Mahrime

Mahrime bedeutet "rituell unrein" und bildet zusammen mit užo bzw. žužo oder šušo ("rituell rein") ein Gegensatzpaar. Der aus dem Griechischen stammende Begriff wird von vielen Vlach-, Balkan- und Nördlichen Gruppen verwendet. [ Klassifikation] In England und Wales ist moxado gebräuchlich, in Polen magerdó. Beide Begriffe bedeuten "befleckt" und gehen auf das Sanskrit-Wort mraks ("beschmiert") zurück. Die Sinti umschreiben die rituelle Unreinheit mit palećido ("zurückgesetzt", "abgesondert") und prast(l)o ("ehrlos", "geächtet").

Die Trennung in mahrime und užo bzw. žužo entspricht der dualistischen Weltanschauung der Roma, das gesamte Leben in die Rubriken "Gut" und "Böse" einzuteilen (z.B. Rom / Gadžo oder Devel / Beng). Damit werden sowohl die internen Grenzen zwischen den Geschlechtern, Altersgruppen und Roma-Gruppen als auch die externen zwischen Roma und Gadže sowie Diesseits und Jenseits festgelegt.

Das Konzept der rituellen Unreinheit ist somit ein elementarer Bestandteil der traditionellen Kultur der Roma (romanipe), wenngleich auf die Gefahr unzulässiger Generalisierungen und Exotisierungen hinzuweisen ist. Reinheitsgebote sind Bestandteil aller Weltreligionen. Sie sind in den wichtigsten Schriften des Hinduismus, den "Veden", ebenso verankert wie im Buddhismus, im Speisekodex des Koran und im Alten und Neuen Testament. Der Glaube an die rituelle Unreinheit der Frau bestimmte etwa im Christentum lange Zeit das Bild der Frau und wirkt bis in die Gegenwart fort. Während der Menstruation und nach der Geburt war die Frau "unrein" und konnte erst durch einen besonderen Segen wieder "erlöst" werden. Auch in säkularisierten westlichen Gesellschaften finden sich Elemente dieser religiösen Normen.

Was den historischen Hintergrund von mahrime betrifft, gibt es unterschiedliche Theorien. Ungeklärt ist die Frage, ob der Glaube an rituelle Unreinheit ein Überbleibsel des Kastensystems der altindischen Urheimat darstellt (1) oder ob der Kontakt mit anderen Religionen und nomadisierenden Gruppen die entscheidendere Einflusssphäre bildete. Zum Teil lassen sich bestimmte Ver- und Gebote auf hygienische Vorsichtsmaßnahmen zurückführen, die später rituell überhöht wurden (Meidung bestimmter Speisen, Reinigungsriten bei Krankheiten). Tabus, welche die Beziehung der Geschlechter regeln, sind hingegen auf soziale Reglementierungen zurückzuführen. Sie reagierten entweder auf eine bereits bestehende soziale Hierarchie oder sollten eine solche etablieren. Was rein und unrein ist, bestimmt der Mächtige und festigt somit seine Macht.

Die unterschiedlichen historischen, religiösen, sozialen und kulturellen Einflüsse schufen ein breites Spektrum an Vorstellungen innerhalb der einzelnen Roma-Gruppen. Betrachtet man nur die österreichischen Roma-Gruppen, wird diese Heterogenität bereits deutlich: Die Burgenland-Roma kennen die Tabus nicht mehr, bei den Lovara existieren sie nur noch in abgeschwächter Form, bei den Kalderaš bilden sie noch immer einen zentralen Bestandteil der persönlichen und ethnischen Identität. Auf Europa bezogen fällt auf, dass das Konzept der rituellen Unreinheit bei vielen nördlichen Gruppierungen im Laufe der Jahrhunderte mit geringfügigen Veränderungen beibehalten wurde. Besonders ausgeprägt ist es etwa nach wie vor bei den finnischen Roma (Kale) oder den Sinti. In den meisten Zentralen Gruppen (z.B.: Prekmurje-Roma / Burgenland-Roma / Servika-Roma) hatte es vermutlich nie diese Bedeutung und ist heute nur mehr bruchstückhaft vorhanden (z.B.: degeš bei den Servika-Roma).

Bei traditionell lebenden Vlach-Roma-Gruppen nimmt der Glaube an die rituelle Unreinheit nach wie vor einen zentralen Stellenwert im Alltagsleben ein. Andererseits sind bei vielen muslimischen "Balkan-Gruppen", deren traditionelle Soziostruktur ebenfalls noch vollkommen intakt ist, mahrime/užo Vorstellungen nur in einer abgeschwächten Form vorhanden. Zurückzuführen dürfte dieser Umstand darauf sein, dass den Reinheitsgeboten im gemäßigten Islam eine geringere Bedeutung beigemessen wird, als dies im Christentum der Fall ist.

