Burgenland-Roma

Die im heutigen Burgenland, dem an Ungarn grenzenden östlichsten Bundesland Österreichs, siedelnden Roma sind Teil einer Gruppe, deren Mitglieder in der älteren Literatur als ungrische Roma, Ungrika-Roma und auch Romungri bezeichnet werden. Kennzeichen dieser im Westen des ungarischen Einflussgebiets von der Südslowakei bis Nordslowenien lebenden Roma sind ihre lange Sesshaftigkeit und daraus resultierend die starke Prägung durch die ungarische Kultur.

Geschichte

Ende des 14. Jahrhunderts werden in Westungarn, zu dem das heutige Burgenland damals gehört, erstmals Roma erwähnt. Ab Beginn des 15. Jahrhunderts kommen größere Gruppen ins westungarisch-pannonische Grenzgebiet, darunter auch die Vorfahren der heutigen Burgenland-Roma. Anfangs werden sie von einem Teil des ungarischen Adels – höchstwahrscheinlich weil sie als Soldaten oder Schmiede Kriegsdienst leisten – geduldet und z. T. auch gefördert, was zu ersten Ansiedlungen führt: In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts sind Dorfgründungen unter Christoph Batthyány urkundlich belegt. Im Unterschied zu den liberalen Batthyány, die das Südburgenland beherrschen, vertreiben die nordburgenländischen Esterházy die Roma aus ihrem Herrschaftsgebiet; ein Gegensatz, der die damalige Situation der Roma zwischen Akzeptanz und Diskriminierung aufzeigt.

Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft in Ungarn 1688 ändert sich die Situation der westungarischen Roma: Es wird festgelegt, dass sie des Landes zu verweisen und bei Nichtbefolgung hinzurichten sind. Ein weiterer negativer Höhepunkt ist die Herrschaft Karls VI. (1711–1740). Er erklärt die Roma für "vogelfrei", wodurch es gleichzeitig mit dem kulturellen Höhepunkt des Barocks zu den so genannten "Zigeunerjagden" kommt. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind die Roma vom ebenso menschenverachtenden Assimilationsprogramm der Nachfolger Karls VI. – Maria-Theresia und Joseph II. – betroffen: Nomadisierungs- und Sprachverbot, Mischehenzwang, Wegnahme der Kinder und deren Erziehung in Bauernfamilien usw.

In der Zeit nach Joseph II. werden diese Verordnungen weniger streng durchgeführt, Diskriminierung und Verfolgung der Roma hören damit aber keineswegs auf. Sie leben am Rande der Gesellschaft in so genannten, am Ortsrand gelegenen "Zigeunerhäusern" und gehen mobilen Nischenberufen als Korbflechter, Gelegenheitsschmiede, Scherenschleifer, Besen- und Bürstenbinder etc. nach oder sind als Berufsmusiker bzw. Saisonarbeiter in der Landwirtschaft tätig.

Im Fünf-Ethnien-Gebiet Westungarn (Deutschsprachige, Ungarn, Kroaten, Roma, bis zur NS-Zeit auch Juden) stehen die Roma – im übrigen bis heute – am unteren Ende der ethnischen Wertigkeitsskala. Von den ca. 7.000 bis 8.000 Burgenland-Roma vor 1938, die auch schon von den Behörden der Ersten Republik in der Zwischenkriegszeit diskriminiert wurden ("Zigeunererhebung"), überleben nur wenige die NS-Zeit , wobei die "Denkschrift des Landeshauptmanns für das Burgenland PG Dr. Portschy" vom August 1938 eine wesentliche Rolle spielt. Dieser Denkschrift zufolge werden die Burgenland-Roma von den Nazis als Mischlinge eingestuft, was bei der damaligen Rassen- und Reinheitsideologie mehr bedeutete, als nur "Zigeuner" zu sein. In erster Linie fällt die damalige Großelterngeneration, die kulturtragende und kulturtradierende Gruppe innerhalb jeder Minderheit, dem Genozid der Vernichtungsmaschinerie der Nazis zum Opfer.

