Gav / Vatra

Gav (Sanskrit: gráma; Hindi: gáu; Marwari: gáv): Dorf

Gav bezeichnet einen Ort, an dem jene wohnten, die ihren Lebensunterhalt durch die Landwirtschaft verdienten. Früher lebten die Gadže (prosti) in Dörfern und die Roma in ihren Siedlungen – den vatri (Kolonien, Lager, kleine Häuser, "Löcher" – pera) – innerhalb der Dörfer oder gänzlich außerhalb der Dörfer. Nur wenige Roma lebten tatsächlich in den Dörfern selbst (maškar o gav) unter den Gadže. In der Slowakei gibt es auch heute noch Roma-Siedlungen. Andererseits gibt es auch Dörfer, in denen Roma und Gadže eigentlich Seite an Seite leben.

Te phirel pal o gava ("von einem Dorf zum anderen schauen") ist ein Ausdruck mit bedeutungsvollem kulturellem Inhalt. Er drückt die Suche nach dem Lebensunterhalt aus. Früher gingen Roma-Frauen von Dorf zu Dorf und boten Metallgegenstände an, die ihre Männer hergestellt hatten (Ketten, Nägel, Hufeisen etc.), und sammelten Lumpen (alte Kleidungsstücke), die sie dann in den Städten verkauften.

Einige gingen in die Stadt, um pramaťi (kleine Dinge wie Krüge, Nadeln, Fäden und Geschirr) zu besorgen, und verkauften diese Waren an Hausfrauen. Die Gegenstände und Waren trugen sie in Tragetüchern, so genannten zajdi. Eine zajda konnte mitunter zwanzig oder dreißig Kilo wiegen. Die Frauen der Bauern bezahlten mit Nahrungsmitteln: Kartoffeln, Topfen, Butter, manchmal Eier oder Schinken. Gewöhnlich wurden nur Waren, die in der Stadt gekauft worden waren, mit Geld bezahlt.

Einige Roma-Frauen gingen zu den Frauen der Bauern und fragten um Arbeit im Haushalt (den Hof kehren, die Äste brechen, die Böden reinigen oder die Innenwände des Ofens, in dem Brot gebacken wird, beschichten). Wenn es keine Arbeit gab, gingen Roma-Frauen betteln.

Nur wenn sie genügend nach Hause mitbringen konnten, kehrten die Roma-Frauen aus den Dörfern zurück; manchmal war das vor Mittag, manchmal zu Mittag, manchmal erst im Laufe des Nachmittags. Dann bereiteten sie die erste Mahlzeit des Tages zu. Damals nahmen die meisten Roma am Morgen kein Frühstück ein. Die Phrase pal o gava phirel ("er/sie geht von Dorf zu Dorf") wird in vielen alten Čorikane-Liedern wiederholt:

Odi mri čori daj
Pal o gava phirel
Pal o gava phirel
Kotor maro mangel.
Meine ehrenwerte Mutter
geht von Dorf zu Dorf
geht von Dorf zu Dorf
und fragt um ein Stück Brot.

Junge Männer gingen pal o gava, um nach Bräuten Ausschau zu halten und um ihnen den Hof zu machen. Sie zogen immer in Gruppen durch zwei oder drei Dörfer und suchten nach Mädchen, die nicht mit ihnen verwandt waren, da es unter sesshaften Roma eine schwere Sünde darstellte, seine eigene "Schwester" – Cousine – zu heiraten.

Vatra (synonym: koloňija, taboris, romane khera – Romani: domky; romane chara; Romani: jámy; Ungrika Romani: pero): "Zigeuner-Siedlung"

Servika- und Ungrika-Roma lebten gewöhnlich in ihren Häusern in der Nähe von Dörfern oder völlig außerhalb der Dörfer (vgl. gav). In den meisten Fällen setzten Gadže keinen Fuß in "Zigeuner-Siedlungen". Die Gendarmerie ging nur dann in die Siedlungen, wenn es wirklich ernsthafte Probleme unter den Roma gab. Ansonsten kam vielleicht ein liberaler Pfarrer oder Lehrer.

Auch wenn ein terno (junger Mann) sich verheiraten wollte, ging er zu den bekannten Musikern der Siedlung, um sie für seine Hochzeit zu engagieren. Und wenn Bauern oder ihre Ehefrauen einen Rom engagieren wollten, damit sie (auf den Feldern) arbeiteten, oder wenn der Briefträger die Post austrug, hielten sie am Rande der Siedlung und riefen nach den Leuten, die sie brauchten.

Diese alte Sitte erinnert an einen typisch indischen Brauch. Heute noch lebt in den Dörfern jede Kaste (jati) in eigenen basti und jene, die sich selbst als "überlegen" fühlen, würden die basti von Menschen, die "niedrigeren" Kasten angehören, niemals betreten.

Andererseits ist es wichtig zu erwähnen, dass an immer mehr Orten die unsichtbaren Grenzen zwischen den eigentlichen Dörfern und den "Zigeunersiedlungen" durchbrochen wurden. Davon profitierten beide Seiten. Die Bauern waren auf die Arbeit der Roma angewiesen, und die Roma benötigten Nahrungsmittel als Entlohnung für ihre Arbeit. In den Zeiten, als die Gesellschaft noch viel strikter in Klassen unterteilt war, gab es nicht nur zwischen den Roma und den Gadže Barrieren, sondern auch zwischen anderen sozialen Gruppen: zwischen Landbesitzern und armen Gadže, zwischen Aristokraten und Bauern etc.

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Jakubovany (Slowakei), 2002
Siedlung der Servika-Roma
Siedlung der Servika-Roma