Kalderaš

Geschichte

Kalderaš sind die wohl am weitesten verbreitete Roma-Gruppe. Ihre Vorfahren sind nach Verlassen des kleinasiatischen Raumes zunächst nach Moldawien/Walachei gewandert. Der allgemeinen Lehrmeinung zufolge verließ die Mehrzahl der Vlach-Roma den rumänischen Raum erst nach Aufhebung der Sklaverei 1855/56 und wanderte nach Westen. Es existieren aber unter den heute in Österreich ansässigen Kalderaš keine Überlieferungen über Vorfahren in Rumänien. Es müssten zumindest die Großeltern der nach Österreich eingewanderten Generation Erinnerungen ihrer noch in Rumänien geborenen Großeltern weitergeben können, was jedoch nicht der Fall ist; soweit die Überlieferung zurückreicht, ist nur von Vorfahren in serbischen Siedlungsgebieten die Rede. Es scheint, dass schon vor Aufhebung der Sklaverei 1855/56 Vlach-Roma in größerer Zahl den rumänischen Raum verlassen haben. Kalderaš leben heute in vielen Ländern der Welt: in Europa besonders in Schweden, Frankreich, Belgien, Russland, Polen, Rumänien, Serbien; die Literatur über diese Gruppe ist in den meisten Ländern sehr umfangreich.

Im Rahmen der Arbeitsmigration sind Kalderaš ab den sechziger Jahren als so genannte "Gastarbeiter" aus Serbien nach Österreich gekommen. Die Einwanderung erfolgt nach dem üblichen Muster der Arbeitsmigration: Anfangs kommen Männer, die aufgrund des gruppenspezifischen Handwerks – Kesselflicker, Kupferschmiede – hauptsächlich in der (Bau-) Metallbranche Arbeit finden und vorhaben, wieder nach Serbien zurückzukehren, nachdem sie ausreichend Geld verdient haben. Aufgrund des länger als ursprünglich geplanten Aufenthalts folgen dann auch die Familien: erst die Frauen, dann die Kinder und z.T. auch deren Großeltern sowie weitere Verwandte bzw. Mitglieder der Großfamilie. Dadurch verlagert sich der Lebensmittelpunkt einer ganzen Sippe von Serbien nach Österreich in den Großraum Wien.

Gegenwärtige Situation

Die Kinder wachsen in Österreich auf und besuchen österreichische Schulen. Die Bindung an Serbien nimmt mit dem Alter ab, die in Österreich Aufgewachsenen haben, wenn überhaupt, nur mehr eine indirekte, aufgrund der ursprünglichen Herkunft von Eltern bzw. Großeltern gestiftete Beziehung zu deren Emigrationsland. Zumindest die Mitglieder der jüngeren Generation sind heute österreichische Staatsbürger.

Sozial gesehen sind die österreichischen Kalderaš etabliert; d.h. sie haben zumindest den gleichen Lebensstandard wie die anderen als Gastarbeiter in den 60er Jahren vom Balkan gekommenen heutigen Österreicher. Aufgrund ihres traditionellen HandwerksKalderaš = Kesselflicker – haben viele Männer Metall ver- oder bearbeitende Tätigkeiten angenommen, z.B. als Installateur etc. Was sie von den Nicht-Roma-Gastarbeitern unterscheidet, ist der Umstand, dass sie relativ rasch versucht haben, aus den typischen Gastarbeiterberufen in selbständige Tätigkeiten zu wechseln oder sich zumindest neben einem Dienstverhältnis ein zweites, unternehmerisches Standbein zu schaffen. Die Bandbreite reicht dabei von Geschäftsgründungen – Gaststätten, u.a. auch eine Blumenhandlung – bis zum Altwarenhandel auf Flohmärkten. Die Tätigkeiten im Altwarenhandel, sei es mit eigenen Geschäften oder mit Ständen auf Flohmärkten, entsprechen alten "Roma-Tugenden", nämlich: All das, was die Gadže als unbrauchbar wegwerfen, wieder zu verwerten und zu Geld zu machen.

Dieser Drang zur Selbstständigkeit ist typisch für Kalderaš, die immer versuchen, eine zu große Abhängigkeit von den Gadže zu vermeiden. Das hat im Fall der österreichischen Kalderaš nicht nur Vorteile für diese selbst gebracht, sondern auch für die Mehrheitsbevölkerung. Da sie in ihrem Streben nach relativer Unabhängigkeit – wie alle Roma, immer schon – auf ökonomische Nischen angewiesen sind, sind die selbstständigen Tätigkeiten – ob Geschäftsgründungen oder in der Recycling-Wirtschaft am Flohmarkt – durchaus auch für die Allgemeinheit von Bedeutung.

