Ungrika-Roma (Ungarische Roma)

Ungrika stammt vom Terminus Ungros (Ungar) ab. Die Fremdbezeichnung (Exonym) ist unbestimmt und bezieht sich auf mehrere Roma-Gruppen, die in der Slowakei oder in der Tschechischen Republik leben.

  • Servika-Roma verwenden den Terminus Ungrika für alle Roma, die einen "ungarischen"Romani-Dialekt sprechen, oder für Roma, deren Muttersprache inzwischen Ungarisch ist.
  • Die Roma in der südwestlichen Slowakei (um Galanta) haben den Namen Ungriko angenommen und behaupten von sich: "Wir sind Ungrika- (ungarische) Roma", weil sie unter ungarischen Gadže (Nicht-Roma) leben und darüber hinaus "ungarisches"Romani sprechen. Roma, die weiter im Osten (Hnúšťa, Klenovec) unter slowakischen Gadže leben, werden als Servi oder "slowakische" Roma bezeichnet, obwohl sie "ungarisches"Romani sprechen.
  • Die Roma in der Gegend von Hnúšťa, Klenovec etc. verwenden den Terminus Ungrika nur für jene Roma, die nun eher Ungarisch statt Romani sprechen.
  • Die Vlach-Roma nennen die ungarischen Roma Romungri.

Wie die Servika-Roma waren auch die "ungarischen" Roma mindestens drei Jahrhunderte lang sesshaft. Sie lebten in ihren pera, Roma-Siedlungen in den Dörfern und Städten; heute allerdings leben viele Familien unter Gadže.

Einige Zahlen: Wo und wie immer die Behörden eine Volkszählung der Roma durchführten, haben sie nie zwischen den einzelnen ethnischen Untergruppen unterschieden. Es wurden nur entweder sesshafte oder fahrende Roma in Betracht gezogen. Eine Auflistung aus dem Jahre 1893 bestätigt, dass in der Slowakei 36.231 "Zigeuner" lebten, von denen 35.623 sesshaft waren. Ein Gutteil von ihnen gehörte der Roma-Gruppe der Servika an. Aus der Interpretation der alten Aufzeichnungen auf die Anzahl der "ungarischen" Roma zu schließen, stellt immer noch eine unerfüllte Aufgabe der Historiker dar.

Die meisten "ungarischen" Roma verdienten ihren Lebensunterhalt mit der Musik. Ihr traditioneller Beruf war der des Musikers, was sie auf der ganzen Welt berühmt werden ließ. Gewöhnlich spielten sie für den ungarischen Adel, der auch die Slowakei regierte; denn bis 1918 stand die Slowakei unter ungarischer Herrschaft. Andere "ungarische" Roma arbeiteten als Schmiede und wie auch bei den Servika-Roma lebten einige Familien von der Herstellung von Körben und Besen.

Da das Land der südlichen Slowakei sehr fruchtbar ist und die Bauern Melonen, Kürbisse, Paprika und Tomaten anbauen, stiegen manche Roma-Familien in das Gemüsegeschäft ein: Sie gingen von Dorf zu Dorf und kauften das Gemüse von den prosti (Bauern), lieferten die Ware dann in die Städte und verkauften sie dort. Viele brachten es durch diese Tätigkeit zu Reichtum. Natürlich gab es auch bei den "ungarischen" Roma – nicht anders als bei anderen Roma und Nicht-Roma auch – sowohl arme als auch reiche Siedlungen und sowohl arme als auch reiche Familien. Dennoch ist zu erwähnen, dass der Lebensstandard der "ungarischen" Roma durchschnittlich höher als der anderer Roma-Gruppen ist.

Im Jahr 1939 nahm Ungarn, das mit NS-Deutschland verbündet war, die südliche Slowakei ein. Von den ab dem Jahr 1939 erlassenen Kriegsgesetzen waren auch die Roma betroffen. Roma-Männer wurden in der Folge wie alle anderen in die Armee eingezogen und an die Ostfront, in den Kampf gegen die Sowjetunion, geschickt. Bis September 1944 ließ das Staatsoberhaupt Admiral Miklós Horthy die Roma unangetastet. Als aber am Ende des Krieges der faschistische Ferenc Szálasi und seine "Pfeilkreuzler" ("Nyilas") die Macht übernahmen, wurde damit begonnen, Roma in Konzentrationslager zu deportieren. Die ersten in der besetzten Slowakei von den Verfolgungsmaßnahmen erfassten Roma waren aus der Gegend um Košice. (Es lebten dort Servika-Roma – keine "ungarischen" Roma.) Viele von ihnen starben in Dachau. Danach begannen die Faschisten, Roma auch aus den anderen Bezirken zu deportieren. Glücklicherweise konnten die Faschisten ihre Vernichtungspolitik dank des Kriegsendes nicht vollständig zu Ende führen.

Nach dem Krieg öffnete sich Böhmen für "ungarische" Roma. Der Krieg und danach der Kommunismus ließen die traditionellen Verbindungen zwischen den Roma und den Bauern verloren gehen. Die Roma konnten mit ihren traditionellen Berufen nicht länger für den Lebensunterhalt ihrer Familien aufkommen. Aus diesem Grund brachen viele "ungarische" Roma – wie auch die slowakischen und die Vlach-Roma – nach Böhmen auf, um dort nach Arbeit und einem Ort zum Leben zu suchen.

Unter den Ungrika-Roma gibt es herausragende Persönlichkeiten:

Musiker: Wahrscheinlich war die bekannteste Musikerpersönlichkeit die Violinistin und Bandleaderin Cinka Panna (1711-1772) aus Rožňava. Andere sind Ján Balog (1802-1876) und Pavol Rácz (1815-1885) sowie seine gesamter Klan. Auch ihre Frauen traten als Musikerinnen auf. Heute noch können die Ungrika-Roma stolz auf ihre herausragenden Musiker sein. Um nur zwei Namen zu nennen: Rinaldo Oláh und Ján Berki-Mrenica.

Schriftsteller: Dezider Banga (geb. 1938), Hilda Pášová (geb. 1941)

Künstler: Dezider Fertö (geb. 1921), Julius Lakatoš (geb. 1938), Ján Berky (geb. 1951), Ján Oláh-Širo (geb. 1959), Dušan Oláh (geb. 1960)

Politiker: Ján Cibula, MD (1932)

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