Baro Phral / Baro čhavo

baro phral / baro čhavo: ältester Bruder (wörtlich: "großer Bruder") / ältester Sohn (wörtlich: "großer Sohn"); entspricht im linguistischen und sozialen Sinn dem Hindi bará bháí. Da sich die Rolle des ältesten Bruders mit jener des ältesten Sohnes (und grundsätzlich mit Sohn und Bruder) vermischt, sollen im Folgenden diese Rolle und ihr sozialer Status behandelt werden.

Geburt eines Sohnes

Traditionelle Roma-Familien bevorzugten es, als erstgeborenes Kind einen Sohn zu bekommen. Die Gründe: Das Prestige der Familie erhöhte sich durch die Anzahl von männlichen Nachkommen, weil in der Roma-Gesellschaft der Mann immer der Frau übergeordnet war.

Murš – murš, džuvľi ča džuvľi.
"Ein Mann ist ein Mann und eine Frau ist nur eine Frau."
Murš hordinel kalapa pro šero, džuvľi ča khosno.
"Ein Mann trägt einen Hut auf seinem Kopf; eine Frau trägt nur einen Schal."

Durch die Geburt eines Sohnes vergrößerte sich die körperliche Stärke einer Familie, was vor allem bei Auseinandersetzungen von Bedeutung sein konnte. Stärke erhöhte den sozialen Status einer Familie.

Kaj e zor, odoj e goďi.
"Wo du Kraft findest, findest du Vernunft."

Die Männer waren dafür verantwortlich, Geld nach Hause zu ihren Familien zu bringen.

Murš kerel buťi, anel khere o love.
"Ein Mann arbeitet, er bringt das Geld heim."

Ein Mann nimmt seine Braut ([junge] Schwiegertochter: [terňi] bori) mit in seine Familie und bereichert diese so durch ein weiteres Mitglied, eine neue Arbeitskraft und die Mitgift, die die Braut manchmal von ihrer Familie erhält. Ein Bub kann einer Familie nie so viel Schande (ladž) bereiten wie ein Mädchen.

O čhavo našťi avel khere pereha.
"Ein Bub kann nicht mit einem (dicken) Bauch nach Hause kommen."

Finanzielle Verpflichtungen eines Sohnes

Vom ältesten Sohn wird nicht nur erwartet, dass er sein gesamtes Einkommen der Familie übergibt, d.h. im Regelfall seiner Mutter; es wird von ihm auch erwartet, dass er seine Braut in das Haus seiner Eltern mitbringt, wenn er heiratet. Erst wenn das Paar zwei oder drei Kinder hat und einen eigenen Haushalt gründet, beginnt der Mann seiner Frau Geld zu geben. Erst dann verfügen sie über ihre unabhängigen Geldmittel. Dann wird eine terňi bori ("junge Schwiegertochter") zu einer bori ("Schwiegertochter") und zu einer romňi ("Ehefrau").

Gewöhnlich gibt ein arbeitender Bruder seinen jüngeren und (noch) nicht arbeitenden Brüdern und Schwestern kein Geld, er unterstützt sie auf andere Weise.

K'amende na sas avka, kaj phralestar te las love, te sas mek slobodno. Odi phen ladžalas le phralestar te lel love.
"In unserer Familie war es nicht üblich, Geld von unserem Bruder zu nehmen, wenn er noch allein stehend war. Eine Schwester hätte sich geschämt, von ihrem Bruder Geld zu nehmen."
Phureder phral, te hin mek kije daj a kerel buťi, ta te na del love, ta cinkerel pre koda terneder - abo pre čhaj, abo pre muršeste. A the te lel romňa a nane len čhave, ta furt cinkerel abo dareso del abo prianel dareso. Sar imar les hin leskere čhave, no ta imar na cinkerel.
"Solange der ältere Bruder noch bei seiner Mutter lebt, kauft er seinen jüngeren Geschwistern, auch wenn er ihnen kein Geld gibt, zumindest Kleidung. Auch wenn er heiratet, aber noch keine eigenen Kinder hat, kauft er ihnen weiterhin Kleidung; er gibt ihnen und bringt ihnen weiterhin etwas. Aber sobald er eigene Kinder hat, hört er auf, für seine Geschwister etwas zu kaufen."

