Gurbet

Geschichte und Sprache

Die Gruppenbezeichnung Gurbet hat ihren Ursprung im Arabischen und gelangte über das Türkische ins Romani. Es bedeutet "Fremde" oder "Fremdarbeit". Gurbet zählen, wie auch die Kalderaš und Lovara, zu den Vlach-Roma, deren Sprache eine starke rumänische Prägung aufweist. Zurückzuführen ist diese sprachliche Beeinflussung auf die jahrhundertlange Leibeigenschaft und Versklavung der Roma in den Gebieten des heutigen Rumäniens. Nach der Aufhebung der Sklaverei (1856) verließen viele Gurbet die Fürstentümer Moldau und Walachei und zogen mehrheitlich nach Serbien, Mazedonien und in den Kosovo.

Innerhalb der Gurbet gibt es mehrere Untergruppen. Im Großraum Šabac (Serbien) bezeichnen sich Gurbet-Gruppen unter anderem als Njamcura (Deutsche) oder Xoraxane (Türken / Moslems). Allen Gurbet gemeinsam ist eine sprachliche Besonderheit, die sie von anderen Roma-Gruppen unterscheidet: Im Gurbet-Romani sind Singular und Plural des Verbs "sein" in der Mitvergangenheit nicht identisch (sasa"er / sie / es war"; sesa"sie waren"). Zudem wurde im Gurbet-Romani die in anderen Vlach-Romani-Varianten übliche Änderung von čh bzw. zu š bzw. ž nicht vollzogen.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Vlach-Roma-Gruppen, die sich mit einem bestimmten Beruf identifizieren, üben Gurbet seit jeher die unterschiedlichsten Berufe aus. Am ehesten lässt sich der Handel, vor allem der Pferdehandel, zu ihren traditionellen Gewerben zählen. Viele Gurbet arbeiten aber auch in der Landwirtschaft oder sind als Handwerker tätig. [Berufe] Zu den international bekanntesten Gurbet-Persönlichkeiten gehören Rajko Djurić, Schriftsteller und Historiker, sowie der Lyriker und Prosaautor Ali Krasnići.

Gegenwärtige Situation in Österreich

Im Rahmen der Arbeitsmigration sind Gurbet ab den 1960er Jahren als "Gastarbeiter" aus Serbien und Mazedonien (z.B. Kumanovo, Skopje) nach Österreich gekommen. Die Anzahl der heute in Wien lebenden Gurbet ist nicht eruierbar; es dürften jedoch einige Hundert sein. Sie sind heute in der überwiegenden Mehrheit österreichische Staatsbürger.

Sozial gesehen sind die österreichischen Gurbet etabliert; d.h. sie haben zumindest den gleichen Lebensstandard wie die anderen als Gastarbeiter in den 1960er Jahren vom Balkan gekommenen heutigen Österreicher. Was sie jedoch von Nicht-Roma-Migranten unterscheidet, ist der Umstand, dass sie versuchen, Lohnabhängigkeit weitgehend zu vermeiden, und selbstständige Tätigkeiten (Handel mit Gebrauchtwaren, Geschäftsgründungen etc.) bevorzugen. Dieses Streben nach relativer Unabhängigkeit ist zwar weniger stark ausgeprägt als bei den Kalderaš, trägt jedoch auch bei den Gurbet dazu bei, dass die traditionelle Sozialstruktur nach wie vor intakt ist.

Die Festtradition ist, ebenso wie die Großfamilienstruktur, ungebrochen. Serbisch-orthodoxe Gurbet feiern ähnlich wie die Kalderašabàv (Hochzeit), slava (Fest jeder Familie, am Tag eines bestimmten Heiligen), pomana (Totenmahl) oder djurdjevdan (St. Georgstag) (1). Die moslemischen Gurbet begehen die Feiertage entsprechend ihrer Religionszugehörigkeit.

Der bekannteste österreichische Gurbet ist der 1950 in Rumska in der Nähe von Belgrad geborene Schriftsteller Ilija Jovanović. Seit 1971 lebt und arbeitet er in Wien. Nach einigen Publikationen in Zeitschriften und Anthologien sowie zahlreichen Lesungen wurde 2000 sein erstes Buch, der Gedichtband "Bündel – Budžo" in Romani und Deutsch, veröffentlicht. Ilja Jovanović erzählt in seinen Gedichten und Prosastücken vom Alltag seiner Kindheit, von Armut, Lebensfreude und der Geschichte seines Volkes. Sein Werk ist Ausdruck des erlittenen Identitätsverlustes und der gleichzeitigen mühevollen Suche nach Heimat und neuer Identität. Ilija Jovanovićs bisherige literarische Arbeit wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

1 Einige serbisch-orthodoxe Gurbet Familien feiern auch das so genannte Bibi-Fest (bibiako). Bibi bedeutet "Tante" und bezeichnet eine Heilige, die von serbischen Roma als Beschützerin, besonders der Kinder, verehrt wird. Rajko Djurić vermutet, dass die religiösen Bräuche zur Feier der Heiligen Bibi indischen Ursprungs sind. Es würden sich darin zahlreiche Merkmale der indischen Göttin Durga wiederfinden.

Literatur

Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (1996) Sprache und Musik der österreichischen Roma. In: GLS 46, pp. 61-110.
Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Halwachs, Dieter W. (2004) Roma und Romani in Österreich. http://www-gewi.kfunigraz[...]ni/ling/romani-at.de.shtm.
Halwachs, Dieter W. (2001) Romani in Österreich. In: Halwachs, Dieter W. / Menz, Florian (eds.) Die Sprache der Roma. Perspektiven der Romani-Forschung in Österreich im interdisziplinären und internationalen Kontext, Graz, pp. 1-37.
Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (1993) Zur Mehrsprachigkeit der Zigeuner in Österreich. In: Halwachs, Dieter W. / Stütz, Irmgard (eds.) Sprache-Sprechen-Handeln. Akten des 28. Linguistischen Kolloquiums, Tübingen, pp. 229-236.
Heinschink, Mozes F. (1994) E Romani Čhib – Die Sprache der Roma. In: Heinschink, Mozes F. / Hemetek, Ursula (eds.) Roma. Das unbekannte Volk. Schicksal und Kultur, Wien, pp. 110-128.
Jovanović, Ilija (2000) Bündel / Budžo. Gedichte / Djila (Deutsch / Romanes), Landeck.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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Image Erinnerungen aus meiner Kindheit
Image Das Bündel
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Ilija Jovanović (Maria Zell [Stmk.]/Österreich), 2001