Kris

Kris leitet sich vom griechischen Begriff κρίοη (Urteil) ab und bezeichnet die traditionelle Gerichtsbarkeit der Vlach-Roma und hierbei vor allem der Kalderaš. Ähnliche Einrichtungen gab oder gibt es zwar auch bei anderen Gruppierungen, sie erreichten jedoch nie einen vergleichbaren Stellenwert. Es kommt jedoch auch heute noch vor, dass sich andere Gruppen die Gerichtsbarkeit der Kalderaš aneignen und in ihrer eigenen traditionellen Soziostruktur verankern. Die ursprünglich aus Serbien stammenden schwedischen Drzara haben etwa die kris Anfang der 1990er Jahre von den schwedischen Kalderaš übernommen.

Charakteristika der Roma-Gerichtsbarkeit

Eine kris ist zugleich oberster Gerichtshof, kollektive Weisheit und soziales Gewissen. Sie ist die höchste rechtliche und moralische Instanz und damit wichtigstes Kontrollorgan für alle Lebensbereiche. Sie soll dafür sorgen, dass die rechtliche, soziale und moralische Ordnung gewahrt bleibt. Die Entscheidungsgremien werden ausschließlich von Männern gebildet. Sie bestehen zumeist aus mehreren Richtern – krisari, krisatoré oder krisnitori – die, wenn möglich, unterschiedlichen vici angehören. [Traditionelle Sozialstruktur] Sie bestimmen einen Vorsitzenden, der mit der Leitung der kris beauftragt wird. Reiche Lebenserfahrung, Ansehen in der Gruppe, Unvoreingenommenheit, kritisches Urteilsvermögen und genaue Kenntnis der Sitten und Gebräuche sind Voraussetzungen für einen Richter. Frauen bleibt das Richteramt verwehrt. Sie werden bei einer kris nur dann angehört, wenn sie als Zeuginnen oder Angeklagte direkt in einen Konflikt involviert sind.

Im Gegensatz zu den prunkvollen Gerichtshöfen der Nicht-Roma ist es für Roma unerheblich, wo eine kris abgehalten wird. Sie kann unter freiem Himmel, im Zelt oder in einer Wohnung stattfinden. Als Sitzgelegenheiten dienten früher oft Holzkisten oder mit Brettern bedeckte Eimer. Der bei Lovara aufgewachsene Jan Yoors schreibt: "All das tat der Würde der kris keinen Abbruch. Das Ansehen der Richter beruhte auf ihrer inneren Kraft und Einsicht und brauchte kein äußeres Zeichen von Macht oder materiellem Reichtum."

Kris-Sitzungen sind ein öffentliches Ereignis und für jeden Rom der Gruppe zugänglich. Nicht-Roma ist es nicht erlaubt, an einer kris-Sitzung teilzunehmen. Alle Beschlüsse sind bindend, Berufungen sind nicht möglich. Ist es aufgrund der Komplexität eines Falles nicht möglich, eine Entscheidung sofort zu fällen, wird die Urteilsverkündung auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Da der Roma-Gerichtsbarkeit Institutionen zur Durchsetzung ihrer Beschlüsse fehlen (z.B. Exekutive), hängt die Wirksamkeit der Schiedssprüche vor allem davon ab, ob sie mehrheitsfähig sind. Ist dies der Fall, lastet ein enormer Druck auf dem Verurteilten. Er kann sich seiner Strafe zumeist nur dann entziehen, wenn er die Gruppe verlässt. Bei den österreichischen Kalderaš ist es zudem üblich, dass beide Streitparteien vor Beginn einer Verhandlung eine Kaution hinterlegen, die im Falle der Nichtbefolgung der auferlegten Sanktionen zurückbehalten wird.

Eine Romani-kris kennt weder Staats- noch Rechtsanwalt. Die Richter übernehmen deren Funktion und ergreifen für eine der beiden Seiten Partei. Dabei spielt die Redegewandtheit, die bildhafte Sprache der Richter durchaus eine entscheidende Rolle und wird in die Urteilsverkündung miteinbezogen. Dem Vorsitzenden obliegt die Aufgabe, die verschiedenen Standpunkte abzuwägen und die entscheidenden Punkte herauszufiltern.

Anlassfälle und Strafen

Eine kris wird nur im Bedarfsfall zur Schlichtung schwerwiegender Streitfälle, bei Tabuverletzungen und zur Festsetzung der Strafen einberufen. Kleinere Delikte werden außergerichtlich durch eine divano (Konversation, "runder Tisch") gelöst. Diese Form der Konfliktlösung findet sich auch bei muslimischen Roma-Gruppen. Die türkischen Sepečides befragen bei Streitfällen einen Ältestenrat, wobei folgende Redeformel gebräuchlich ist:

Ka-kidas i bare Romen, so ka-phenen o bare Roma.
"Wir werden die alten Roma versammeln, was werden die alten Roma sagen."

