Daj / Dad (Mutter / Vater)

Einleitung

Daj / Dad: Eltern (Rom / Romňi: Ehemann und Ehefrau, verheiratetes Paar)

Der zweiteilige zusammengesetzte Ausdruck (Lexem) (e) daj (o) dad bedeutet "Eltern", was in einigen anderen Sprachen durch einen einzigen Begriff ausgedrückt wird. Eine übliche Art der Wortbildung ergibt sich durch zwei oder mehrere lexikalische Anordnungen verschiedener Art. Eine strukturelle Analogie zu Daj / Dad finden wir im Hindi-Ausdruck mit derselben Bedeutung: Báb (wörtlich: "Mutter", "Vater").

Die Wortstellung, der zufolge die Mutter im zusammengesetzten Lexem Daj / Dad an erster Stelle steht, zeigt, wer von den Elternteilen in der Beziehung zu den Kindern die wichtigere Rolle einnimmt. Im zusammengesetzten Lexem rom / romňi ("Ehemann" und "Ehefrau"; "Ehepaar") steht im Sinne der Wortstellung der Mann an erster Stelle, was bezeichnend für seinen gesellschaftlichen Status ist. Weil die Rolle der Mutter und der Ehefrau und jene des Vaters und des Ehemanns gewöhnlich ineinander verschmelzen, behandeln wir im Folgenden "Familie" und "Ehemann und Ehefrau" gemeinsam.

E piri la dakeri, e roj le dadeskeri.
"Die Mutter garantiert, dass etwas im Topf ist, der Vater, dass er etwas auf seinem Löffel hat."

Die Aufgaben innerhalb der Familie waren genau aufgeteilt. Die Frau mischte sich nicht in die Angelegenheiten des Mannes ein und umgekehrt:

O papus vakerlas pal e buťi a pal savoreste, so kampel paš o kher, e baba vakerlas pal savoro, so andro dživipen kampel – kaj te jel so te chal, andro žužipen kaj te dživen. So kampelas andro dživipen, sa kerlas e daj. E daj savoro ľikerlas. (E. Cina 1994)
"Der Großvater entschied über die Arbeit und über alles, was mit dem Haus zu tun hatte. Großmutter entschied über alles, was wir zum Leben benötigten. Sie kümmerte sich um alles, was wir zum Leben brauchten. Sie schaute, dass wir etwas zu Essen hatten, dass wir reinlich, rein lebten. Und die Mutter kümmerte sich um alles." (E. Cina 1994)

Die Mutter trug die Verantwortung für die Kinder und für den Haushalt. Auch alle Geldangelegenheiten, die den Haushalt betrafen, fielen in ihren Aufgabenbereich. In einigen Fällen kauften beide Eltern gemeinsam das Essen ein, doch die Kleider für sämtliche Familienmitglieder einzukaufen, war ausschließlich die Aufgabe der Frau.

Andro kher, la da hin andro chulajipen bareder lav. O rom delas dojekh koruna la romňake. Paľis e romňi mušinlas pes te starinel – ča, kaj les te jel so te chal. (T. Fečová 1981)
"Die Mutter hatte den Haushalt über. Der Ehemann gab seiner Frau all sein Geld. Dafür musste die Frau sichergehen, dass er – vor allem – etwas zu Essen hatte." (T. Fečová 1981)

Früher hatte der Ehemann oft keine regelmäßige Beschäftigung und konnte der Familie nicht die Sicherheit eines regelmäßigen Einkommens bieten. Der Mann übernahm die Verantwortung, die Familie zu ernähren, wenn sich eine Möglichkeit, Geld zu verdienen, ergab – wenn die Nachfrage nach seiner Arbeit oder seinen Diensten gegeben war. Dies traf hauptsächlich auf die Schmiede und die besten Musiker zu. In anderen Fällen waren durch die Randposition, die die Roma gegenüber der Mehrheitsbevölkerung einnahmen, die Arbeitsmöglichkeiten oft eingeschränkt und das Geld dementsprechend knapp.

