Boňa (Taufe)

boňa, f., sg./pl. (Ind.): Taufe.

Für die Gesellschaft der Roma stellt die Taufe eine der wichtigsten Feiern dar. Sie symbolisiert die Aufnahme des Kindes von aver/oka svetos ("jener/der anderen Welt") in die Welt der Menschen. Bis ein Kind getauft ist, haben viele zerstörerische überirdische Kräfte, die zum Beispiel in einer bosorka oder dem Mann des Feuers (jagalo manuš) Gestalt annehmen, Macht über das Kind. Sie können das Kind mit einer bösen, hässlichen, lärmenden Missgeburt vertauschen.

Bis zur Taufe wird von der Mutter erwartet, dass sie beim Kind bleibt; sie darf es nicht ohne Aufsicht lassen. Als Schutz gegen böse Kräfte wird ein Gegenstand aus Eisen – ein Messer oder eine Schere – unter den Kopf des Kindes gelegt. Dieser Brauch wird auch in Indien praktiziert: Eisen beschützt das neugeborene Kind gegen böse Geister (bhút). Häufig werden auch Kämme zum Schutz des Kindes verwendet.

Einige Zeremonien können auch von dazu bestimmten Roma (z.B. bijav) durchgeführt werden. Die grundlegende Bedeutung der Taufe erfordert jedoch einen "professionellen" Mitwirkenden – das wäre ein rašaj (ein Geistlicher). Da die Roma in Indien der Kaste der Musiker, Schmiede, Händler etc. angehörten, griffen sie für wichtige gesellschaftliche Feiern auf die Dienste von Angehörigen jener Kasten mit den geeigneten traditionellen Berufen (dharma) zurück. Diese konnten sogar Brahmanen sein, Angehörige der Priester-Kaste, also der höchsten sozialen Gruppe (varna). Nach ihrer Abwanderung aus Indien verloren die Roma auch ihre indischen Priester, und das Naheliegendste, das sie in den Ländern, in denen sie sich dann aufhielten, tun konnten, war, sich der Dienste der Vertreter der örtlichen Kirche zu bedienen.

Der/die kirvo/kirvi (Taufpate/Taufpatin) spielt bei Taufen eine wichtige Rolle. Vor allem verpflichtet die Patenschaft den Taufpaten, sein Patenkind ein ganzes Leben lang zu beschützen und zu unterstützen. Ebenso entsteht durch die Patenschaft ein Loyalitäts-Verhältnis zwischen dem Taufpaten und der fameľija des Taufkindes. Die Taufpaten sollten diese Verbindung schützen, um Konflikten vorzubeugen – und so kamen besondere Verhaltensregeln, die von den Taufpaten eingehalten werden mussten, hinzu: Bei Servika-Roma zum Beispiel müssen Taufpaten die Höflichkeitsform verwenden, wenn sie sich an die Familie des Taufkindes wenden, auch wenn sie einander vor der Taufe vertraut mit "du" angesprochen haben.

Servika-Roma versuchen oft, "ihre" Bäuerin oder "ihren" Bauern als Taufpaten zu gewinnen. Auf diesem Wege wurde die paternalistische Beziehung zwischen den Gadže und "ihren Zigeunern" vertieft. Andererseits sind uns keine Belege bekannt, dass auch umgekehrt Roma Taufpaten von Nicht-Roma-Kindern waren.

Der Taufpate oder die Taufpatin geht mit dem Taufkind (krestňatkos) in die Kirche und hält es während der Taufe. (Die Worte ľikerlas les/la ["er/sie hielt ihn/sie"] sollen ausdrücken, dass das Kind nun auf besondere Weise mit seinem Paten verbunden ist. In der Zwischenzeit trifft die Familie noch die letzten Vorbereitungen für die Feierlichkeiten. Die Gäste bringen Geschenke oder wickeln Geld in Windeln für das neugeborene Kind. Der Wert des Geschenks und die Höhe des beigelegten Geldes sind eine Frage des Prestiges, und jeder versucht folglich, so viel wie möglich zu geben. Die Mitbringsel der eingeladenen Gäste decken die Ausgaben des Festes. Manchmal kommt es vor, dass sich weniger wohlhabende Eltern oder ärmere zur Taufe eingeladene Gäste Geld ausborgen, um so dem Gerede der Leute und der Schande (ladž) zu entgehen, keine boňa zu feiern, wie es die Tradition verlangt.

Jeder Gast gibt den Eltern ein Geschenk, beugt sich über das Kind und spricht einen Segen für das zukünftige Leben des Kindes. Die Formel beginnt mit der Bitte an Gott (mi del o Del) um das, was für die wichtigsten Dinge im Leben steht: Gesundheit, Fröhlichkeit, Geld, viele Kinder, ein langes Leben, te anel la dake lačha bora ("dass der Mutter eine gute Schwiegertochter beschert werde") usw.

Wie bei anderen wichtigen Zeremonien, die so genannte Übergangsriten darstellen – Meilensteine, die das Durchleben der einzelnen Lebensabschnitte ausdrücken: Taufe, Heirat, Begräbnis – finden auch hier verschiedene symbolische Handlungen statt. Der am weitesten verbreitete Brauch besteht darin, in die kleine Hand des Kindes oder in bzw. neben seine Windeln einen Gegenstand zu legen, der die Rolle des Kindes in seinem bevorstehenden Leben ausdrücken soll. Am wichtigsten für einen Buben wäre sein zukünftiger Beruf, für ein Mädchen, eine gute Hausfrau, Mutter und Ehefrau zu werden. In Musikerfamilien wird ein Violinenbogen in die Hand des Babys gedrückt; in der Familie eines Schmiedes werden einige Werkzeuge für das Schmiedehandwerk neben die Windeln gelegt – etwa ein Hammer oder Zangen etc. In die Windeln eines Mädchens hingegen gibt man einen Kochlöffel.

Ein weiterer, nicht sehr verbreiteter, aber interessanter Brauch ist es, das Kind vom Boden auf den Tisch zu heben. Dieser Brauch wird immer noch in einigen Orten um Svidník praktiziert. Der Vater legt das Kind auf den Boden. Während er das Kind aufhebt und es auf den Tisch legt, spricht er die Formel: Kaj tuke opre te džal (wörtl.: "Mögest du aufsteigen!"). Die Menschen sollten nie vergessen, von wo ihr Leben den Ausgang nahm, und sollten immer bescheiden und demütig bleiben. Mit Gottes Segen könnten sie zu etwas Höherem und Besserem aufsteigen.

Die Taufe (boňa) und das Begräbnis sind die zwei wichtigsten Rituale, da sie die Menschen von einer Welt in eine andere begleiten.

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Burgenland (Österreich), 1918-1939
Prislop (Rumänien), 2000
Polen