Arlije

Arlije steht als Bezeichnung für eine heterogene Roma-Gruppe vom Südbalkan, die als Muslime in der südbalkanisch-westrumelischen Kulturtradition steht. Der Name Arlije, auch Erli bzw. Erlides, ist ein Hinweis auf die frühe Sesshaftigkeit dieser Roma-Gruppe(n): Türk. yerli bedeutet "Eingeborener". Gemeinsam ist allen Arlije die Prägung durch die osmanisch-islamische, oder exakter die westrumelische Kulturtradition.

Im Rahmen der Arbeitsmigration ab den sechziger Jahren kommen Angehörige dieser Gruppe nach Österreich: in der Mehrheit aus Prilep, Mazedonien, aber auch aus den ebenfalls mazedonischen Orten Kumanovo und aus der Šutka bei Skopje (die Šutka ist mit über 30.000 Einwohnern die weltweit größte Roma-Siedlung) sowie aus Prizren im Kosovo. In Prilep leben neben Arlije, die etwa 90% der Roma-Bevölkerung ausmachen, auch Angehörige der Džambas (Pferdehändler etc.), die von den Arlije auch als Mahadžir ("Einwanderer") bezeichnet werden, und einige wenige Familien der Čergárja ("Zeltbewohner").

Da es nur wenige Publikationen über diese Arlije-Gruppe gibt, kann nach Auskunft von Gewährspersonen nur vermutet werden, dass ein Teil von ihnen um die Jahrhundertwende aus Südserbien (Leskovac) zugewandert ist oder vielleicht z.T. auch aus Tito Veles, wohin verwandtschaftliche Beziehungen bestehen und wo fast die gleiche Romani-Variante gesprochen wird. Die Prileper Arlije sind Kleinbauern, Land- und Fabriksarbeiter im Tabakanbau und der Weiterverarbeitung oder verdienen sich ihren Lebensunterhalt als Lastenträger und Schuhputzer. Daneben gibt es auch eine wohlhabendere Schicht von Handwerkern: Zimmerleute, Ofensetzer, Uhrmacher, Mechaniker oder Elektriker. [ Traditionelle Berufe]

Gegenwärtige Situation in Österreich

Die Einwanderung nach Österreich erfolgt nach dem üblichen Muster der Arbeitsmigration: Vorerst kommen nur Männer, die genügend Geld verdienen und danach zurückkehren wollen. Nachdem der Aufenthalt länger als geplant dauert, folgen Frauen, Kinder und deren Großeltern sowie andere Verwandte, wodurch sich der Lebensmittelpunkt ganzer Großfamilien nach Österreich verlagert. Die heute in Österreich lebenden Arlije sind in der überwiegenden Mehrheit österreichische Staatsbürger.

Im Gegensatz zu den Kalderaš ist den Arlije die "Flucht aus der Lohnabhängigkeit" kein großes Anliegen. Die Ersteinwanderer bleiben in ihren Berufen und arbeiten teilweise bis heute als Hilfsarbeiter in Fabriken oder am Bau bzw. die Frauen als Haushaltshilfen oder Küchenhilfen und Reinigungspersonal in diversen Betrieben. Die in Österreich geborenen bzw. aufgewachsenen Kinder der Einwanderergeneration schaffen zum Großteil den sozialen Aufstieg durch bessere Ausbildung und sind heute als Facharbeiter in verschiedensten Berufen tätig. Ebenso wie andere vom Balkan eingewanderte "Gastarbeiter" sind die österreichischen Arlije heute "teilintegriert" und leben wie viele österreichische Arbeiterfamilien in relativem Wohlstand im Großraum Wien.

Der Großfamilienzusammenhalt ist in der Regel noch gegeben, die einzelnen Subgruppen bilden "closed network communities" und haben auch Kontakte mit Verwandten im Herkunftsland sowie mit Mitgliedern der Großfamilien bzw. Sippen, die in andere europäische Staaten – Deutschland, Schweiz etc. – bzw. nach Übersee – USA, Australien – ausgewandert sind.

Als moslemische Gruppe feiern die Arlije islamische Feste. Große Feste, bei denen sich die ganze Gruppe und auch Arlije aus dem Ausland versammeln, sind: Hochzeiten (Mischehen sind noch relativ selten, man heiratet nach wie vor hauptsächlich innerhalb der Volksgruppe); Namensgebungsfeste und Feiern zu traditionellen Feiertagen im Jahreskreis, wie z.B am Herdelezi, am St. Georgstag (6. Mai), der auch von nichtmoslemischen Roma (z.B. Kalderaš) unter dem Namen Djurdjevdan gefeiert und traditionsreich begangen wird.

Die Arlije sind untereinander kontaktfreudig und schnell zur Organisation von Veranstaltungen bereit. Es gab jahrelang einen Verein dieser Gruppe in Wien, der allerdings vor einigen Jahren aufgelöst wurde. Das Interesse an Folklore, Tanz und Musik ist groß. Es gibt Märchen türkischen Ursprungs in Romani, die von der älteren Generation noch – wenn auch sehr selten – erzählt werden.

Text beruht im Wesentlichen auf

Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (1996) Sprache und Musik der österreichischen Roma. In: GLS 46, pp. 61-110.
Halwachs, Dieter W. (2004) Roma und Romani in Österreich. http://www-gewi.kfunigraz[...]ni/ling/romani-at.de.shtm.

Literatur

Halwachs, Dieter W. (2001) Romani in Österreich. In: Halwachs, Dieter W. / Menz, Florian (eds.) Die Sprache der Roma. Perspektiven der Romani-Forschung in Österreich im interdisziplinären und internationalen Kontext, Graz, pp. 1-37.
Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (1993) Zur Mehrsprachigkeit der Zigeuner in Österreich. In: Halwachs, Dieter W. / Stütz, Irmgard (eds.) Sprache-Sprechen-Handeln. Akten des 28. Linguistischen Kolloquiums, Tübingen, pp. 229-236.
Heinschink, Mozes F. / Hemetek, Ursula (eds.) (1994) Roma. Das unbekannte Volk. Schicksal und Kultur, Wien.
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