Solax

Solax bedeutet Eid, Schwur, Gelöbnis oder Gelübde und lässt sich auf den altindischen Begriff śapatha (Fluch) zurückführen. Die Hindi-Bezeichnung für Schwur ist saũh. Vlach-Gruppen verwenden solax, in allen anderen Romani-Varianten ist sovel gebräuchlich. Schwüre dienen zur Bekräftigung einer Aussage, die nicht bewiesen werden kann. Man wünscht sich ein bestimmtes Unglück herbei, falls die getätigte Äußerung nicht der Wahrheit entspricht. Grundsätzlich wird zwischen Alltagsschwüren und Schwüren zu besonderen Anlässen und Fragestellungen unterschieden.

Alltagsschwüre sind beiläufige Formulierungen oder gebräuchliche Redewendungen, die in spielerischer Form den Bilderreichtum des Romani zum Ausdruck bringen. Sie sind Teil der mündlichen Erzähltradition und bilden gewissermaßen ein eigenes Genre.

Te na dikhav kado kham thaj kado djes!
"Diesen Tag und diese Sonne soll ich nicht mehr sehen!"
Te marel ma mi bax!
"Mein Glück soll mich erschlagen!"
Te de o Del, te merav ando birto!
"Gebe Gott, dass ich in der Kneipe sterbe!"

Alltagsschwüren wird keine weitreichendere Bedeutung beigemessen; auch dann nicht, wenn sich die damit bekräftigten Aussagen als falsch herausstellen sollten.

Anders verhält es sich bei Schwüren und Eiden, die zu besonderen Anlässen oder im Zusammenhang mit schwerwiegenden Fragestellungen geäußert werden. Der Glaube an die Wirksamkeit dieser Schwüre ist in den meisten traditionell lebenden Roma-Gruppen außerordentlich stark ausgeprägt. Es gibt jedoch Gruppen, wie die muslimischen Sepecideš, die Schwüre weitestgehend vermeiden, weil bereits das Schwören selbst in ihren Augen Unglück nach sich ziehen kann.

Besonders auffällig stehen Schwüre an den Übergängen zwischen den Bereichen Recht und Moral. In kris-Sitzungen haben sie durchaus Beweiskraft. In der Vorstellung der Roma fallen wider besseres Wissen getätigte Schwüre auf den Schwörenden zurück und bewahrheiten sich. Diese Schwüre beziehen sich zumeist auf jene Personen, Gegenstände und Glaubensinhalte, die der betreffenden Gruppe am heiligsten sind bzw. anerkannte Grundwerte darstellen. Je enger die Beziehung der Betroffenen ist, umso stärker wird die Wirkung von Schwüren eingeschätzt. Einer der schwerwiegendsten Schwüre der Kalderaš verweist auf ein Trauerritual während der Totenwache.

Te del o Del te merav bi memeljako te xoxadem tu!
"Gott soll dafür sorgen, dass ich ohne Kerze sterbe!"

Sehr viele Schwüre handeln von Ritualen, die mit dem mulo-Glauben und der Ahnenverehrung im Zusammenhang stehen:

Te del o Del, te čhos mandje godolestar ando moxto!
"Gebe Gott, dass du mir davon in den Sarg tust!"
(Anm.: Gemeint ist der Mohn, den man dem Toten – zur Abwehr seines Totengeists – in den Sarg streut. Es besteht der Glaube, dass der mulo innerhalb der 40-Tages-Frist nur dann wiederkehren kann, wenn es ihm gelingt, alle Mohnkörner innerhalb einer Nacht zu zählen.)
Mek najaren man e sudre paja!
"Mit kaltem Wasser soll man mich baden!"
(Anm.: In einigen traditionell lebenden Roma-Gruppen besteht der Glaube, dass nur ein Leichnam kalt abgewaschen werden darf.)

Schwüre auf das Leben der Kinder wird die größte Wirkung zugeschrieben. Sie werden deshalb nur in Ausnahmefällen ausgesprochen (z.B. vor einer kris).

Te na dikhav me śavořen!
"Meine Kinder soll ich nicht mehr sehen!"

Viele Roma-Gruppen kennen bestimmte Rituale, mit deren Hilfe Schwüre entkräftet werden können. Bei Kalderaš fungiert ein Stein oder Metallgegenstand als eine Art Blitzableiter für den Schwur. Aus diesem Grund werden Angeklagte vor der Ableistung eines Schwures untersucht, ob sie einen solchen Gegenstand bei sich tragen. Bei Sepečides wiederum war es früher üblich, einen Fuß in die Höhe zu heben, um einen Schwur bedeutungslos werden zu lassen.

Jek čang tí vazdesa opre i sovel na astarela.
"Wenn man den Fuß nach oben hebt, greift der Schwur nicht."

Quellen

Heinschink, Mozes F. (2002) Unveröffentlichtes Interview mit Dragan Jevremović (Kalderaš). Wien.
Heinschink, Mozes F. (2002) Unveröffentlichtes Interview mit Fatma Heinschink (Sepečides). Wien.

Literatur

Dimić, Trifun (1979) Kana vavas ando foro / Dolazeci sa vasara. Antologija narodne poezije vojvodjanskih Roma, Novi Sad.
Dimić, Trifun (1985) Romane, Romaja, sovlahimate thaj e bahtarimate. Narodne romske kletve, zakletve i blagoslovi (= Edicija "Strazilovo" 136), Novi Sad.
Eder-Jordan, Beate (1993) Geboren bin ich vor Jahrtausenden. Bilderwelten in der Literatur der Roma und Sinti (= Dissertationen und Abhandlungen 32), Klagenfurt.
Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (1996) Sprache und Musik der österreichischen Roma. In: GLS 46, pp. 61-110.
Fonseca, Isabell (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München.
Heinschink, Mozes F. (2002) Zum Verhältnis zwischen Roma und Landlern. In: Bottesch, Martin / Grieshofer, Franz / Schabus, Wilfried (eds.) Die siebenbürgischen Landler. Eine Spurensicherung, Wien, pp. 381-408.
Oschlies, Wolf (1986) "Gebe Gott, daß sie Dich auf Messern tragen". Zigeuner-Flüche und -Segnungen aus Jugoslawien In: Gießener Hefte für Tsiganologie 1986/3, pp. 145-148.
Schindegger, Florian (1997) Lebensweise von Zigeunern in Wien am Beispiel der Festtradition der Kalderaš. Wien.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Yoors, Jan (1982) Die Zigeuner. Frankfurt.
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