Pomana

Pomana stammt aus dem Rumänischen und bezeichnet ein zyklisch wiederkehrendes Totenmahl zu Ehren des Verstorbenen. Der Begriff wird nur von Vlach-Roma-Gruppen , deren Romani-Varianten eine starke rumänische Prägung aufweisen, verwendet. Rumänisch-orthodoxe Nicht-Roma feiern ebenfalls eine pomana. Dabei handelt es sich jedoch um ein einmaliges Ereignis, das sechs Wochen nach der Beerdigung stattfindet.

Die pomana ist Teil der indisch-orientalisch beeinflussten Ahnenverehrung, die in der Kultur aller traditionell lebenden Roma- und Sinti-Gruppen verankert ist. Einflüsse der jeweils vorherrschenden Religion wurden – wie im Fall der pomana – in dieses seit Jahrhunderten tradierte religiöse System integriert und an die eigenen Glaubensinhalte angepasst. Die pomana der Vlach-Roma strukturiert die ein Jahr anhaltende Trauerzeit und grenzt die zentralen Phasen voneinander ab.

Die zeitlichen Abstände, in denen eine pomana abgehalten wird, sind genau festgesetzt. Bei den österreichischen Kalderaš findet die pomana sieben Tage, 40 Tage, ein halbes Jahr und ein Jahr nach dem Tod statt. Pomana-ähnliche Rituale gibt es auch bei muslimischen Roma-Gruppen wie den im südbalkanischen Raum lebenden Arlije und Džambas oder den türkischen Sepečides. Die offizielle Totenfeier (mevlût) findet wie die pomana eine Woche, 40 Tage, ein halbes Jahr und ein Jahr nach dem Tod statt. Das eigentliche Totenmahl bezeichnen Arlije und Džambas als canlik. Der Begriff stammt aus dem Türkischen und bedeutet "zur Seele gehörig". Im Unterschied zur pomana findet canlik lediglich einmal statt und ist an keinen bestimmten Zeitpunkt gebunden. Die Angehörigen des Verstorbenen zünden Kerzen an und überreichen halva (in Öl gebackener Teigring) an seine Verwandten und Freunde. Bei den Sepečides findet kein gemeinsames Trauermahl statt. Am dritten und siebten Tag nach der Beerdigung besuchen die engsten Familienmitglieder des Verstorbenen seine Verwandten und Freunde und bringen entweder halva oder pišides mit. Das Essen, aber vor allem der Geruch des Öls sollen den Totengeist des Verstorbenen besänftigen.

Zeremonie

Die Teilnahme an einer pomana ist für die Verwandten und Freunde des Verstorbenen obligatorisch. Verschiedene Rituale zu Ehren des Toten und zur Besänftigung seines mulo prägen auch die erste pomana der Kalderaš. Im Unterschied zu anderen Feierlichkeiten begrüßen sich die österreichischen Kalderaš beim Begräbnis und bei einer pomana nicht mit Handschlag, was vermutlich auf rituelle Reinheitsgebote im Zusammenhang mit dem Tod zurückzuführen ist. [Žužo] Zu Beginn des Totenmahls wird der Raum mit Weihrauch ausgeräuchert. Die Tafel wird dreimal umschritten. Rumänische Kalderaš verwenden dabei folgende Gebetsformel:

Te primin le mulekhê o Del e pomana kadja, aj te xan la źuvindi!
"Gott, für diesen Toten soll diese pomana sein, esst!"

Sowohl die Gäste als auch alle für das Essen notwendigen Gegenstände (Tische, Stühle, Gedecke etc.) müssen zusammengezählt eine ungerade Zahl ergeben. Der ungeraden Zahl kommt auch in den Passagen zur Totenbestattung in den indischen Veden (den heiligen Schriften des Hinduismus) eine große Bedeutung zu. Eine Vorschrift besteht zum Beispiel darin, dass eine ungerade Zahl an Leichenträgern den Toten zum Verbrennungsplatz tragen muss. Damit soll signalisiert werden, dass für den Toten nach wie vor ein Platz reserviert bleibt. Dem Verstorbenen wird auch am Esstisch der pomana ein eigener Platz zugewiesen. Auf den Sessel werden manchmal seine Kleider gelegt, die später an Personen weitergegeben werden, die dem Verstorbenen nahe standen und nicht viel Geld haben. In einigen Gruppen ist es üblich, dass die Kleider des Verstorbenen auf der Erde ausgebreitet werden. Falls er geraucht hat, werden Zigaretten angezündet. Was die Essenszubereitung betrifft, gibt es ebenfalls Verbote, die Parallelen zu Vorschriften in den indischen Veden aufweisen. Zum Beispiel dürfen während einer pomana keine Speisen durch Drehbewegungen (z.B. mit einem Spieß) zubereitet werden. Rumänische Kalderaš sammeln das übrig gebliebene Essen und werfen es in einen Fluss.