Für die Aufrechterhaltung dieser kulturellen Normen ist es weniger entscheidend, ob die Gruppe nomadisch oder sesshaft lebt, sondern wie homogen sie ist und wie ausgeprägt der Kontakt der verschiedenen Familien zueinander ist. Fällt diese gruppeninterne Kontrolle weg, lösen sich auch die gruppeninternen Verhaltensregeln auf. Vor allem der Holocaust zerstörte die Großfamilien und damit die traditionelle Soziostruktur vieler Roma-Gruppen. Bei den österreichischen Lovara wurden die verschiedenen Tabus noch in der Zwischenkriegszeit in sehr strikter Form eingehalten. Nach dem 2. Weltkrieg lösten sie sich zunehmend auf. Die Zwangsassimilierung in den ehemaligen Ostblockstaaten und die Einflüsse der westlichen Industriegesellschaften bewirkten ebenfalls einen Wertewandel und veränderten die kulturellen Normen. Die Weitergabe der traditionellen Kultur ist auch bei jenen Hunderttausenden Roma kaum möglich, die aufgrund sozialer Ausgrenzung und Rassismus verarmen und von einem kulturellen in ein soziales Randgruppendasein gedrängt werden. Aus diesen Gründen ist anzunehmen, dass das Konzept der rituellen Unreinheit heute nur mehr für einen Teil der Roma von Bedeutung ist.

Mahrime-Regeln

Die Vielzahl an mahrime-Regeln lässt sich in folgende Bereiche untergliedern:

1. Weiblicher Körper

Der untere Körperteil der Frau und insbesondere die Genitalien gelten als mahrime und sind im übertragenen Sinn die ursprüngliche Quelle der rituellen Unreinheit. Alles, was mit dem unteren Teil des weiblichen Körpers oder mit ihren Kleidern in Berührung kommt, wird ebenfalls mahrime. Streift eine Frau im Vorbeigehen unabsichtlich einen Gegenstand des täglichen Gebrauchs, gilt dieser als mahrime und wird nicht mehr verwendet. Männer- und Frauen-Wäsche müssen ebenso streng getrennt werden wie die dafür benützten Behälter, Seifen und Waschmittel. Kampierte eine nomadische Gruppe an einem Fluss, gab es strikte Regeln für die Verwendung des Wassers. In vielen Gruppen war es üblich, dass Männer und Frauen getrennt voneinander aßen.

Während der Menstruation und nach der Geburt ist die rituelle Unreinheit am stärksten. Bei den österreichischen Kalderaš ist es auch heute noch üblich, dass eine Frau nach der Geburt sechs Wochen kein Essgeschirr der Männer angreifen und ihnen nicht die Hände geben darf. Im Falle einer Verletzung dieser Vorschriften wären die Männer mahrime. Ein Zustand, der eine unbestimmte Zeit andauern kann und in den Augen der Kalderaš Unglück bringt. Bei englischen Roma war es bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts üblich, dass sich die Gebärende in ein getrennt errichtetes Geburtszelt zurückziehen musste und nach der Geburt von allen männlichen Familienmitgliedern drei bis vier Wochen isoliert blieb.

Die Isolationszeit für Mutter und Kind dauerte bei südwestdeutschen Sinti bis zur Taufe an und wurde erst durch den kirchlichen Segen beendet. Vergegenwärtigt man sich jedoch die damaligen "Vorschriften" der katholischen Kirche, wird deutlich, dass diese Rituale kein Roma-Spezifikum waren und sind. In ländlichen Gemeinden war es bis in die Zwischenkriegszeit ungeschriebenes Gesetz, dass Mütter auch der Taufe nicht beiwohnen durften, da sie noch nicht "ausgesegnet" waren. Es bedurfte eines besonderen Segens, um den Zustand der Reinheit wiederherzustellen.

Die muslimischen Sepečides in der Türkei, bei denen mahrime-Vorschriften ebenfalls eine lange Tradition haben, glauben hingegen nicht an die rituelle Verunreinigung der Frau während der Menstruation und nach der Geburt. Romnja genießen während dieser Zeit sogar eine besondere Wertschätzung. Mahrime sind Frauen bei den Sepečides nur dann, wenn sie als Prostituierte arbeiten, fremd gehen oder auf die rituellen Waschungen (maxarimaskoro abdesi – "die Reinigung von der Unreinheit") verzichten. Wenn mahrimos gegeben ist, sind die davon betroffenen Personen jedoch auch bei den Sepečides stigmatisiert. Sie dürfen weder beten noch Brot backen.

