Daj / Dad

Erziehung der Kinder

Ajsi daj lačhi, so pes starinel pal o čhave, pal o rom, khere ča bešel u tavel. (D. Žiga 1988)

"Eine gute Mutter ist jene, die sich um ihre Kinder und ihren Ehemann kümmert. Sie bleibt daheim und kocht." (D. Žiga 1988)

Die Aufgabe der Mutter war es, für ein behütetes Aufwachsen der kleinen Kinder zu sorgen. Sie übernahm die Obhut für die Mädchen, bis diese heirateten. (Der Vater übernahm die Erziehung der Buben, sobald diese fünf oder sechs Jahre alt waren und mit dem Erlernen eines Handwerks beginnen konnten.) Schon im Alter von sechs oder sieben Jahren musste ein Mädchen in der Lage sein, sich um seine jüngeren Geschwister und die Sauberkeit des Haushalts zu kümmern; und es musste lernen, wie die einfacheren Gerichte zubereitet werden. Die Mutter erzog ihre Töchter, einerseits damit diese sie im Haushalt unterstützen konnten und, andererseits, damit sie auf eine Ehe im Alter von vierzehn oder fünfzehn vorbereitet waren. Das bedeutete unter anderem, dass sie wussten, wie sie sich im Haus ihrer zukünftigen Schwiegereltern zu benehmen hätten und was sie von ihren Ehemännern erwarten konnten. Die Mutter brachte ihren Kindern auch bei, wie sie sich bei einem Besuch verhalten sollten. Sie gab ihnen Ratschläge und lehrte ihnen, was sie zu tun hatten, damit sie der Familie keine Schande machten:

No dža, aľe na hoj kodoj tut te ispides andro čaro! Le tuke jekhvar, duvar, aľe na hoj chaha savoro sa! Bo phenena o Roma, hoj tut khere na sas ňič. (B. Demeter 1982)
"Also, beeil dich, gib dir aber nicht zu viel Essen auf einmal auf deinen Teller! Nimm einmal oder zweimal nach, iss aber nicht alles auf! Sonst würde danach jeder sagen, du bekommst daheim nicht genug zu Essen." (B. Demeter 1982)

In traditionellen Roma-Gemeinschaften, in denen die Großfamilie eng beieinander lebt (was immer noch in den Roma-Siedlungen in der Slowakei der Fall ist), sorgten nicht nur die Eltern für die Erziehung der Kinder, sondern alle Verwandten, die beinahe dieselben Rechte wie die Eltern hatten, wenn es um die Erziehung der Kinder ging. Diese soziokulturelle Kontrolle ist heute in den Städten im Verschwinden begriffen, weil die Familie nicht mehr in dieser Form zusammenlebt. Als Folge dieser Veränderungen sind manche Eltern oft überfordert ohne die Unterstützung, die ihnen die Gemeinschaft bei der Erziehung und Unterweisung der Kinder früher zukommen ließ, und kommen ihren Erziehungspflichten nicht zur Gänze nach.

Früher gingen Roma-Frauen – neben ihren Arbeiten als Hausfrauen und Mütter – keinen zusätzlichen Beschäftigungen nach. Ihre Aufgaben beschränkten sich darauf, für die Familie und die zumeist große Anzahl an Kindern zu sorgen. Darüber hinaus auch noch eine regelmäßige Arbeit anzunehmen, konnten sich die meisten Frauen allein aus zeitlichen Gründen nicht leisten. In den Roma-Siedlungen ist dies immer noch so.

Die Situation der Roma-Frauen in der Stadt ist heute viel schwieriger. Auch wenn eine Frau mehrere Kinder hat, ist sie oft gezwungen, arbeiten zu gehen, weil das Einkommen ihres Ehemanns nicht für das Leben in der Stadt ausreicht. Es ist auch eine Tatsache, dass in den Städten die Mutter die Hauptverantwortung für die Familie trägt, aber niemand da ist, der ihr hilft. Das ist einer der Gründe, warum Kinder von Roma-Familien, die in der Stadt wohnen, öfter in Kinderheimen landen.

Früher ist es nur selten vorgekommen, dass eine Roma-Mutter ihre Kinder verließ. Hätte sie das getan, wäre sie von ihren Verwandten und den anderen Mitgliedern der Roma-Gemeinschaft öffentlich verurteilt worden. Selbst wenn ihr Ehemann trank, sie schlug und sich nicht um die Familie kümmerte, galt das nicht als mildernder Umstand.

Kerel mištes - na kerel mištes, marel la - na marel la, hiňi bokhaľi - nane bokhaľi, mušinel leha te dživel. Oda imar kajso zakonos – hin len čhave, ta mušinel leha te dživel. (V.F.)
"Ob sie das Richtige tut oder nicht, ob er sie schlägt oder nicht, ob sie hungrig ist oder nicht, sie muss mit ihm leben. Das ist bereits eine Art Gesetz – haben sie gemeinsame Kinder, so muss sie mit ihm leben." (V.F.)