Stellung und Verpflichtungen des ältesten Sohnes bei der Familienarbeit

Die Söhne – wie der Vater und die anderen männlichen Familienmitglieder – haben die Aufgabe, die traditionellen "Männerarbeiten" (wie Hausbauen, für Feuerholz zu sorgen und Holz zu hacken usw.) durchzuführen.

Erziehungsaufgaben

Der älteste Sohn hatte zusätzlich noch die Verpflichtung, bei der Erziehung mitzuwirken. Unter allen Geschwistern hatte er eine privilegierte Position. Ein Grund dafür war auch, dass er ein Mann war.

Dojekhe muršes hin bareder lav sar la džuvľa.
"Jedes Wort eines Mannes ist mehr wert als das einer Frau."
Phen kerel khatal phraleste sar khatal jendreste.
"Eine Schwester behandelt ihren Bruder wie ein Ei."

Ein weiterer Grund bestand darin, dass er der Älteste war und man deshalb annahm, dass er körperlich stärker, vernünftiger und erfahrener war.

Die Rolle des ältesten Bruders konnte nur in Ausnahmefällen auf einen jüngeren übertragen werden. Dies konnte zum Beispiel dann der Fall sein, wenn der älteste Bruder krank, ungeeignet, geistig oder auf andere Art beeinträchtigt war (etwa wenn er Alkoholiker war); wenn der ältere Bruder abwesend war (zum Beispiel gerade seinen Militärdienst ableistete); oder wenn einer der jüngeren Brüder ihm an Autorität klar überlegen war.

O nekphureder phral, avka sar daj dad. Te phenlas, ta amen dojekh les šunás. Šunás les, te čačipen, aľe choc te nane čačipen, ta avka les šunás, bo na kamás leske te prephagel leskero lav.
"Der älteste Bruder ist wie ein Vater. Wenn er etwas sagte, gehorchten wir ihm alle. Wir gehorchten ihm, wenn er Recht hatte, aber wir gehorchten ihm auch, wenn er Unrecht hatte, weil wir seine Autorität nicht untergraben wollten." (In diesem Fall war die Rolle stärker als der Mann, der sie innehatte.)

Schon als Kind hilft der baro phral seinen Eltern, seine Geschwister aufzuziehen, er passt auf sie auf, gibt ihnen das Verhalten vor, organisiert ihre Arbeit, beschützt sie vor den Angriffen anderer Roma- oder Nicht-Roma-Kinder, vertritt seine Eltern während ihrer Abwesenheit etc.

Sein Status wächst stark, sobald er im Alter von fünfzehn oder sechzehn Jahren die Welt der Erwachsenen betritt. Das geschieht, wenn ihn sein Vater einlädt, mit ihm und mit anderen Männern am gemeinschaftlichen Tisch zu sitzen. Danach ist seine Rolle im Hinblick auf die Erziehung der Kinder beinahe gleich der seines Vaters.

O dad, kana na kamelas te chal bida amenca, ta vičinďa le bare phrales u ov kerlas kavka sar dad amenge.
"Wenn unser Vater nicht auf uns wütend sein wollte, rief er unseren ältesten Bruder und der war wie unser Vater."

Die Verantwortung für seine Schwestern

Der baro phral trägt die Hauptverantwortung für seine Schwestern. Er wacht über deren pat'iv (Ehre), die aus mehreren Gründen wichtig ist. Eine presuťi (unverheiratete Mutter) hatte einen viel geringeren sozialen Status und es war weitaus schwieriger, einen Ehemann für sie zu finden. Gewöhnlich musste sie mit einem Mann vorlieb nehmen, dessen finanzielle Möglichkeiten bescheiden und dessen soziales Prestige gering war.

Die Familie des Mädchens ist verpflichtet, sich um uneheliche Kinder zu kümmern, wenn dies der richtige Vater nicht tut. Diese Kinder stellen eine Last für die Familie dar. Deshalb ist es üblich, dass die Brüder die Ehre ihrer Schwestern beschützen.

