämt man sich vor der Familie und der eigenen Gruppe, nicht jedoch vor anderen Gruppen oder Nicht-Roma. Die dadurch hervorgerufene Schande für die Familie kann deren Ansehen in der Gruppe verringern oder gefährden. Gebräuchliche Redewendungen sind:

Mulom katar ki ladž!
"Ich bin gestorben vor Scham!"
Xalem ladžavo!
"Ich habe Schande gegessen!"
Ladž ti xal to muj, na ladžasa hic!
"Die Schande soll dein Gesicht fressen, schämst du dich gar nicht!"

Funktion

Gerade bei diskriminierten Minderheiten wie Roma und Sinti sind Tabus zentraler Bestandteil ihrer Sozialstruktur. Sie tragen nicht nur dazu bei, die interne Ordnung aufrechtzuerhalten, sondern übernehmen nach "außen" hin eine Schutzfunktion, indem sie den Kontakt zur jeweiligen Mehrheitsgesellschaft und damit deren Einflussmöglichkeit reglementieren. Für das Entstehen der Tabus sind jedoch die unterschiedlichen religiösen und kulturellen Einflüsse sehr wohl von Bedeutung. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine Vielzahl von Tabusystemen, die veranschaulichen, wie heterogen traditionelle Roma-Gemeinschaften strukturiert sind.

Sie zeigen auch, wie wenig die so genannten "Tsiganologen" ("Zigeunerforscher") bereit waren (und teilweise immer noch sind), sich mit den tatsächlichen sozialen und kulturellen Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Selbst ein vergleichsweise fortschrittlicher Ethnologe wie Tihomir Gjorgjevic bezweifelte in seiner 1903 veröffentlichten Dissertation "Die Zigeuner in Serbien" das Vorhandensein von Tabus und kam zu dem Schluss, dass Roma "Scham (eigentlich) fast fremd sei". Eines der bis heute häufigsten Vorurteile, das sowohl als vermeintlicher Beleg für ihr sorgloses Leben als auch ihre "kriminelle Neigung" dient.

Beispiele

Wie bereits erwähnt, können Tabus als negative Konventionen der zentralen Bereiche menschlichen Lebens betrachtet werden: zwischenmenschliche Beziehungen, Sexualität, Krankheit, Tod, Sprache etc. Bemerkenswert ist jedoch, wie unterschiedlich und bisweilen konträr Tabuisierungen vorgenommen werden. Während es zum Beispiel in vielen nördlichen Gruppen (Sinti, Manouche, Kale etc. [Klassifikation]) untersagt ist, über alles, was mit der Geburt in Zusammenhang steht, zu sprechen, sind den türkischen und griechischen Sepečides diese Tabus vollkommen fremd. Unterschiede gibt es auch bezüglich der Kleidungsvorschriften: Schwedische Rezande dürfen, wenn sie ihren Vätern gegenübertreten, ausschließlich dunkle Kleidung und keine kurzärmeligen Hemden tragen. Bei den Kalderaš ist es verpönt, die Füße zu entblößen; selbst die Knöchel sind davon nicht ausgenommen. [Untergruppen der Roma]

Als vollkommen konträr zu den Konventionen der Nicht-Roma stellte die Nacktheit der weiblichen Brust in vielen Vlach-Roma-Gruppen kein Tabu dar. Romnja (Roma-Frauen) stillten ihre Kinder, wo immer sie sich gerade befanden, auch in Anwesenheit von Männern und Nicht-Roma. Ein Umstand, der viele Nicht-Roma – in völliger Unkenntnis des tatsächlichen Moralkodex – immer wieder dazu bewogen hat, die moralische Sittenlosigkeit der Roma anzuprangern. Einerseits liegt dieser Bewertung lediglich ein kulturelles Missverständnis zugrunde, andererseits spiegelt es auch die tabuisierte Sexualität der Nicht-Roma wider, die ihre unbewussten Phantasien auf Roma projizieren und an ihnen stellvertretend bekämpfen.

Gerade bei Vlach-Roma fällt auf, dass der strenge Moralkodex im krassen Gegensatz zur sprachlichen Offenheit steht. Am deutlichsten wird der Gegensatz zwischen sprachlicher Freizügigkeit und tabuisierter Realität am Beispiel der Sexualität. Gebräuchliche Wendungen wie "Kures mura da!" ("Auf dass du mit meiner Mutter schläfst!" / Lovara-Romani) sind in den Augen der Roma reine Bekräftigungsformeln und beinhalten keine unmoralische Konnotation. Für Nicht-Roma in westlichen Industriegesellschaften erscheinen sie hingegen ausschließlich vulgär und sind tabuisiert. Auffallend ist, dass die sprachliche Freizügigkeit dann verschwindet, wenn sich der strenge Moralkodex auflöst. In nördlichen Gruppen stellt es hingegen eine Schande dar, eine allzu "deftige" Ausdrucksweise zu verwenden.

Aufgrund der patriarchalischen Gesellschaftsstruktur waren und sind Frauen – und vor allem junge Frauen und Mädchen – am häufigsten der Gefahr ausgesetzt, der Schande anheim zu fallen. Ihre Sozialisation verläuft wesentlich restriktiver als dies bei Männern der Fall ist. Beginnend in der Kindheit über die Pflichten als Schwester (phen) und große, ältere Schwester (bari phen), bei der Partnerwahl, als Schwiegertochter (bori), bis hin zu ihren Aufgaben als Mutter und Ehefrau ziehen sich Vorschriften und Tabus wie ein roter Faden durch alle Phasen im Leben einer Frau. Immer wieder treten Situationen auf, wo ein falsches Verhalten der Frau schwerwiegenden Folgen haben kann. Um nur ein Beispiel zu nennen: In traditionellen Lovara-Gemeinschaften gilt es für eine Frau als Schande, wenn sie – etwa bei einer Familienzusammenkunft – unaufgefordert die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Zu Singen oder Erzählen beginnen darf eine Frau erst nachdem ihr Mann von den anderen Gästen gebeten wurde, sie dazu aufzufordern. Verstößt eine Frau gegen eine der vielen Vorschriften ist jeweils die gesamte Großfamilie von der durch sie verursachten Schande betroffen.

Ein elementarer Bestandteil des Tabusystems aller traditionell lebenden Roma-Gruppen ist das Konzept der Unreinheit (mahrime). Es zeigt am anschaulichsten, wie sowohl interne Machtverhältnisse als auch die Kontakte zur jeweiligen Mehrheitsgesellschaft davon beeinflusst sind.

Quellen

Heinschink, Mozes F. (2002) Unveröffentlichtes Interview mit Dragan Jevremović (Kalderaš). Wien.
Heinschink, Mozes F. (2002) Unveröffentlichtes Interview mit Fatma Heinschink (Sepečides). Wien.

Literatur

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Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (1996) Sprache und Musik der österreichischen Roma. In: GLS 46, pp. 61-110.
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Stojka, Ceija (1988) Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin, Wien.
Stojka, Ceija (1992) Reisende auf dieser Welt. Aus dem Leben einer Rom-Zigeunerin, Wien.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Yoors, Jan (1982) Die Zigeuner. Frankfurt.
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