Ti mangesa tuj, sare derjavasar nanjuv! – Na paklandinesa!
"Wenn du willst, kannst du dich mit dem ganzen Meer waschen! – Und du würdest nicht rein!"

Die rituelle Unreinheit kann in den Augen der Sepečides auch durch Verletzung der Schrittvorschriften hervorgerufen werden. Zum Beispiel muss das Klo zuerst mit dem rechten, das Bad hingegen zuerst mit dem linken Fuß betreten werden.

Die österreichischen Kalderaš unterscheiden zudem zwischen mahrime und pekelimos (pêkêlimos/pokelimos). Mahrimos ist dann gegeben, wenn direkter (z.B. Hände schütteln) oder indirekter (z.B. Reichen von Essgeschirr) körperlicher Kontakt zwischen unreinen Frauen und Männern besteht. Pekelimos wiederum ist durch Blickkontakt mit oder die Nähe zu unreinen Personen oder Dingen übertragbar und wird in seiner Wirkung als schlimmer und nachhaltiger eingeschätzt.

Pêkelil tu de dural.
"Sie verschmutzt dich von weitem."
Pêkelimos si sar jek usálin.
"Pêkelimos ist wie ein Schatten."

Als pekelime gilt ein Mann zum Beispiel dann, wenn er unter einer Wäscheleine mit Frauenunterwäsche durchgeht oder wenn eine Romni ihn auf dem Gehsteig überholt und vor ihm geht. Hebt eine Frau während eines Streites mit einem Mann ihren Rock hoch und entblößt dabei ihr Geschlecht, spricht man von der schlimmsten Form von pekelimos. In den Augen der Kalderaš hält das dadurch hervorgerufene Unglück wesentlich länger an, als dies bei Verunreinigungen durch mahrimos der Fall ist.

Die polnischen Kalderaš hingegen verwenden mahrime für Gegenstände, pekelime für Menschen:

O peklimos si manušikano, aj o mahrimos si pe aver buća.
"Peklimos betrifft den Menschen, mahrimos betrifft andere Sachen."

Palećido entspricht in etwa der Kalderaš Bezeichnung pekelimos. Prasto ist das Romanes- bzw. Sintitikes-Äquivalent zu mahrimos. Ähnlich wie bei den Kalderaš gelten Frauen bei den Sinti während der Menstruation und Schwangerschaft und nach der Geburt als unrein. Geschirr, das von ihnen während dieser Zeit berührt wird, gilt als prasto.

Die finnischen Kale (Mustalainen) kennen diese Unterscheidung nicht, haben jedoch noch wesentlich strengere mahrime-Regeln als die Kalderaš. Zum Beispiel darf sich eine Romni nicht über einem Rom befinden. Hält sich eine gemischtgeschlechtliche Gruppe von Kale (Mustalainen) in einem mehrstöckigen Kaufhaus auf, dürfen die Frauen nicht in den ersten Stock gehen, wenn die Männer im Erdgeschoss sind. Gehen ein Rom und eine Romni eine Treppe hinauf, muss der Mann vorangehen, gehen sie die Treppe hinunter, muss die Frau vorangehen.

Schwere Verstöße gegen die Vorschriften unterlagen bei Vlach-Gruppen der Roma-Gerichtsbarkeit kris. Die berühmte polnische Roma-Dichterin Papusza wurde von der kris für mahrime befunden und für immer aus der Gruppe ausgeschlossen. Sie wurde der Komplizenschaft mit dem Gadžo Jerzy Ficowski beschuldigt, der 1953 in der ersten Auflage seines Buches "Wieviel Trauer und Wege. Zigeuner in Polen" die amtliche Politik der Ansiedlung der Roma unterstützt hatte bzw. unterstützen musste. Papusza wurde von ihrer Gruppe gemieden und verbrachte die restlichen 34 Jahre bis zu ihrem Tod in völliger Abgeschiedenheit.

