Bosorka

Der Terminus bosorka bezeichnet verschiedene Arten von Wesen. In erster Linie sind es alte Frauen, die aus einer anderen Welt kommen, um ungetaufte neugeborene Kinder zu vertauschen. Nach der Taufe eines Kindes – oder einer ähnlichen Feier, die in anderen Religionen das Äquivalent zur christlichen Taufe darstellt und dem Kind den Weg in die Welt und die Gesellschaft öffnet – verlieren die bösen Kräfte ihre Macht über das Kind. [Boňa] In einigen Gebieten wird das neugeborene Kind von einem anderen bösen Wesen, z.B. jagalo manuš oder luca, ersetzt.

Eine Familie erkannte oft zu spät, dass ihr Kind durch ein anderes (prečerancos) ersetzt worden war, und hatte nun ein böses, zurückgebliebenes oder auf irgendeine Art behindertes Kind. Geschichten erzählen davon, dass eine Mutter die bosorka dazu bringt, das prečerancos wieder mitzunehmen und ihr eigenes Kind zurückzugeben. Die Mutter trägt das Ersatzkind in den Wald und schlägt es dort mit einem dünnen Stock. Das Weinen des prečerancos veranlasst die bosorka zu kommen. Um ihr Kind vor weiteren Schlägen zu bewahren, bringt die bosorka das gekidnappte Kind zurück und nimmt ihr eigenes mit. Ein ähnlicher Glaube und analoge Praktiken sind in vielen mitteleuropäischen Kulturen bekannt.

Böse magische Kräfte können auch in "normalen" Frauen Gestalt annehmen. Entweder kann eine Frau schon als bosorka geboren werden, oder eine andere bosorka kann, bevor sie stirbt, ihre Fähigkeiten auf sie übertragen, indem sie die Frau am Arm packt.

Gewöhnlich manifestiert sich eine bosorka in einer Bauersfrau (gadži). Sie verwandelt sich in einen Frosch und geht in der Nacht umher, um von den Kühen der anderen Bauern Milch zu trinken. Wird so ein solcher Frosch getötet, wird man am folgenden Morgen eine Bauersfrau tot auffinden und die Leute werden somit erkennen, dass sie eine bosorka war.

Eine gadži-bosorka kann auch einen Mann in ein Pferd verwandeln, das sie während der Nacht reitet. Sie kann das Pferd erkranken lassen oder es sogar zu Tode reiten. Andererseits kann sie sich auch selbst in ein Pferd verwandeln. Um sie unschädlich zu machen, ist es notwendig, einen zuvor geweihten Halfter um den Hals des Pferdes zu werfen. Die Roma haben diesen Glauben mit ihren (slowakischen, ruthenischen, ukrainischen und ungarischen) Nachbarn gemeinsam, die diese Geschichten über bosorki-Bauersfrauen zum Beispiel während des Geflügelrupfens erzählten. Eine Tätigkeit, an der sich auch Roma-Frauen beteiligten, die diese Geschichten dann ihren Roma-Gemeinschaften überbrachten.

Eine bosorka-čohaňi ist gewöhnlich eine Romni. Sie kann te pokerel (Magie ausüben), te phandel paňi (Wasser binden, d.h. ein Glas voll Wasser umdrehen, ohne dass dabei das Wasser herausrinnt), te nasvaľarel (Krankheit herbeirufen) und sogar den Tod holen. Andererseits ist sie fähig, zu heilen und einen positiven Einfluss auszuüben. Ähnliche Kräfte können sogar in Männern Gestalt annehmen. Trotzdem sind solche Menschen gefürchtet, weil sie übernatürliche Kräfte kontrollieren können – ein Recht, das nur Gott zusteht.

Bosorki-čohaňa (pl.) – als Wesen, an deren Existenz die Menschen glauben – kommen in einem beliebten halb-formalisierten Folklore-Genre vor: vakeriben pal o bosorki/čohaňa (Hexenmärchen). Ausgehend von vorgegebenen Zuschreibungen – Eigenschaften und Verhaltensweisen, die für Hexen typisch sind – wird die "wirklich wahre Geschichte" ("kada pes čačes ačhiľa" – "es ist wirklich passiert") erzählt. Dabei bezieht der Erzähler die Geschichte entweder auf sich selbst oder auf jemanden, von dem er von einem "zuverlässigen Zeugen" gehört hat.

Bosorki als übernatürliche Wesen kommen auch in Heldengeschichten (vitejzika paramisa) vor. Die meisten sind böse und schaden den Menschen. Ein Roma-Held (čhavo) kann sie jedoch – als ihr Gehilfe – besiegen, wenn er höflich zu ihnen ist, sie grüßt und es versteht, freundlich mit ihnen zu sprechen. [Paramisi]

O Del mi del tut lačho ďives, mri kedvešno phuri daje.
"Gott soll dir einen guten Tag geben, meine liebe alte Mutter."

Worauf die bosorka mit folgender Formel antwortet:

Mi del o Del the tuke, mro čho. Imar pal kadi phuv / pal e žeľeno čar na phirďalas, te mange na džanľalas kada lav te phenel.
"Das Gleiche wünsche ich dir, mein Sohn. Du könntest nicht mehr auf dieser Erde / auf diesem grünen Gras gehen, wärest du nicht fähig gewesen, mich auf diese Art zu grüßen." (wörtl.: "solch ein Wort zu sagen").

Synonyme für eine Märchen-bosorka, die aber nicht für andere Arten von Hexen üblich sind, sind striga und indžibaba.

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