Keci sas phrala, ajci pre phen dodikhenas.
"So viele Brüder es gibt, so viele passen auf ihre Schwester auf."
Te me gejľoma korkori andal o kher, ta imar mri daj man murdarďahas! Vašoda miro phral manca phirlas. Ov manca džalas andre buťi, avavas pale, avlas vaš mange, avavas leha khere. Le gavestar bešahas amen vaj jekh kilometros, aľe aňi pro kotor man na mukelas korkora.
"Hätte ich das Haus alleine verlassen, hätte mich meine Mutter geschlagen! Deshalb ging mein Bruder überall mit mir hin. Er ging mit mir zur Arbeit, und wenn ich nach Hause gehen musste, holte er mich ab und begleitete mich heim. Wir lebten nur ungefähr einen Kilometer vom Dorf entfernt, aber er ließ mich nicht einmal einen kurzen Weg alleine gehen."

Grundsätzlich hatte der baro phral dasselbe Recht, seine jüngeren Geschwister zu erziehen, wie seine Eltern. Er konnte befehlen, verbieten oder – wenn nicht gehorcht wurde – auch bestrafen.

Baro phral šaj marlas le ternederes, aľe o terneder les našťi marlas. Amen les likerahas sar dades, le bare phrales.
"Der älteste Bruder konnte einen jüngeren Bruder schlagen, aber der jüngere durfte ihn nicht schlagen. Wir respektierten unseren ältesten Bruder wie unseren Vater."

Er kann seiner Schwester einen Rat bei der Wahl ihres Partners geben, der jedoch zumeist vom Vater ausgesucht wird. Ein Unterschied zwischen ihm und seinen Eltern besteht darin, dass der baro phral seine Schwester nicht zwingen kann, jemanden zu heiraten, wenn sie das nicht will. In diesem Bereich darf er sich nicht gegen den Willen seiner Eltern stellen.

Miro phral pes na spričinlas, kaj me te lav mire romes, ča e daj. E daj na kamelas, bo somas terňi. Aľe o phral man zaačholas, bo jov, miro rom, baro lavutaris sas! Anelas love. Na mušinďahas e daj te kerel, te uľahas jov k'amende. Aľe joj na kamelas e daj.
"Mein Bruder war nicht dagegen, dass ich meinen Mann heiratete, aber meine Mutter, weil sie das Gefühl hatte, ich sei noch zu jung. Aber mein Bruder hat sich für mich eingesetzt, weil mein Mann ein ausgezeichneter Geigenspieler war. Er verdiente Geld. Hätte er bei uns gelebt, hätte meine Mutter nicht einmal arbeiten gehen müssen. Doch meine Mutter sagte: "Nein"."

Die Rolle des Bruder nach der Heirat der Schwester

Die Rolle des Bruders als Beschützer dauert an, auch wenn die Schwester bereits verheiratet ist, ebenso seine unterstützende Rolle, wenn ihr Ehemann abwesend ist.

Imar akana, sam romenca, imar amen hin čhave, aľe te o phral phenel vareso, ta les šunas. Bo jov phenel: Sar na kereha kavka – the o čhave, the tu ... ta imar kadaj na avava! Ta šunav. Jekhvar les na šunďom a n'avlas maj berš andro kher! Mi kerel, so kamel, phenďa. A'ľe akana oda phral avel arde, kaj man love te el, lel andal e žeba či tranda, či saranda koruni, phenel: Le! A šunav les… Abo demela more čhaven, na phenava leske ňič. A o čhave šunen!
"Sogar jetzt, da wir alle unsere Ehemänner und unsere Kinder haben, gehorchen wir unserem Bruder, wenn er etwas sagt. Er kommt und sagt: "Wenn du dies oder das nicht tust oder wenn die Kinder dies oder das nicht tun, werde ich nicht mehr kommen." Gut, ich gehorche ihm. Einmal habe ich das nicht gemacht und er ist fast ein ganzes Jahr lang nicht gekommen, um mich zu besuchen. Er sagte: "Lass sie tun, was sie möchte." Aber jetzt kommt mein Bruder wieder und er nimmt immer dreißig oder vierzig Kronen aus seiner Tasche für mich heraus. "Hier, nimm das!" Und so gehorche ich ihm. Oder wenn er die Kinder schlägt, sage ich nichts. Und die Kinder gehorchen ihm!"

Die Beziehung zwischen Brüdern und Schwager

Die Beziehung zwischen den Brüdern und dem Schwager ist nicht klar definiert. Wir haben Fälle gesehen, in denen der baro phral seine Rolle beibehielt, auch nachdem seine Schwester geheiratet hatte und bereits Kinder hatte. Er konnte ihr weiterhin Befehle erteilen und sie manchmal auch bestrafen.

