Bori

bori, f. (Ind.): Schwiegertochter, Schwägerin.

Eine Frau, die von einem čhavo (junger Mann) nach Hause gebracht wird, wird quasi zum Eigentum der gesamten fameľija. Deshalb beschreibt ein einziger Begriff ihr Verhältnis zu den einzelnen Mitgliedern einer Großfamilie: bori. In traditionell lebenden Roma-Gemeinschaften war es üblich, dass das neu vermählte Paar zur Familie des Bräutigams zog – die bori lebte also bei ihrer Schwiegermutter.

Unter allen Verwandten des Ehemannes hatte die terňi bori (die junge Schwiegertochter) die niedrigste soziale Position. Ohne zu widersprechen musste sie ihrer sasvi (Schwiegermutter) und den Schwestern ihres Mannes gehorchen, die sie mit den schwierigsten und unangenehmsten Aufgaben betrauten. Sie putzte, machte den Abwasch, passte auf die jüngsten Kinder ihrer Schwiegermutter auf und ging zum Brunnen, um Wasser zu holen. Manchmal half sie auch beim Kochen, aber im Hinblick auf die außerordentliche Bedeutung, die der rituellen Reinheit von Mahlzeiten und deren Zubereitung gemäß der Roma-Tradition zukam, entsprach der Status einer terňi bori nicht der vorgeschriebenen žužipen (rituellen Reinheit); die männlichen Mitglieder der Familie bevorzugten daher die Mahlzeiten, die von der Mutter bzw. Hausfrau selbst zubereitet wurden.

Wenn eine junge Schwiegertochter nicht gehorchte oder čhibaľi (frech, keck, schnippisch) war, verlangte die Schwiegermutter von ihrem Sohn, seine Frau zu schlagen, und oft gelang es dem Sohn nicht, sich dem Wunsch seiner Mutter zu widersetzen. Wenn eine terňi bori die tyrannische Erziehung ihrer Schwiegermutter nicht länger ertragen konnte, rannte sie zu ihrer Mutter nach Hause ("denašťa ke daj"). Nach einigen Tagen kam der Ehemann und holte sie wieder zurück, wobei die Schwiegermutter in der Folge gewöhnlich einsah, dass sie freundlicher mit ihrer Schwiegertochter umgehen musste.

Man betrachtete diese harte Lehre als überaus wichtig für eine junge Frau. Die Schwiegermutter – das "Oberhaupt" – lehrte die bori, eine bescheidene Frau, eine gute und verantwortungsvolle Mutter und eine ordentliche und saubere (žuži) Hausfrau zu werden. Die meisten Roma-Frauen behielten ihre Schwiegermütter deshalb in liebevoller Erinnerung ("Sas mange aver daj." – "Sie war meine zweite Mutter.") und interessanterweise kommen im Repertoire der traditionellen Roma-Witze keine Witze über Schwiegermütter vor.

Die Position der terňi bori änderte sich, wenn ihre Schwiegermutter sie "anďa pre peskero vast" (wörtlich: "sie [wieder] in die eigenen Hände übergab") oder ihr sämtliche Bräuche ihrer Gemeinschaft genauestens beigebracht hatte. Gewöhnlich war das der Fall, nachdem die bori bereits Mutter von zwei oder drei eigenen Kindern geworden war oder wenn ein weiterer Sohn geheiratet hatte und seine Frau in die Familie brachte. Dann kam die Position der terňi bori der neuen Ehefrau zu, die somit alle daran gebundenen Verpflichtungen übernehmen musste.

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Image Jekh detharin rano bori poranila – Eines Morgens steht die Schwiegertochter früh auf
Image Amari cikni bori – Unsere kleine Schwiegertocher