Te o dad džalas te phagerel bara abo andro veš te kerel abo chaňiga avri te kidel, ta buter zakerlas o dad, no aľe na sas les furt. Kerlas duj trin ďives abo the calo kurko abo duj, aľe paľis les buťi na sas, ta n'anelas khere ňič. (V. Fabián 1981)
"Wenn Vater ging, um beim Straßenbau [Bara] oder im Wald zu arbeiten oder um einen Brunnen zu graben, verdiente er mehr, aber Vater arbeitete nicht regelmäßig. Er arbeitete zwei oder drei Tage oder sogar eine ganze Woche oder zwei, aber danach hatte er keine Arbeit mehr und steuerte deshalb für den Haushalt nichts bei."(V. Fabián 1981)

Der Ehemann war oft ohne Arbeit; die Verantwortung für die Sicherstellung des Haushalts wurde dann wieder der Frau übertragen, dennoch übergab er ihr dabei nicht die privilegierte Position und die höchste Autorität, die einmal sie innehatte. Bei den sesshaft lebenden Servika-Roma stellte der Brauch, "von Dorf zu Dorf zu gehen" (te phirel pal o gava), neben ihren Pflichten als Hausfrauen die wichtigste Tätigkeit und Aufgabe der Roma-Frauen dar. Die Frauen boten in den Dörfern verschiedenste Dienstleistungen im Austausch für Nahrungsmittel an – wie z.B. Öfen auszukleiden, Höfe zu kehren, auf den Feldern zu arbeiten usw. Falls es keine Nachfrage nach diesen Diensten gab, gingen die Frauen Betteln.

Gewöhnlich halfen die Männer nicht bei der Hausarbeit. In einigen Siedlungen führten sie nicht einmal die Arbeiten aus, die in ihren Zuständigkeits- und Aufgabenbereich fielen, wie Holztragen und Holzhacken.

E daj anelas maro andal o gav, mek starinlas pes le čhavendar, anlas aro abo thud, arminori anlas, akanake mek peske mušinlas kaštenge te džal, te čhingerel, te tavel. O dad lake šoha na pomožinkerlas. Te has kajse bareder čhave, ta o čhavore, aľe andr'amaro gav o rom šoha na. (I. Lacková 1982)
"Mutter bekam im Dorf das Essen und ernährte die Kinder. Sie kam mit Mehl oder Milch und etwas Kohl zurück. Danach musste sie gehen, um Brennholz zu holen, zerhackte es und kochte dann. Vater half ihr nie. Als die Kinder größer waren, halfen ihr die Buben, aber – in unserer Siedlung – [würde] niemals ein Mann [seiner Frau helfen]."(I. Lacková 1982)

Ein Mann wurde als guter Vater angesehen, wenn er sein verdientes Geld nicht beim Trinken ausgab und wenn er sich, falls es wirklich notwendig war, auch um die Kinder und den Haushalt kümmerte. Das war z.B. dann der Fall, wenn die Mutter krank oder unterwegs war, um sich um Lebensmittel zu kümmern.

Darekana sas avka: o murš andre familija terďolas pre sera. Te has lačho lavutaris, te anelas khere love, ta sas lačho dad. Te na sas lačho dad, ta jepaš prepijelas abo n'anelas khere ňič. (V.F.)
"Wenn es so war, stand der Vater abseits der Familie. Wenn er ein guter Musiker war und Geld für den Haushalt nach Hause brachte, dann war er ein guter Vater. Ein schlechter Vater hingegen vertrank die Hälfte seines Lohnes und brachte nichts nach Hause. " (V.F.)

Laut einigen Zeitzeugen waren in der Vergangenheit beide Eltern zu gleichen Teilen für die Familie verantwortlich.

Jekh kutos la romňakero a trin kuti le dadeskere.
"Eine Ecke gehört der Ehefrau. Und drei gehören dem Ehemann."

Heutzutage sind – vor allem in den Städten – der Einfluss der Mehrheitsgesellschaft und die Tendenz zur Emanzipation auch bei den Roma immer stärker geworden, sodass es heute nicht ungewöhnlich ist, einen Ehemann bei der Hausarbeit anzutreffen. In einigen Familien kocht der Vater. Generell werden jedoch Fleisch- und Mehlgerichte (halušky, pišot) von der Frau zubereitet.

Text beruht im Wesentlichen auf

Žlnayová, Edita (1996) Postavení a úloha ženy-matky a muža-otca v rómskej rodine (Stellung und Rolle der Ehefrau/Mutter und des Ehemanns/Vaters in der Roma-Familie). In: Romano džaniben 96/1-2.
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Roma-Familie (Buchschachen [Bgld.]/Österreich)
Roma-Familie (Walbersdorf [Bgld.]/Österreich)
Pertoča (Slowenien), 2002