Trotz dieser scheinbaren "Teilintegration" in die österreichische Gesellschaft, die sich auch im relativen Wohlstand der einzelnen Familien äußert, ist der Gruppenzusammenhalt gegeben. Die Kalderaš bilden ein "closed network" innerhalb der großstädtischen "open network society": Die Romani-Variante, der Kalderaš-Dialekt der einzelnen Gruppen in den verschiedensten Ländern ist erstaunlich homogen geblieben.

Die Soziostruktur der in Österreich ansässigen Kalderaš ist noch intakt. Der Gruppenzusammenhalt ist stark und grenzüberschreitend. Ein Kalderaš aus dem Ausland wird mit einem Fest (paćiv) empfangen und wie eine hoch gestellte Persönlichkeit behandelt. Finanzielle Überlegungen haben dabei keine Rolle zu spielen. Durch diese Tradition existiert für reisende Kalderaš in jedem Land sofort und ungeachtet vorheriger Kontakte ein funktionierendes soziales Netz, das durch Heiraten quer über die Grenzen noch intensiviert wird. Jede Familie hat dadurch einen guten Überblick über Aufenthalt und Reisen der Verwandtschaft im Ausland, was jederzeit gegenseitige Hilfeleistungen ermöglicht.

Die Festtradition ist, ebenso wie die Großfamilienstruktur, ungebrochen. Abàv (Hochzeiten), slava (Fest jeder Familie, am Tag eines bestimmten Heiligen), kris (Rechtszusammenkünfte unter Vorsitz der den höchsten Respekt genießenden Autoritätspersonen bei Streitigkeiten innerhalb der Gruppe) und pomane (Totenfeiern nach einer genauen Tradition in bestimmten Abständen bis ein Jahr nach dem Tod der betreffenden Person) werden unter großem Aufwand (200 Anwesende sind keine Seltenheit) traditionsgemäß gefeiert. Bemerkenswert ist die Offenheit der Kalderaš gegenüber Gadže. Kontakte zu den Nicht-Roma aus dem Bekanntenkreis werden sehr gepflegt, Arbeitskollegen und Freunde sind gern gesehene Gäste. Die Familienstrukturen (frühe Verheiratung der Jugendlichen, Brautpreis, Werbungsritual und strenge moralische Maßstäbe) sind nach wie vor stabil. Der Konservativismus hat, was die Verehelichungstraditionen betrifft, in den letzten Jahren eher noch zugenommen. Die Jugend führt die Traditionen kontinuierlich fort. Mischehen sind selten, da sich Roma, die Nicht-"Zigeuner" heiraten, an den Rand der Sozietät manövrieren.

Die österreichischen Kalderaš nehmen aktiv an öffentlichen Roma-Veranstaltungen teil, ihre Repräsentanten sind primäre Träger des Wiener Vereins Romano Centro (Obmann: Dragan Jevremović). Da sie im Gegensatz zu den bisher behandelten Gruppen weniger negative Erfahrungen im Kontakt mit der Mehrheitsbevölkerung haben, sind sie "Nicht-Roma" gegenüber offen und aufgeschlossen. Diese positive Einstellung der Kalderaš war den Volksgruppenaktivitäten der letzten Jahre sicherlich förderlich und hat höchstwahrscheinlich auch dazu beigetragen, dass Mitglieder anderer Gruppen an den diversen kulturellen, sozialen und politischen Aktivitäten teilnehmen.

Text beruht im Wesentlichen auf

Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (1996) Sprache und Musik der österreichischen Roma. In: GLS 46, pp. 61-110.
Halwachs, Dieter W. (2004) Roma und Romani in Österreich. http://www-gewi.kfunigraz[...]ni/ling/romani-at.de.shtm.

Literatur

Halwachs, Dieter W. (2001) Romani in Österreich. In: Halwachs, Dieter W. / Menz, Florian (eds.) Die Sprache der Roma. Perspektiven der Romani-Forschung in Österreich im interdisziplinären und internationalen Kontext, Graz, pp. 1-37.
Hancock, Ian (1987) The Pariah Syndrome. An Account of Gypsy Slavery and Persecution, Ann Arbor.
Hancock, Ian (1987) Gypsy Slavery and Persecution. New York.
Heinschink, Mozes F. / Hemetek, Ursula (eds.) (1994) Roma. Das unbekannte Volk. Schicksal und Kultur, Wien.
Schindegger, Florian (1997) Lebensweise von Zigeunern in Wien am Beispiel der Festtradition der Kalderaš. Wien.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Wippermann, Wolfgang (1997) Wie die Zigeuner. Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich, Berlin.
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Image Amare krečunoske adetur – Unsere Weihnachtsbräuche
Image Soste, dale, bijandàn ma – Mutter, warum hast du mich zur Welt gebracht (Gedicht von Dragan Jevremović)
Image Dragan Jevremović im Interview mit Mozes Heinschink
Image Musik von Dragan Jevremović und Pera Petrović
Dragan Jevremović mit seiner Tochter Olivera (Wien), 2003