Eine kris behandelt nur gruppeninterne Fälle, Konflikte zwischen Roma und Gadže fallen nicht in ihren Zuständigkeitsbereich und werden den Gadže-Gerichten überlassen. Zu den "großen Verstößen" gegen die Vorschriften der Kalderaš zählen der Verrat an der eigenen Gruppe gegenüber der Staatsgewalt, Mord und Diebstahl an Gruppenangehörigen sowie schwerwiegende Verletzungen der rituellen Reinheitsgebote. Als geringfügigere Anlassfälle gelten Kleinkriminalität unter Gruppenmitgliedern und kleinere Verstöße gegen die Reinheitsgebote.

Welche Strafen können verhängt werden? Zum Großteil handelt es sich um Geldstrafen, deren Höhe von der Schwere des Deliktes abhängt. Es ist üblich, dass der Gewinner eines Verfahrens zumindest einen Teil des ihm zugesprochenen Geldes für ein abschließendes Gruppenfest zur Verfügung stellt und dafür sorgt, dass die Harmonie und der Gruppenzusammenhalt gewahrt bleiben. Die schwerste Strafe, die die krisatori verhängen können, ist der zeitlich begrenzte oder endgültige Ausschluss aus der Gruppe mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Sowohl die berufliche als auch die soziale und kulturelle Identität jedes Einzelnen sind durch die Gemeinschaft definiert. Ein Gruppenausschluss hat deshalb verheerende Folgen für den Betroffenen.

Die berühmte polnische Roma-Dichterin Papusza wurde von der kris für mahrime befunden und für immer aus der Gruppe ausgeschlossen. Sie wurde der Komplizenschaft mit dem Gadžo Jerzy Ficowski beschuldigt, der 1953 in der ersten Auflage seines Buches "Wieviel Trauer und Wege. Zigeuner in Polen" die amtliche Politik der Ansiedlung der Roma unterstützt hatte bzw. unterstützen musste. Papusza wurde von ihrer Gruppe gemieden und verbrachte die restlichen 34 Jahre bis zu ihrem Tod in völliger Abgeschiedenheit. [Gadžo]

Jan Yoors berichtet davon, dass die Richter gelegentlich auch zu übernatürlichen Strafmaßnahmen griffen. Wurde ein Angeklagter freigesprochen, obwohl eine Reihe von Indizien gegen ihn sprach, konnten er von den Richtern mit Flüchen – armaja – belegt werden, deren Wirksamkeit unbestritten war. Sie zielten darauf ab, dass sich der Angeklagte aus Furcht vor den Flüchen noch rechtzeitig zur Wahrheit bekennen würde. Tat er dies nicht, vertraute man auf das "Gottesurteil".

Gegenwärtige Funktion

Die Bedeutung der kris nahm im Laufe der Zeit immer mehr ab. Heute werden bei den Kalderaš vor allem Fragen des partnerschaftlichen Zusammenlebens verhandelt, die nicht selten in das Intimleben der oder des Angeklagten eingreifen. Geahndet werden sie durchwegs mit Geldstrafen.

Quellen

Heinschink, Mozes F. (2002) Unveröffentlichtes Interview mit Dragan Jevremović (Kalderaš). Wien.
Heinschink, Mozes F. (2002) Unveröffentlichtes Interview mit Fatma Heinschink (Sepečides). Wien.
Phonogrammarchiv, Österreichische Akademie der Wissenschaften: Sammlung Heinschink: Nr. 2293 (Arlije / Prilep) .

Literatur

Cech, Petra / Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (eds.) (2001) Fern von uns im Traum ... / Te na dikhas sunende ... Märchen, Erzählungen und Lieder der Lovara, Klagenfurt.
Ficowski, Jerzy (1992) Wieviel Trauer und Wege. Zigeuner in Polen (= Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 7), Frankfurt.
Fonseca, Isabell (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München.
Fraser, Angus (1992) Gypsies. Oxford.
Schindegger, Florian (1997) Lebensweise von Zigeunern in Wien am Beispiel der Festtradition der Kalderaš. Wien.
Sutherland, Anne (1975) Gypsies. The Hidden Americans, New York.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Yoors, Jan (1982) Die Zigeuner. Frankfurt.
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Image Nicolae Gheorghe über die Herkunft des Romani-Wortes "kris"
Image Fatma Heinschink über den Ältestenrat der türkischen Sepečides