Famel’ija (Familie)

fameľija, f. (endaňis, m.; čalado, m. reg.) Familie; (naher) Verwandter, Beziehung; Beziehungen, Verwandte, Verwandtschaft.

Fameľija ist die horizontale Familiengemeinschaft, die sowohl die Verwandten des Ehemanns als auch die der Ehefrau mit einschließt. Auch Cousins und Cousinen, manchmal sogar zweiten und dritten Grades, werden als Teil der fameľija betrachtet; das heißt, zur fameľija gehören alle Nachkommen der Urgroßeltern und Ururgroßeltern. Die Verpflichtungen der Familie (für Nahrungsmittel und manchmal den Lebensunterhalt aufzukommen, die Bereitstellung von Unterkunft, teilweise für unbegrenzte Zeit, die Teilnahme am Begräbnis jedes Mitglieds der fameľija etc.) beziehen sich genau genommen eher auf die pašes fameľija (drei bis fünf Generationen) als auf die dur fameľija (weiter entfernte Verwandtschaft). Die Roma-fameľija entspricht in ihren wesentlichen Merkmalen der indischen parivár (Hindi-Begriff).

In traditionellen Roma-Familien stellte die fameľija die multifunktionelle Gemeinschaft, die grundlegende Identität sowie die identitätsstiftende Einheit dar, eine Einheit also, der sich jeder Mensch in erster Linie verbunden fühlt.

Funktion der traditionellen Roma-Familie bei den Servika-Roma

Oda dženo mardo, so ačiľa čoro, oda mek goreder, so hino korkoro.
"Dem geht es schlecht, der arm ist, schlechter noch geht es aber dem, der alleine ist."

Familiäre Verpflichtungen wurden (und werden an vielen Orten immer noch) allem vorangestellt. Sie sind souverän, und sie haben bindenden Charakter, denn die grundlegenden Rechte, die von der fameľija eingeräumt werden, sind die Begründung und der Schutz der Existenz. Sie sind real, sichtbar, verständlich und fühlbar, wohingegen andere Rechte (die der gesamten Gesellschaft) für die traditionell lebenden Roma eher abstrakt bleiben. Manchmal sind diese ebenso schwer zu verstehen wie gesellschaftliche Verpflichtungen, und manchmal kollidieren sie mit Familienverpflichtungen, die seit Tausenden Jahren in der Kultur verankert sind.

Ein Individuum existiert durch seine Familie, seine Familie ist der Beweis seiner Identität. Die traditionelle Familie sorgt für die grundlegende Sozialisation, Erziehung und auch berufliche Vorbereitung auf das Leben, wirtschaftliche und soziale Unterstützung sowie ein Gefühl von Sicherheit. Die Familie war heilig in einer Gesellschaft, die den Roma immer wieder mit Aggressivität, die bis zum Genozid führte, gegenübertrat.

Kulturelle und ethische Normen wurden von der traditionellen Familie weitergegeben. Die Familie lebte auf engstem Raum zusammen, wodurch eine ungewöhnliche Art des nonverbalen Verstehens, die so genannte "coenästhetische" (intuitive) Kommunikation, gefördert wurde. Die fameľija war die grundlegende Plattform für streng angewandte Mittel sozialer Kontrolle, die jedes einzelne Mitglied davon abhielten, Schande über die Familie zu bringen. Man wurde immer an die unwiderruflichen formellen und kulturellen Normen erinnert, die regeln, wie man sich in Übereinstimmung mit der romipen (Roma-Tradition und -Ethik, Roma-Identität) zu verhalten habe.

Innerhalb einer Familie hatte jede Person ihren Platz; jeder kannte seinen Status und seine Rolle genau und wusste, was erlaubt war und was nicht. Und tagaus, tagein wurde man auf das korrekte Verhalten hingewiesen, das in den verbalen und nonverbalen Formen der Kultur verankert war.

Gründe für den Zerfall der traditionellen Roma-Familie der Servika-Roma

Im April 1958 beschlossen die Führer der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, dass die "Bürger zigeunerischen Ursprungs" keine ethnische, sondern eine aussterbende soziale Gruppe seien, die überholte Lebensformen pflegte. Diese Entscheidung bedeutete den Auftakt für ein 31 Jahre dauerndes politisches Programm (1958-1989) der damaligen ČSSR zur ethnischen Assimilierung. Unter anderem war damit eine gezielte "Zerstreuung von unerwünschten Zigeuner-Konzentrationen" (Dekret 502/1965) gemeint. Dieses Dekret war einer der gewaltsamsten Eingriffe in die traditionelle Roma-fameľija und in alles, was diese Gemeinschaft verband: kulturelle und ethische Normen, die, an erster Stelle, die Verantwortung jedes Familienmitglieds gegenüber den anderen regelten. Das Dekret bedeutete also sowohl einen Eingriff in ihr spezifisches kommunikatives Netzwerk als auch in ihr System von Kontrollmechanismen, das dem Schutz ihrer Normen diente.

Vermutlich wäre die ursprüngliche Bedeutung der traditionellen Roma-Familie auch ohne den Druck von außen geringer geworden; jedoch wäre es bei einer langsamen natürlichen Entwicklung durchaus wahrscheinlich gewesen, dass sich allmählich neue Mechanismen entwickelt hätten, die zu einem Lernprozess innerhalb der Gesellschaft beigetragen hätten – einem Lernprozess, der darauf hätte hinauslaufen müssen, dass grundlegende menschliche Werte auch unter veränderten Bedingungen zu schützen und geltend zu machen sind. Gewaltsame Eingriffe von außen hingegen stürzen eine ganze Gesellschaft wie auch jeden Einzelnen in eine Identitätskrise, aus der nicht jeder auf menschlich angemessene Weise herausfinden kann.

Eine Vielzahl negativer Phänomene, unter denen die Roma-Gemeinschaft leidet, geht auf zwei einander gegenseitig beeinflussende Faktoren zurück: einerseits die früher alles mit einschließenden assimilatorischen und heutzutage selektiv diskriminierenden Praktiken seitens eines Teils der Mehrheitsgesellschaft durch Manipulation und Ignoranz; und andererseits der Niedergang der traditionellen Roma-Gesellschaft, deren Kern die fameľija ist.

Ohne den familiären Hintergrund, dessen Bedeutung nicht nur den sozialen Hintergrund jedes Einzelnen bestimmt, sondern auch seine Psyche durchdrungen hat, fühlt sich ein Mensch mehr oder weniger wie in einem Vakuum.

Die ideologische Bedeutung einer fameľija bleibt jedoch im kulturellen Bewusstsein der Roma verankert, und wenn eine Idee lebt, gibt es noch Hoffnung, dass Licht in die hilflos zerfallene alltägliche Realität scheint und den Weg zu neuen Möglichkeiten der Integration des Individuums, der Familie, der Gruppe sowie der gesamten Gesellschaft öffnet.

Text beruht im Wesentlichen auf

Hübschmannová, Milena (1996) Co napovidá o romské rodině tradiční seznamovací ceremoniál. In: Romano džaniben 96/1-2.
Hübschmannová, Milena (1996) Postavení a role některých členů tradiční romské rodiny. In: Romano džaniben 96/1-2.
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Image Die Schriftstellerin Elena Lacková im Kreis ihrer Großfamilie (Slowakei)
Image Neudorf b. Landsee (Bgld./Österreich)
Gomilica (Slowenien), 2002