Sinti

Sinti ist die Eigenbezeichnung derjenigen Gruppe, die sich am längsten, nämlich seit dem 15. Jahrhundert, im mitteleuropäisch-deutschsprachigen Raum aufhält. Ab der Jahrhundertwende bis in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg sind Sinti aus Süddeutschland, Böhmen und Mähren ins heutige österreichische Staatsgebiet eingewandert. Nach Deutschland bestehen auch heute noch Kontakte unterschiedlicher Intensität, nach Böhmen nicht mehr.

Geschichte

Die österreichischen Sinti gingen verschiedenen mobilen Nischenberufen als wandernde Händler, Schirm- und Siebmacher, Akrobaten, Schauspieler, Instrumentenbauer und Musiker nach. Bis in die 30er Jahre konnten sie diesen Tätigkeiten trotz (zumindest versuchter) polizeilicher Erfassung und diverser diskriminierender Erlässe seitens der Behörden der Ersten Republik relativ ungehindert nachgehen. Waren bereits 1928 die Burgenland-Roma in einer "Zigeunerkartothek" erfasst worden, versuchte man das auch mit den Sinti durch die 1936 in Wien gegründete "Zentralstelle zur Bekämpfung des Zigeunerwesens". Mit dem Anschluss an Nazi-Deutschland begann die systematische Verfolgung: Auf Wanderverbot und bürokratische Erfassung folgten bereits im Sommer 1939 die ersten Internierungen. Ab 1940 wurde die Mehrzahl der österreichischen Sinti – wie auch der Roma – in Anhalte- und Konzentrationslager deportiert.

Nach dem Krieg nahmen die Überlebenden ihre alten Tätigkeiten wieder auf. Vom Nazi-Genozid massiv betroffen, haben die österreichischen Sinti nach dem Krieg jedoch nur mühsam und mit von Großfamilie zu Großfamilie unterschiedlichem Erfolg die zerschlagene Soziostruktur wieder herstellen können. Unterstützung seitens der Behörden und die anderen KZ-Opfern zugestandenen Entschädigungen wurden auch den Sinti lange verweigert. Im Gegensatz zu den Burgenland-Roma führten diese negativen Erfahrungen jedoch nicht zur "selbst verordneten Zwangsassimilation", sondern zu großem Misstrauen gegenüber der Mehrheitsbevölkerung, das sich in einer Abkapselung und Abschottung gegenüber der Mehrheitsbevölkerung äußert. Dies wird u.a. auch dadurch deutlich, dass Sinti nur zum Teil und wenn, dann sehr vorsichtig, ihre selbst gewählte Anonymität aufgeben und sich an der mit der Volksgruppenanerkennung verbundenen Öffnung beteiligen.

Gegenwärtige Situation

Die überwiegende Mehrzahl der Sinti lebt heute – zumeist von der Mehrheitsbevölkerung kaum wahrgenommen – in den größeren Städten aller Bundesländer mit Ausnahme des Burgenlands. Zum Teil werden – vor allem in den Sommermonaten – noch mobile Nischenberufe wie Altwarenhandel etc. ausgeübt. Durch diese saisonale Mobilität werden u.a. auch Kontakte mit Gruppen aus dem angrenzenden Ausland gepflegt, was wiederum die Tradierung spezifischer kultureller Eigenheiten – wie z.B. der komplizierten Reinheitsgebote und des Tabusystems – gewährleistet und damit auch der sozialen Stabilität innerhalb der österreichischen Sippen zugute kommt.

Sozial gesehen sind die österreichischen Sinti im Gegensatz zu einem Teil der Burgenland-Roma keine Randgruppe. Höchstwahrscheinlich aufgrund des langen Aufenthalts im deutschsprachigen Raum und aufgrund ihrer Ansiedlung in den Städten haben sie den wirtschaftlichen Aufschwung der Mehrheitsbevölkerung nach dem Krieg mitgemacht und unterscheiden sich, was den materiellen Wohlstand anbelangt, in der Regel nicht vom Durchschnittsösterreicher.

Text beruht im Wesentlichen auf

Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (1996) Sprache und Musik der österreichischen Roma. In: GLS 46, pp. 61-110.
Halwachs, Dieter W. (2004) Roma und Romani in Österreich. http://www-gewi.kfunigraz[...]ni/ling/romani-at.de.shtm.
Halwachs, Dieter W. (2001) Romani in Österreich. In: Halwachs, Dieter W. / Menz, Florian (eds.) Die Sprache der Roma. Perspektiven der Romani-Forschung in Österreich im interdisziplinären und internationalen Kontext, Graz, pp. 1-37.

Literatur

Awosusi, Anita (ed.) (1997) Die Musik der Sinti und Roma. Bd. 2. Der Sinti-Jazz (= Schriftenreihe des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma 6), Heidelberg.
Holzinger, Daniel (1993) Das Romanes. Grammatik und Diskursanalyse der Sprache der Sinte, Innsbruck.
Juhasz, Christiane / Heinschink, Mozes (1996) Koti džal o mulo ... Lieder österreichischer Sinti In: Jahrbuch des Österreichischen Volksliedwerkes 41, pp. 63-86.
Thurner, Erika (1983) Nationalsozialismus und Zigeuner in Österreich (= Veröffentlichungen zur Zeitgeschichte 2). Wien.
Winterstein, Adolf Boko (1998) Der Lebensbericht des Sinti-Musikers und Geigenbauers Adolf Boko Winterstein. Frankfurt.
Zimmermann, Michael (1996) Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische "Lösung der Zigeunerfrage", Essen.
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