Die wenigen, im gesamten Burgenland nur ein paar hundert, Überlebenden stehen nach ihrer Befreiung vor dem Nichts: Die Siedlungen sind dem Erdboden gleichgemacht, das wenige Eigentum ist verschwunden. Viel problematischer als dieser materielle Verlust sind jedoch die fehlende, da durch den Genozid zerstörte Soziostruktur und der Umstand, dass Stigmatisierung und Diskriminierung mit Kriegsende keineswegs aufhören. Den Überlebenden wird fast keine Unterstützung gewährt und häufig werden ihnen auch anderen KZ-Opfern zugestandene Entschädigungen verweigert. Darüber hinaus werden Roma mit der auch heute noch bzw. wieder häufiger an manchen "Wirtshaustischen" zu hörenden zynischen Frage konfrontiert, warum es sie denn nicht auch "erwischt" hätte.

Ohne Rückhalt und Geborgenheit in der funktionierenden Groß-Gruppe, was Stigmatisierung und Diskriminierung bis in die Zwischenkriegszeit erträglicher bzw. psychisch leichter verarbeitbar gemacht hat, können nur einige wenige der Überlebenden die traumatischen Erlebnisse in den Vernichtungslagern und die Behandlung durch Nicht-Roma sowie die Ignoranz der Behörden nach dem Krieg verkraften. Viele wollen nicht länger "Zigeuner" und damit "minderwertig" sein.

Symptome der daraus resultierenden, quasi "selbst verordneten Zwangsassimilation" sind Sprachverweigerung, Namensänderungen, die Tendenz zu Mischehen und die Abwanderung in die Anonymität der ostösterreichischen Städte. Die im Burgenland Gebliebenen sind aber keineswegs in der Mehrheitsbevölkerung aufgegangen: Für einen Großteil ändert sich der Status von dem einer ethnischen zu dem einer sozialen Minderheit, mit allen Negativkomponenten aufgrund der Ausgrenzung.

Eine Möglichkeit, aus der sozialen Isolation auszubrechen, bietet sich den Burgenland-Roma in größerem Rahmen erstmals während der wirtschaftlichen Hochkonjunktur der 60er und 70er Jahre. Bei denjenigen, welche in dieser Zeit die Teilnahme an der Wohlstandsgesellschaft und den sozialen Aufstieg schaffen, steigt auch das Selbstwertgefühl: Rom sein heißt nicht länger nur Armut und Ausweglosigkeit.

Gegenwärtige Situation

Heute schätzen die Burgenland-Roma ihren Anteil an der österreichischen Gesamtbevölkerung auf 2.500 bis 5.000 Personen. Größere Ansiedlungen findet man in der Wart (= Oberwart und umliegende Gemeinden), einige Roma bzw. Roma-Familien leben auch im Mittel- und Nordburgenland oder haben sich – wie bereits erwähnt – in ostösterreichischen Städten niedergelassen. Primär aufgrund ihrer jeweiligen sozialen Situation kann man drei Subgruppen unterscheiden:

  • diejenigen, die sich assimiliert haben, sich nicht mehr als Roma fühlen bzw. in der Mehrheitsbevölkerung aufgegangen sind – folglich auch nicht Teil der oben genannten Schätzung sind – und heute größtenteils in den ostösterreichischen Städten leben,
  • diejenigen, die sich zum Teil emanzipiert haben und sich zur ethnischen Identität bekennend in relativem Wohlstand z.T. zusammen mit der Mehrheitsbevölkerung leben, und
  • diejenigen, die als stigmatisierte und diskriminierte (soziale) Minderheit nach wie vor, auch räumlich gesehen, am Rande der Gesellschaft leben.