Wie bereits erwähnt, sind alle rituellen Reinheitsgebote immer in Bezug zur traditionellen Sozialstruktur und zur jeweils vorherrschenden Religion zu setzen. Der Glaube an die Unreinheit des weiblichen Körpers beruht auf einer patriarchalen Gesellschaftsordnung, die je nach Religion verschieden ist. Im Unterschied zur religiösen Praxis bei Nicht-Roma ist der Glaube an die mystischen Fähigkeiten der Frau bei Roma jedoch stärker ausgeprägt. Diese "mystischen Kräfte" verleihen der Frau auch eine gewisse Macht und schützen ihre Intimsphäre. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass Frauen ab einem gewissen Alter an Ansehen gewinnen. Ihre Sexualität stellt keine Bedrohung mehr dar und muss deshalb nicht mehr reglementiert werden.

2. Hygiene und Nahrung

In Gefäßen, die für die Nahrungszubereitung verwendet werden, dürfen Kleidungsstücke weder aufbewahrt noch gewaschen werden. Zudem dürfen sie nicht in Berührung mit Frauenröcken kommen. Bei den österreichischen Kalderaš ist es üblich, dass ein Handtuch unter keinen Umständen als Geschirrtuch verwendet werden darf. Auch wenn traditionelle Roma-Gruppen sehr bescheiden leben, wird auf diese Maßnahmen großer Wert gelegt. Kommen Besteck und Geschirr mit unreinen Substanzen in Berührung (z.B. Körperausscheidungen) oder fallen sie auf einen unreinen Platz, werden sie mahrime. Der Zustand der Reinheit ist in diesen Fällen nicht wiederherstellbar. Selbst wenn es sich um einen Goldteller handelt, bleibt er unrein und wird nicht mehr verwendet.

3. Krankheit und Tod

Wie bereits am Beispiel der Geburt veranschaulicht, gelten Übergangsphasen des menschlichen Körpers als unreine Vorgänge und werden mit bestimmten Reinigungsritualen belegt. Der Glaube an die Übertragbarkeit einer rituellen Verunreinigung durch den Tod einer nahe stehenden Person ist bei vielen Nördlichen Gruppen (z.B. Sinti) am stärksten ausgeprägt und steht im engen Zusammenhang mit dem mulo-Glauben. Ärzte und Hebammen gelten als unreine Berufe und werden nach Möglichkeit gemieden. Es ist bei einigen Sinti-Gruppen verpönt, unterhalb eines Arztes oder einer Hebamme eine Wohnung zu beziehen. Auch bei den österreichischen Lovara wurden jene Berufe als mahrime eingestuft, die mit Krankheit und Tod zu tun hatten. Die österreichischen Kalderaš kennen hingegen diese "unreinen Berufe" nicht.

Stirbt ein Angehöriger in seiner Wohnung, muss diese gründlich gereinigt werden oder wird verkauft. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten war es in einigen (v.a. Nördlichen) Gruppen üblich, den Wohnwagen des Toten und seine Kleider zu verbrennen.

4. Verhältnis zu Nicht-Roma

Das Bestreben vieler traditionell lebender Roma-Gruppen die Kontakte zu den Nicht-Roma möglichst gering zu halten, hat vor allem soziale Ursachen. Betrachtet man die Verfolgungsgeschichte der Roma in Europa, ist es nicht weiter verwunderlich, dass Roma der Welt der Gadže mit Misstrauen begegnen. Bis zu einem gewissen Grad handelt es sich jedoch auch um eine selbst gewählte Isolation, die mit dem Bewusstsein, anders und kulturell überlegen zu sein, im Zusammenhang steht. Die Frage, ob Roma aus der Not der Ausgrenzung eine Tugend machten oder ob sie unabhängig von den Anfeindungen der Nicht-Roma ihrer eigenen Kultur Ausdruck verliehen haben, ist nur schwer zu beantworten. Im Vordergrund steht die Aufrechterhaltung und Förderung der eigenen Kultur und des eigenen ethnischen Bewusstseins.

Vor allem "Vlach-" und "Zentrale" Gruppen kennen eine Reihe ritualisierter Verhaltensweisen, die den Kontakt zu den Nicht-Roma prägen. Am Beispiel der polnischen Roma-Dichterin Papusza wurde bereits gezeigt, welches Ausmaß bestimmte Tabus annehmen konnten. Zu berücksichtigen ist auch hier, dass die Grenzen für Frauen zur Welt der Gadže wesentlich früher gezogen werden und Grenzüberschreitungen wesentlich restriktiver geahndet werden, als dies bei Männern der Fall ist. Bei vielen Roma-Gruppen sind zum Beispiel Beziehungen zwischen Männern und Nicht-Roma-Frauen durchaus erlaubt, während Beziehungen zwischen Frauen und Nicht-Roma strikt untersagt sind.