Mulo-Glauben und 40-Tages-pomana

Der 40-Tages-pomana kommt die größte Bedeutung zu. In der Vorstellung der Roma kann der Totengeist des Verstorbenen eine bestimmte Zeit wiederkehren. Bei den Kalderaš beträgt die Zeit der möglichen Wiederkehr 40 Tage, bei anderen Gruppen (z.B. Sinti) bis zu einem Jahr. Erst danach kann der Verstorbene in die Gemeinschaft der den Menschen wohlgesinnten Ahnen aufgenommen werden. In bestimmten Situationen ist das Erscheinen des Totengeists durchaus erwünscht und wird als besondere Form der Zuneigung betrachtet. Fürchtet man jedoch die negative Einflussnahme des mulo, erfüllen bestimmte Rituale eine Schutzfunktion.

Eine Möglichkeit zur Besänftigung des mulo besteht darin, eine Schüssel mit Mehl und Wasser auf das Fensterbrett zu stellen und sie am nächsten Morgen nach Spuren zu untersuchen. In den Augen der Kalderaš geben die Spuren einen Hinweis auf die Befindlichkeit und die Bedürfnisse des mulo. Ist man der Meinung, er hat Hunger, schlachtet man zu Ehren des Toten ein Lamm und hofft, damit seinen mulo günstig zu stimmen. Rumänische Kalderaš nehmen ein Stück Erde vom Grab des Verstorbenen und werfen es in einen Brunnen. Es besteht der Glaube, dass der Totengeist dadurch "erstickt" und somit seiner Einflussmöglichkeit beraubt werden kann.

Die 40-Tages-pomana setzt der Einflussnahme des Totengeists ein rituelles Ende. In der Vorstellung rumänischer Kalderaš symbolisieren Bienen den endgültigen Übergang des Toten vom Diesseits ins Jenseits. Erscheint während der 40-Tages-pomana eine Biene und fliegt wieder weg, kündigt dies den Aufbruch des Verstorbenen ins Reich der Toten an. Nachdem die Gefahr einer Bedrohung durch den mulo mit der 40-Tages-pomana als abgewendet gilt, dienen die weiteren Totenmahle vor allem dazu, dass Verwandte und Freunde dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen und in feierlicher Form von ihm Abschied nehmen. Am ersten Jahrestag des Begräbnisses findet das letzte Totenmahl statt. Die Trauerzeit gilt damit als beendet.

Quellen

Heinschink, Mozes F. (2002) Unveröffentlichtes Interview mit Dragan Jevremović (Kalderaš). Wien.
Heinschink, Mozes F. (2002) Unveröffentlichtes Interview mit Fatma Heinschink (Sepečides). Wien.
Phonogrammarchiv, Österreichische Akademie der Wissenschaften: Sammlung Heinschink: KR 13E (Kalderaš [Sebes]) .

Literatur

Cech, Petra / Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (eds.) (2001) Fern von uns im Traum ... / Te na dikhas sunende .... Märchen, Erzählungen und Lieder der Lovara, Klagenfurt.
Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (1996) Sprache und Musik der österreichischen Roma. In: GLS 46, pp. 61-110.
Ficowski, Jerzy (1992) Wieviel Trauer und Wege. Zigeuner in Polen (= Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 7), Frankfurt.
Fonseca, Isabell (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München.
Halwachs, Dieter W. (2001) Romani in Österreich. In: Halwachs, Dieter W. / Menz, Florian (eds.) Die Sprache der Roma. Perspektiven der Romani-Forschung in Österreich im interdisziplinären und internationalen Kontext, Graz, pp. 1-37.
Heinschink, Mozes F. / Hemetek, Ursula (eds.) (1994) Roma. Das unbekannte Volk. Schicksal und Kultur, Wien.
Heinschink, Mozes F. (2002) Zum Verhältnis zwischen Roma und Landlern. In: Bottesch, Martin / Grieshofer, Franz / Schabus, Wilfried (eds.) Die siebenbürgischen Landler. Eine Spurensicherung, Wien, pp. 381-408.
Mayerhofer, Claudia (1999) Dorfzigeuner. Kultur und Geschichte der Burgenland-Roma von der Ersten Republik bis zur Gegenwart, Wien.
Remmel, Franz (1993) Die Roma Rumäniens. Volk ohne Hinterland, Wien.
Schindegger, Florian (1997) Lebensweise von Zigeunern in Wien am Beispiel der Festtradition der Kalderaš. Wien.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Yoors, Jan (1982) Die Zigeuner. Frankfurt.
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Image Ioan Cioaba über die "pomana"
Image Dragan Jevremović über die "pomana"
Image Dragan Jevremović über das Totenbrauchtum bei den Kalderaš
Image "Canlık" (muslimisches Totengedenken) – Gebetsrezitation in Arabisch