Slava

Der Begriff slava (pl. slave) stammt aus dem Serbischen und bezeichnet ein am Tag des Familienpatrons stattfindendes großes Fest. Wörtlich übersetzt bedeutet slava"Ruhm" oder "Ehre". Es ist das wichtigste religiöse Familienfest im serbisch-orthodoxen Jahreskreislauf und wurde von serbisch-orthodoxen Roma-Gruppen übernommen. Andere slawische Nationen kennen diesen Brauch nicht. Für die ab den 60er Jahren als Arbeitsmigranten nach Österreich gekommenen Kalderaš ist es nach wie vor zentraler Bestandteil ihrer Festtradition.

Der Tag des Familienpatrons wird von einer Generation auf die nächste weitergegeben. Es entspricht auch der Tradition der Nicht-Roma, dass es immer der Vater ist, der die slava nach Möglichkeit an den erstgeborenen Sohn vererbt.

O sveti steva sî koģa muře dešći slava, kaj slavilas muře poposko papo; aj aśel kadà, svako del peskê śaves koģa slava.
"Der heilige Steva ist das Fest meines Vaters, welches schon der Großvater meines Großvaters feierte. So bleibt es, ein jeder gibt dieses Fest an seinen Sohn weiter."

Bei den österreichischen Kalderaš ist folgende Übergabe-Formel gebräuchlich:

Muro Śavo, čestitiv či slava tu san akana nevo slavari, te inkres amari tradicija, te na xasares e slava!
"Mein Sohn, ich wünsche Dir alles Gute, du bist der neue Feiernde, halte unser Fest aufrecht und verliere es nicht!"

Die Frau nimmt immer das Fest des männlichen Oberhaupts einer Familie an. Solange sie unverheiratet ist, feiert sie die slava des Vaters, nach der Heirat die des Ehemannes. Ein Unterschied zu den Gadže besteht jedoch darin, dass Roma ihre slave wesentlich früher übergeben. Bei Nicht-Roma findet die Weitergabe traditionellerweise erst am Sterbebett des Familienoberhauptes statt.

Im serbisch-orthodoxen Kirchenkalender gibt es für die österreichischen Kalderaš 12 Tage, an denen eine slava gefeiert werden darf (z.B.: Sveti Nikola am 19. Dezember oder Sveti Stefan am 9. Januar).

Die Wahl eines bestimmten Datums kann praktische Gründe haben, kann mit der besonderen Beziehung zum jeweiligen Heiligen zusammenhängen oder auf ein Gelübde zurückgehen, das man einem Heiligen für ihm zugesprochene Hilfeleistungen gegeben hat. Eine Familie kann auch mehrere slave pro Jahr feiern, meistens sind es zwei oder drei. Es ist zum Beispiel möglich, die vom Vater vererbte slava und eine eigene abzuhalten. Die Bindung der Kalderaš an ihre slava kann aufgelöst werden, wenn der betreffende Heilige in den Augen des Familienoberhaupts der Familie kein Glück mehr bringt.

"Kann sein, dass ein Mann immer brav ist und fleißig arbeitet, aber er ist immer nur unglücklich im Leben. Nichts geht gut, immer passiert etwas Schlechtes, aber der Mann kann nichts dafür. Dann nimmt er einen anderen Heiligen, denn der erste war nicht gut für den Mann."

Aufgrund des Umstands, dass sich der orthodoxe Kirchenkalender nicht mit dem römisch-katholischen deckt und orthodoxe Feiertage in Österreich auf einen Werktag fallen können, gestaltet sich die Abhaltung des slava-Festes oft problematisch. Sie ist jedoch verpflichtend. Selbst wenn für das Familienoberhaupt keine Möglichkeit besteht, das Fest mit Freunden und Verwandten zu verbringen, muss er zumindest die religiöse Zeremonie feiern.

In Wien lassen es die räumlichen Verhältnisse manchmal nicht zu, die slava in der Wohnung abzuhalten. Dort findet dann nur eine Vorfeier im engsten Familienkreis statt. Die eigentliche Feier wird dann in ein Gasthaus verlegt, was von vielen Familien nur als Notlösung akzeptiert wird. Viele Kalderaš-Familien ziehen es deshalb vor, den Festtag im "Stammhaus" der Familie zu verbringen. Sie fahren eigens für diesen Tag nach Serbien.