Unabhängig vom Geschlecht werden unselbständige Arbeiten, die zur Abhängigkeit von Gadže führen würden, nach Möglichkeit gemieden. Auch Essenseinladungen von Gadže bergen die Gefahr in sich, mahrime zu werden, weil die Einhaltung der oben beschriebenen Vorschriften nicht gewährleistet ist. Überhaupt gelten die Essgewohnheiten der Gadže in den Augen vieler traditionsbewusster Gruppen als unvereinbar mit den Gepflogenheiten der Roma. Mongo Stojka berichtet, dass die in der Zwischenkriegszeit noch nomadisch lebenden österreichischen Lovara Teller, die von Gadže benützt worden waren, denen man aus Mitleid zu Essen gegeben hatte, nach dem Gebrauch wegwarfen. Grundsätzlich gilt auch der Müll von Gadže als mahrime.

Zu berücksichtigen ist jedoch immer, dass alle diese Vorschriften nur so lange gelten, als es die Lebensbedingungen erlauben. Bei der Beurteilung von mahrime ist immer die Gefahr der Kulturalisierung gegeben. Werden die zum Teil exotisch anmutenden Tabus und Vorschriften überbetont, passiert dies zumeist auf Kosten sozialer Faktoren. Gerade das Beispiel der Trennung von Gadže zeigt deutlich, wie abhängig die Einhaltung der rituellen Reinheitsgebote vom Lebensstandard der jeweiligen Gruppe ist. Tausende osteuropäische Roma leben am Rande der Mülldeponien der Nicht-Roma vom Verkauf des wieder verwertbaren Mülls.

1 Der Gegensatz "rein" – "unrein" ist ein zentrales Element des Kastenwesens. Durch die Trennung des Reinen (sozial höhere Position) vom Unreinen (sozial niedere Position) werden sowohl die Geschlechter als auch die Kasten in eine symbolische Ordnung gebracht. Unreinheit entsteht z.B. durch die Berührung eines Mitglieds einer unteren Kaste und kann nur durch bestimmte Reinigungsrituale wieder "abgelegt" werden.

Quellen

Heinschink, Mozes F. (2002) Unveröffentlichtes Interview mit Dragan Jevremović (Kalderaš). Wien.
Heinschink, Mozes F. (2002) Unveröffentlichtes Interview mit Fatma Heinschink (Sepečides). Wien.

Literatur

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Eder-Jordan, Beate (1993) Geboren bin ich vor Jahrtausenden. Bilderwelten in der Literatur der Roma und Sinti (= Dissertationen und Abhandlungen 32), Klagenfurt.
Eder-Jordan, Beate (1998) "Die Frau war Mann und Frau". Zur Stellung der Frau bei Sinti und Roma. Gespräch über ein tabuisiertes Thema In: Stimme. Zeitschrift von und für Minderheiten 28/3, pp. 12-15.
Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (1996) Sprache und Musik der österreichischen Roma. In: GLS 46, pp. 61-110.
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Fonseca, Isabell (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München.
Halwachs, Dieter W. (2001) Romani in Österreich. In: Halwachs, Dieter W. / Menz, Florian (eds.) Die Sprache der Roma. Perspektiven der Romani-Forschung in Österreich im interdisziplinären und internationalen Kontext, Graz, pp. 1-37.
Heinschink, Mozes F. (2002) Zum Verhältnis zwischen Roma und Landlern. In: Bottesch, Martin / Grieshofer, Franz / Schabus, Wilfried (eds.) Die siebenbürgischen Landler. Eine Spurensicherung, Wien, pp. 381-408.
Remmel, Franz (1993) Die Roma Rumäniens. Volk ohne Hinterland, Wien.
Schindegger, Florian (1997) Lebensweise von Zigeunern in Wien am Beispiel der Festtradition der Kalderaš. Wien.
Stojka, Ceija (1988) Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin, Wien.
Stojka, Ceija (1992) Reisende auf dieser Welt. Aus dem Leben einer Rom-Zigeunerin, Wien.
Stojka, Karl (1994) Auf der ganzen Welt zuhause. Das Leben und Wandern des Zigeuners Karl Stojka, Wien.
Stojka, Mongo (2000) Papierene Kinder. Glück, Zerstörung und Neubeginn einer Roma-Familie in Österreich, Wien.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Yoors, Jan (1982) Die Zigeuner. Frankfurt.
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Image "Amende i Romni naj maharime ..." – "Bei uns gilt die Frau nicht als unrein ..."
Das Stroh, auf dem die Romni entbunden hat, wird verbrannt (Rumänien), 1980
Der Wagen eines Verstorbenen wird verbrannt (England), 1947