Mek feder šunel e phen le phtrales sar peskere romes.
"Eine Schwester gehorcht eher ihrem Bruder als ihrem Ehemann."

In anderen Fällen verliert der Bruder seine Rolle als Beschützer seiner Schwester an ihren Ehemann. Sehr oft kommt es aber vor, dass der Bruder das Verhalten des Ehemanns seiner Schwester gegenüber unterstützt, um die guten Beziehungen in der Familie nicht zu gefährden. Der unmittelbare Umgang des baro phral mit seinem Schwager ist gewöhnlich eher reservierterer Natur. Er versucht, Spannungen zwischen der Familie der Schwester und der Familie des Ehemanns zu vermeiden.

Sigeder čhinava mire phrales pal o muj sar le šougoris, bo o phral mange prebačinala, al'e o šougoris mange na mušinel te prebačinel.
"Ich würde eher meinen Bruder als meinen Schwager schlagen, weil mir mein Bruder immer vergibt, während mein Schwager das nicht tun muss."

Stärke war auch ein Faktor, der im Kontakt zwischen den Familien eine Rolle spielte. Wenn die Verwandten des Schwagers stärker waren, wagte es der Bruder nicht, in die Familie seiner Schwester einzugreifen.

Der baro phral und die Kinder seiner Geschwister

Der baro phral verhält sich zu den Kindern seiner Schwester gleich wie zu seinen eigenen; er erzieht und bestraft sie auf dieselbe Art.

Šaj marel le phraleskere abo la pheňakere čhaven avka sar peskeren.
"Er darf die Kinder seines Bruders oder seiner Schwester schlagen wie seine eigenen."

Der baro phral beschützt – so wie die anderen Geschwister – die Kinder seiner Schwestern und seiner Brüder, auch wenn sie zum Beispiel gegen den Willen ihrer Eltern handeln. [→ Denašel, → Die Eltern] So stärkt er den Kindern etwa bei einer ungewollten, von den Eltern arrangierten Ehe den Rücken.

Der baro phral und die jüngern Brüder und Schwestern

Die jüngeren Geschwister gehorchen ihrem ältesten Bruder und begegnen ihm mit Respekt.

Te les o dad čhinďa pal o muj, ta o terneder čhave pal leste roven, bo kerel pre lende buťi.
"Wenn ihn der Vater schlägt, weinen die jüngeren Geschwister für ihn, weil der ältere Bruder sie auch unterstützt."

Es kann vorkommen, dass die jüngeren Geschwister sich vor einander in Acht nehmen; der jüngere könnte sich z. B. bei den Eltern über den älteren Bruder beschweren, worauf der ältere Bruder sie alle bestrafen würde. Sie könnten jedoch auch unter einer Decke stecken:

Miro baro phral manca sovlas pro vaďos, me leske phundravás e blaka, kana phirlas pal o piraňa.
"Mein ältester Bruder hat bei mir in meinem Bett geschlafen, und ich habe für ihn das Fenster geöffnet, als er hinter den Mädchen her war."

Funktion des ältesten Bruders nach dem Tod des Vaters

Wenn der Vater gestorben ist, kommt die höchste Autorität dem Bruder zu. Er wird zum Familienoberhaupt. Sogar die Autorität der Mutter ist häufig der seinen untergeordnet. Oft entscheidet er, ob seine Mutter wieder heiraten darf.

Sar imar o čhavo baro, ta e daj mušinel te šunel les – te la romňaha ke late bešel.
"Wenn ein Sohn erwachsen ist und mit seiner Frau bei seiner Mutter lebt, muss die Mutter ihm gehorchen."
Te e daj phivľi, ta rozkazinelo čhavo, či e daj džal romeste abo na. Odi daj na džalas bi romeste imar ladžatar.
"Wenn eine Mutter Witwe ist, entscheidet ihr Sohn, ob sie wieder heiraten darf oder nicht. Die Mutter würde sich schämen, wenn sie selbst entscheiden würde, noch einmal zu heiraten."

Text beruht im Wesentlichen auf

Šebková, Hana (1996) Úloha nejstaršího syna v tradiční romské rodině (Die Rolle des ältesten Sohnes in der traditionellen Roma-Familie). In: Romano džaniben 96/1-2.
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Pertoča (Slowenien), 2002
Trnje (Slowenien), 2002