Es existieren heute noch die "Zigeunerhäuser" am Rand der Dörfer und Städte. Nicht nur die Roma-Siedlung des südburgenländischen Wirtschaftszentrums Oberwart wirkt von ihrer Lage her wie ein Ghetto am Rand der Stadt. Roma werden bei der Arbeitssuche und bei Behörden nach wie vor diskriminiert, die Vorurteile sind nach wie vor stark. Der Mehrheitsbevölkerung sind die Namen der Roma-Familien bekannt, wo Zweifel bestehen, wird ungeniert gefragt, ob sie "Zigeuner" seien, und bei Bejahung werden die Anliegen oft abgelehnt oder widerwillig behandelt, wie beispielsweise bei der Suche nach Wohnungen, Bewerbungen um einen Arbeitsplatz und um Lehrstellen für junge Roma oder bei Ansuchen um Genehmigungen aller Art.

Verstöße gegen die Rechte des Einzelnen sind keine Seltenheit, manchmal werden über junge Roma Lokalverbote verhängt. Ein solches Gaststättenverbot, konkret ein über junge Roma verhängtes Verbot, eine Diskothek zu betreten, war im Jahr 1989 auslösendes Moment für die Gründung des Vereins Roma in Oberwart, was binnen kurzer Zeit auch zur Gründung einer von öffentlichen Stellen finanzierten Beratungsstelle für Roma geführt hat. Diese hat sich in den Jahren seit ihrer Gründung zur Anlaufstelle primär für die im Bezirk Oberwart lebenden Volksgruppenmitglieder entwickelt und kann mittlerweile große, wenn auch unspektakuläre Erfolge aufweisen, wie beispielsweise eine Lernbetreuungsgruppe für schulpflichtige Roma-Kinder, Arbeitstraining für junge Roma und die Möglichkeit der Hilfestellung bzw. Beratung bezüglich Arbeitsplatz und Ausbildungsstelle sowie Erfolge in der Lösung verschiedenster anderer sozialer Probleme.

Durch die politischen, kulturellen und sozialen Aktivitäten sowohl des Vereins Roma in Oberwart als auch des in Wien ansässigen Kulturvereins österreichischer Roma ist auch das Selbstwertgefühl innerhalb der Gruppe gestiegen. Einen gewissen Anteil daran hat die – wenn auch um Jahrzehnte zu spät erfolgte – offizielle Anerkennung der Roma als österreichische Volksgruppe im Dezember 1993.

Text beruht im Wesentlichen auf

Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (1996) Sprache und Musik der österreichischen Roma. In: GLS 46, pp. 61-110.
Halwachs, Dieter W. (2004) Burgenland-Romani – Gruppe und Variante. http://www-gewi.kfunigraz[...]/romani/ling/bgld.de.shtm.

Literatur

Benkö, Joska (1979) Zigeuner, ihre Welt – ihr Schicksal. Unter besonderer Berücksichtigung des Burgenländischen und Ungarischen Raumes, Pinkafeld.
Halwachs, Dieter W. / Menz, Florian (eds.) (1999) Die Sprache der Roma. Perspektiven der Romani-Forschung in Österreich im interdisziplinären und internationalen Kontext, Klagenfurt.
Heinschink, Mozes F. / Hemetek, Ursula (eds.) (1994) Roma. Das unbekannte Volk. Schicksal und Kultur, Wien.
Mayerhofer, Claudia (1999) Dorfzigeuner. Kultur und Geschichte der Burgenland-Roma von der Ersten Republik bis zur Gegenwart, Wien.
Mühl, Dieter (1999) Die Roma von Kemeten. Oberwart.
Schwarzmayer, Eva M. (1992) Die Geschichte der Burgenland-Roma seit 1945. Wien.
Steinmetz, Selma (1966) Österreichs Zigeuner im NS-Staat. Wien.
Thurner, Erika (1983) Nationalsozialismus und Zigeuner in Österreich (= Veröffentlichungen zur Zeitgeschichte 2). Wien.
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Forchtenau (Bgld./Österreich), Zwischenkriegszeit
Roma verlassen die Siedlung (Oberwart [Bgld.]/Österreich)
Roma-Siedlung (Oberwart [Bgld.]/Österreich), 1999