Wenn die Situation in der Familie des Ehemanns für die Frau unerträglich wurde, ging sie nach Hause zu ihrer Mutter, zu ihrer Familie. Wenn das jüngste Kind noch gestillt werden musste, nahm sie es mit sich. Die anderen Kinder ließ sie zu Hause zurück und ihr Vater und seine Familie mussten sich um sie kümmern. So kam es vor, dass die Ehefrau ihre Kinder für einige Tage verließ, manchmal sogar für zwei oder drei Wochen. In der Zwischenzeit hatte der Ehemann Gelegenheit, den Platz seiner Frau einzunehmen und zu sehen, wie viele Pflichten eine Frau täglich zu erfüllen hat; und er konnte sich über sein eigenes Verhalten Gedanken machen. Gleichzeitig wurde auch über ihn gesprochen, weil es bei den Roma immer Anlass zu Gerede gab, wenn eine Frau davongelaufen war. Te Roma vakeren, olestar šar avel ladž. ("Wenn die Roma über etwas diskutieren, kann das Ergebnis daraus sein, dass Schande über jemanden kommt.") Und das bedeutet nicht nur über den Ehemann, sondern die gesamte Familie. Die Familie versuchte, das zu vermeiden. Deshalb holte der Ehemann seine Frau nach einiger Zeit zurück, oder sie kam wegen der Kinder von alleine, manchmal auch auf das Drängen der eigenen Familie hin. Wenn die Familie des Ehemanns stärker war – also mehr männliche Nachkommen hatte – hätten sich weder die Eltern noch die Brüder der Braut in die Auseinandersetzung eingemischt.

Die Verbindung von einem Mann und einer Frau in der Roma-Gesellschaft, ob sie nun offiziell bei einer Behörde oder in der Kirche besiegelt oder nur nach der Roma-Tradition geschlossen wurde, war grundsätzlich monogam und dauerte ein Leben lang. Eine Ehe konnte nur getrennt werden, wenn es keine Kinder gab. Da die Schuld für Kinderlosigkeit immer der Frau zugeschrieben wurde, hatte der Mann das Recht, sie in diesem Fall zu verlassen. Wenn er jedoch Kinder hatte und sich nicht um sie kümmerte, weil er eine Geliebte hatte, versuchten die Familie und die gesamte Gemeinschaft, ihn zu überreden, doch zu seiner Frau und seinen Kindern zurückzukehren. Sie appellierten an sein Gewissen: dass sie alle, einschließlich er, für die Erziehung seiner Kinder, vor allem der Söhne, verantwortlich seien.

Der Vater übernahm die Erziehung der Buben ab einem Alter von fünf oder sechs Jahren. Die Buben halfen dem Vater bei den verschiedensten Arbeiten, sowohl im Freien als auch im Haus. War der Vater Musiker oder Schmied, lehrte er ihnen diesen Beruf. In Musikerfamilien spielten die Buben gemeinsam mit ihrem Vater für Geld. Sie begannen damit bereits in einem Alter von zwölf Jahren und trugen somit zu den Haushaltsfinanzen bei. Der Vater unterrichtete den Sohn, wenn dieser begabt war, zwang ihn aber nicht, wenn er sich als nicht geeignet erwies.

Man o dad sikhavlas te bašavel, aľe mange na igen džalas, na sas man rat pr'oda, ta phenďa, kaj te sikhľuvav charťaske. Pre koda goďi man sas. Ta som sikhado avri charťas. (B. Demeter 1982)
"Mein Vater versuchte mir beizubringen, wie man spielt, aber ich konnte es einfach nicht lernen. Ich hatte kein Talent dafür. Deshalb beschloss er, dass ich Schmied werden sollte. Für dieses Handwerk war ich besser geeignet und deshalb wurde ich Schmied." (B. Demeter 1982)

Der Vater sah dem Sohn bei der Arbeit zu und half ihm. So lernte der Bub.

Miro dad man sikhavlas buter veci, aľe ov na phenlas mange ňigda – kada the kada, kavka the kavka te kerav. Ov man lelas furt ke peste, aľe na zoraha, maribnaha, me imar korkoro džavas. Na ča me, aľe savore čhave džanas. Te miro dad vareso kerlas, ta amen dikhahas, so kerel, oleha sikhľuvahas. Me kamavas te jel sar jov. (R. Dzurko 1981)
"Mein Vater lehrte mich viele Dinge, sagte aber nie zu mir: "Mach es so oder anders!" Er nahm mich immer mit, zwang mich aber niemals mitzukommen. Ich ging, weil ich wollte. Nicht nur ich ging, sondern alle Kinder gingen. Wenn unser Vater etwas machte, schauten wir ihm dabei zu und so lernten wir es. Ich wollte wie er sein." (R. Dzurko 1981)

Die Bestrafung der Buben fiel ebenso in den Aufgabenbereich des Vaters. Andererseits hatte die Mutter das Recht, die Mädchen zu bestrafen.