Zeremonie

Die slava der serbisch-orthodoxen österreichischen Kalderaš ist ein Drei-Tages-Fest, wobei am zweiten Tag die eigentliche slava stattfindet. In der Früh des ersten Tages wird das Brot (Kalderaš-Romani: kolako / Serbisch: "kolač") entweder vom Priester in der serbisch-orthodoxen Kirche oder vom Familienoberhaupt zuhause geweiht. Der Vorgang der Segnung ist dabei derselbe. Der kolako wird an der Unterseite eingeschnitten und mit Wein übergossen. Nachdem alle Gäste versammelt sind – festliche Kleidung ist dabei Voraussetzung – und den Hausherr mit traditionellen Formeln begrüßt haben (z.B.: "Baxtali t’avel ći slava!" / "Glücklich sei dein Fest!"), leiten Gebete die religiöse Zeremonie ein. Der nun geweihte kolako wird in drei Teile gebrochen und zusammen mit gekochtem und gesüßtem Getreide (dživ) an die Anwesenden verteilt. Kolako ist ein Erntedank- und Friedens-Symbol, dživ steht für die Auferstehung Christi und die Geburt neuen Lebens.

Diese religiöse Zeremonie kann entweder an allen drei Tagen oder nur am zweiten Tag abgehalten werden. In keiner slava fehlen dürfen zudem Weihrauch (tumuja) und eine große geweihte Kerze (momeli). Im Unterschied zu den serbischen Nicht-Roma, die die Kerze am Abend mit einem Tropfen Wein löschen, brennt sie bei den Kalderaš so lange, bis der letzte Besucher das Haus verlassen hat. Wird die Kerze ausgeblasen gilt die slava als beendet.

Neben dieser wichtigen religiösen Dimension ist die slava der Kalderaš, im Unterschied zur traditionell religiös dominierten serbischen slava, vor allem ein Fest zur Pflege sozialer Kontakte. Ähnlich wie Hochzeiten (abjav; pl.: abjava) und die speziellen Feste für einen aus dem Ausland angereisten Kalderaš (paćiv/Pl.: paćiva) bietet die slava Gelegenheit, mit allen Familienmitgliedern und Freunden ausgiebig zu feiern. Finanzielle Überlegungen dürfen dabei keine Rolle spielen.

Die geringe Anzahl an Festtagen, an denen eine slava gefeiert werden darf, hat zur Folge, dass zum Beispiel in Wien Dutzende slave an einem Tag stattfinden. Der Hausherr selbst muss zwar immer anwesend sein, seine Söhne sind jedoch verpflichtet, den slave befreundeter Familien zumindest für kurze Zeit beizuwohnen. Ein durchaus anstrengendes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass bei jeder Feier ausgiebig gegessen und getrunken werden muss.

Quellen

Heinschink, Mozes F. (2002) Unveröffentlichtes Interview mit Dragan Jevremović (Kalderaš). Wien.
Heinschink, Mozes F. (2002) Unveröffentlichtes Interview mit Fatma Heinschink (Sepečides). Wien.
Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, B 39533 (= Sammlung Heinschink: KS 37) .

Literatur

Andiel, Manuela (2001) Feste, Helden und Traditionen (Die Universität. Zeitung der Universität Wien – online [2001/09/02]). http://www.dieuniversitae[...]=News&file=article&sid=18.
Cech, Petra / Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (eds.) (2001) Fern von uns im Traum ... / Te na dikhas sunende ... Märchen, Erzählungen und Lieder der Lovara, Klagenfurt.
Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (1996) Sprache und Musik der österreichischen Roma. In: GLS 46, pp. 61-110.
Fonseca, Isabell (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München.
Halwachs, Dieter W. / Menz, Florian (eds.) (1999) Die Sprache der Roma. Perspektiven der Romani-Forschung in Österreich im interdisziplinären und internationalen Kontext, Klagenfurt.
Heinschink, Mozes F. / Hemetek, Ursula (eds.) (1994) Roma. Das unbekannte Volk. Schicksal und Kultur, Wien.
Puhalo, Lev (1972) The Serbian Slava (Hermitage of the Holy Cross. Orthodox Life – online Version [22/1]). http://www.holycross-herm[...]Life/serb_slava.htm .
Schindegger, Florian (1997) Lebensweise von Zigeunern in Wien am Beispiel der Festtradition der Kalderaš. Wien.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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