Witwenschaft / Waisenkinder

Witwenschaft

Schon wenn Roma-Kinder sehr jung sind, lernen sie selbständig zu sein und für ihre Familie Verantwortung zu übernehmen. Deshalb sind die größeren Kinder, wenn einer der Eltern stirbt, in der Lage, bis zu einem bestimmten Punkt den Haushalt zu führen und sich um die jüngeren Brüder und Schwestern zu kümmern. Gewöhnlich sieht sich jedoch ein Witwer um eine neue Ehefrau um. Die ersten Frauen, die er, hauptsächlich wegen der Kinder, in Betracht zieht, sind die unverheirateten Schwestern seiner verstorbenen Frau. Es wird angenommen, dass die Schwester einer Ehefrau die Kinder behandeln wird, als wären sie ihre eigenen.

K'amende sas jekh Rom a ov iľa andal jekh familija romňa. Andre kodi familija sas štar čhaja. Koda Rom iľa nekphuredera. Dživlas laha, sas les duj čhave. Sar uľiľa koda dujto, paš o porodos muľa kodi romňi. Trine štare čhonenca peske iľa lakera ternedera pheňa. Sas les tiš čhave laha. Paľi iľa la tritona, tiš joj leske muľa a štvartona, nekterneder sar iľa, ta kadi les predžiďiľa, le romes. Sa kole čhaven, sa ľikerde avri. (J.K. 1981)
"Ein Rom in unserer Familie heiratete eine Frau aus einer anderen Familie, in der es vier Töchter gab. Der Mann heiratete die älteste. Er lebte mit ihr und sie hatten zwei Kinder. Dann starb seine Frau bei der Geburt des zweiten Kindes. Drei oder vier Monate später heiratete er ihre jüngere Schwester. Und er hatte Kinder mit ihr. Nach ihrem Tod heiratete er eine dritte und auch sie starb. Später heiratete er die vierte Schwester – die jüngste –, die überlebte ihn und zog alle Kinder auf." (J.K. 1981)

Wenn eine verstorbene Ehefrau keine unverheirateten Schwestern hatte oder diese Art der Verbindung nicht in Erwägung gezogen wurde, sah sich die Familie anderswo um eine Ehefrau für den Witwer um. Und in so einem Fall war es nun die Familie, die bei der Wahl der Ehefrau den Ausschlag gab.

Eine verwitwete Mutter verstand es besser, sich um die Kinder des Witwers zu kümmern, deshalb gab es keine Vorschriften, dass sie sich neuerlich verheiraten musste.

Te hin phureder, kaj lake kavka pal o saranda berš, ta malokana imar džal romeste. Sar terneder, ta mek peske šaj džal, aľe imar malosavi, bo pes daral pal o čhave – cudzo dad, cudzo dad pes phenel. (J.K.)
"Wenn sie schon älter ist, wenn sie über vierzig ist, ist es unwahrscheinlich, dass sie wieder heiraten wird. Ist sie aber jünger, könnte sie noch immer heiraten, aber kaum eine Frau wird das tun, weil sie sich um ihre Kinder sorgen macht. Ein Stiefvater ist nun einmal ein Stiefvater, wie man so sagt." (J.K.)

Wenn eine Witwe wieder heiraten wollte, mussten ihre Familie und manchmal auch ihr ältester Sohn damit einverstanden sein.

Sar muľa amenge o dad, e daj na džalas pal aver rom. Ačhľa korkori. Joj daralas, hoj o čhavo te na la marel. Hjaba hoj sas mek ciknoro – leske sas akor eňa berš – mek na domukľa la dake, kaj te džal romeske. E daj šunelas igen. (A. Ferencová 1995)
"Als unser Vater starb, hat unsere Mutter nicht wieder geheiratet. Sie blieb alleine. Sie hatte Angst, ihr Sohn würde sie töten. Schon als er noch klein war – er war neun Jahre alt – erlaubte er seiner Mutter nicht, sich wieder zu verheiraten. Mutter gab immer Acht, ihm stets zu gehorchen." (A. Ferencová 1995)

Waisenkinder

Wenn beide Eltern verstorben waren, musste die Großmutter die Fürsorge für die Kinder übernehmen. Eine Roma-Familie hätte verwaiste Kinder nie aus eigenem Antrieb einer Kinderfürsorgestelle übergeben. Wenn es manchmal dennoch dazu kam, ging das von der Initiative von Sozialarbeitern oder Schulen aus. Lebte die Großmutter nicht mehr, mussten andere Familienmitglieder sich um die Kinder kümmern. Gewöhnlich fiel diese Aufgabe den Schwestern der Verstorbenen zu, manchmal aber mussten andere Familienmitglieder die Kinder aufnehmen. Oft kümmerten sich die älteren Brüder und Schwestern um die jüngeren Geschwister, vor allem wenn Erstere schon ihre eigenen Familien hatten.

Text beruht im Wesentlichen auf

Žlnayová, Edita (1996) Postavení a úloha ženy-matky a muža-otca v rómskej rodine (Stellung und Rolle der Ehefrau/Mutter und des Ehemanns/Vaters in der Roma-Familie). In: Romano džaniben 96/1-2.
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