K'amende avka hin: sar tut hin ternechar, t'odi daj hin barikaňi. O dad dikhel rado la čha. O dad ňigda pre čhajorate na thovel o vast, marel ča muršoren, sar hine cikne. A e daj paľis na marel muršores, ča la čhajora marel, sar hiňi cikňi. (J.K. 1981)
"Bei uns ist es so: Wenn du einen Buben hast, ist die Mutter stolz auf ihn. Andererseits hat der Vater die Töchter lieber. Ein Vater würde seiner Tochter gegenüber nie seine Hand erheben. Er bestraft nur die Buben, wenn sie klein sind. Die Mutter jedoch würde niemals einen Buben schlagen; und eine Tochter würde sie nur schlagen, wenn diese noch klein ist." (J.K. 1981)
Maribnaha ňigda nič na dokazineha. Ňigda. Lačho lav te del, na paľicaha te marel! (F.S. in Romano džaniben 3/1995)
"Schlagen führt nie zu etwas. Niemals. Erziehe durch ein gutes Wort. Schlage nicht mit einem Stock." (F.S. in Romano džaniben 3/1995)

Wenngleich der Vater seine Töchter nicht unmittelbar selbst erzog, war es für ihn wichtig, dass sich diese korrekt und untadelig verhielten, denn die Schande traf immer die gesamte Familie, die für ihre Erziehung verantwortlich war. Hatte der Vater Söhne, betraute er immer den ältesten mit der Überwachung der Töchter.

Pal o čhaja pes o dad starinel, ča kaj te na keren lubipen. Vaš oda o čhaja daran le dadestar. (E.K. 1981)
"Ein Vater bewacht seine Töchter nur so weit, dass sie nicht den Männern nachlaufen. Das ist der Grund, warum Töchter ihren Vater fürchten." (E.K. 1981)

Gewöhnlich bestrafte oder züchtigte der Vater seine Töchter nicht. Nur im Fall, dass die Mutter nicht wusste, was sie tun sollte, griff der Vater in deren Erziehung ein. Durch die Hand des Vaters bestraft zu werden, stellte die größtmögliche Bestrafung und Schande dar.

Sar o dad imar thovel pes andre čhaj abo la marel ajci, kaj pes ladžal jekh kurko, duj kurke te džal andal o kher, ta paľi kodi čhaj daral le dadestar calo dživpen. (E. und J.K. 1981)
"Wenn ein Vater in die Erziehung seiner Tochter eingriff oder er sie so fest schlug, dass sie für ein oder zwei Wochen das Haus nicht verließ, fürchtete die Tochter ihren Vater ein ganzes Leben lang." (E. und J.K. l981)

Bei der Wahl der Braut oder eines Ehemanns traf der Vater die endgültige Entscheidung. Zwar konnte auch die Mutter eingreifen, das letzte Wort hatte jedoch der Vater:

Hjaba e daj leske phenlas: Mi džal pal leste, mi džal! Te o dad jekhvar kole čhas na kamelas u phenďa Na džala! Na džal. (J.K. 1981)
"Mutter sagte, wenn auch vergebens: "So lass sie ihn heiraten!" Wenn aber der Vater diesen jungen Mann nicht wollte und sagte: "Heirate ihn nicht!" dann heiratete sie ihn einfach nicht." (J.K. 1981)

Kam es vor, dass sich der Sohn seinen Eltern widersetzt und ein Mädchen gegen deren Willen geheiratet hatte und die Ehe kein gutes Ende nahm, kam er reuevoll zu seiner Mutter, die ihm verzieh. Als Zeichen ihrer Versöhnung weinten sie beide.

Die Mutter stellte die größte Sicherheit und Gewissheit für ihre Kinder dar. Wenn einem der Kinder etwas Unangenehmes widerfuhr und es Trost suchte, kam es immer zur Mutter. Es war am einfachsten, Reue und Hilflosigkeit mit den Worten Mamo miri, mamo! auszudrücken – und ihnen war leichter ums Herz. Fast immer fanden die Kinder bei ihrer Mutter Verständnis, Trost und Vergebung. Diese innige Beziehung zur Mutter kommt auf eindrucksvolle Weise in den Texten vieler Lieder zum Ausdruck.

Text beruht im Wesentlichen auf

Žlnayová, Edita (1996) Postavení a úloha ženy-matky a muža-otca v rómskej rodine (Stellung und Rolle der Ehefrau/Mutter und des Ehemanns/Vaters in der Roma-Familie). In: Romano džaniben 96/1-2.
Image Druckversion
Familie Levačič (Črensovci [Slowenien]), 2002
1970
Črensovci (Slowenien), 2002
Črensovci (Slowenien), 2002