Gadscho (Gadžo) / Das / Gor

Terminologie

Gadscho (in Vlach Dialekten Gadžo oder Gažo), Das und Gor sind die gebräuchlichsten Bezeichnungen für Nicht-Roma und bilden mit Rom / Ḍom / L(l)om und Sinto Gegensatzpaare.

Gadžo geht vermutlich auf das altindische gārhya ("häuslich") zurück und bedeutet neben Nicht-Rom auch Bauer, Dörfler, Hausherr und Ehegatte. Es ist der am häufigsten verwendete Begriff und auch vielen Nicht-Roma bekannt. Das (v.a. Balkan-Gruppe [Klassifikation]) lässt sich auf das altindische Dāsa ("Sklave") zurückführen und entspricht der Hindi-Bezeichnung Dās. Gor wird in einigen Romani-Varianten der zentralen Gruppe verwendet (z.B.: Vend-Roma).

Neben diesen Hauptformen existieren eine Reihe weiterer Synonyme mit zumeist nur regionaler Bedeutung. Die bosnischen Gurbet und die vor allem in der Türkei beheimateten Sepečides kennen etwa den Begriff Gomi. Sinti und die finnischen Kale (Mustalainen) bezeichnen Nicht-Roma auch als haxo, was soviel wie "geistig beschränkt" bedeutet. Die Sepečides kennen ebenfalls den Begriff haxo(s) mit derselben Bedeutung, verwenden ihn jedoch nicht als Bezeichnung für Nicht-Roma.

Bis auf wenige Ausnahmen spiegeln sich Religion, Staatsangehörigkeit und ethnische Zugehörigkeit der Nicht-Roma in den Bezeichnungen nicht wider. Vermutlich aufgrund einer vergleichbaren Verfolgungsgeschichte fällt die jüdische Bevölkerung nicht in die pejorative Kategorie Gadžo, Das oder Gor. Židovo, Džido, Dschido oder Čifuti ("Beschnittene") sind die gängigsten Bezeichnungen für Jude. In einigen muslimischen Balkan-Gruppen ist es zudem üblich, zwischen Gadžo und Das zu unterscheiden. Bei Kosovo-Gruppen steht Gadžo für Albaner und andere Nicht-Roma, während Das Serbe bedeutet. Die Sepečides bezeichnen Griechen als Balamno, Türken als Xoraxaj, alle anderen Nicht-Roma als Gadže oder Gomi. Bei Vlach-Gruppen wie den Lovara und Kalderaš bedeutet Xoraxaj Türke oder Moslem. [Index]

Soziokulturelle Hintergründe

Wie bereits angedeutet beinhalten alle Bezeichnungen für Nicht-Roma eine abwertende Komponente. Gebräuchliche Redewendungen der Sepečides verweisen darauf:

Katar ko gadžo dovruzluki na n'avela.
"Von einem Gadžo kommt nie etwas Wahres."
O gadžo xala les ki koč.
"Der Gadžo isst es (das Brot) kniend." (Anm.: "Das Brot auf den Knien zu essen" bedeutet, das Vertrauen eines Freundes zu missbrauchen, "ehrlos zu sein wie eine Katze, die ihr Futter an einen versteckten Ort trägt.")

Diese strikte Polarisierung in "Wir" und die "Anderen" hängt primär mit der Verfolgungsgeschichte der Roma zusammen, entspricht jedoch auch ihrer dualistischen Weltanschauung, das gesamte Leben in Gegensatzpaare zu unterteilen (devel - beng / mahrime - žužo etc.). Die ethnische Identität der Roma basiert auf dieser Trennung. Eine Reihe von Tabus und Vorschriften trennt die verschiedenen sozialen und kulturellen Bereiche voneinander und schützt sie vor Überschreitungen. Betrachtet man die Geschichte der Roma, ist es nicht weiter verwunderlich, dass diese Grenzen im Laufe der Zeit unüberwindbar wurden.

Unüberwindbar jedoch nur in eine Richtung: Ein Gadžo kann niemals ein "echter"Rom werden. Ein Romani sprechender Nicht-Rom, der die Traditionen befolgt, in die Gemeinschaft aufgenommen wurde und seinem Selbstverständnis nach ein Rom ist, wird in einem geringeren Ausmaß als Rom betrachtet als ein assimilierter, nicht Romani sprechender Rom. Rom zu sein, wird als Geburtsrecht eingestuft, Gadžo zu werden, ist hingegen erlernbar. Aufgrund dieser pejorativen Bedeutung des Begriffs Gadžo greifen Roma im Gespräch mit Romani-kompetenten Nicht-Roma auf den neutralen Begriff Manusch (Mensch) zurück, wenn von Nicht-Roma und insbesondere vom Ehepartner des Gesprächspartners die Rede ist.

Besonders anschaulich kommt das zumeist negative Bild der Nicht-Roma in der Literatur und mündlichen Erzähltradition der Roma zum Ausdruck. Es ist entweder ein misstrauischer, spöttischer oder gering schätzender und zum Teil verächtlicher Blick auf Nicht-Roma. Gleichzeitig wird die Solidarität mit jenen Gruppen bekundet, die unter ähnlich schwierigen Umständen leben und ähnliche Erfahrungen mit der Mehrheitsbevölkerung gemacht haben (z.B. Juden). Immer wiederkehrende Vorwürfe, die in allen literarischen Genres zum Ausdruck kommen, beziehen sich vor allem auf die Wertvorstellungen der Nicht-Roma. Ihnen gehe es lediglich darum, Besitztümer anzuhäufen und immer reicher zu werden; eine damit einhergehende "geistige Verarmung" nähmen sie bewusst in Kauf. Dieses "Scheuklappendenken" verstelle ihnen den Blick auf das Wesentliche. Bekunden Nicht-Roma ihr Interesse an Roma, wird dies zumeist als heuchlerisch und allein auf den eigenen Vorteil hin ausgerichtet gewertet. Dem engstirnigen, weltfremden und bisweilen dummen Gadžo steht der kluge, naturverbundene und lebensnahe Rom gegenüber. In vielen Roma-Märchen nützt der Held diese als selbstverschuldet betrachtete Naivität der Nicht-Roma aus und demonstriert damit auf spöttische Weise seine Überlegenheit.

Der bei Lovara aufgewachsene belgische Nicht-Rom Jan Yoors weist in seiner Autobiographie darauf hin, dass auch das Wissen um die Vorurteile der Nicht-Roma als Methode eingesetzt wurde, diese zu übervorteilen. Es kam vor, dass Frauen sich nach Betreten eines Geschäftes bewusst am Körper kratzten und daraufhin Lebensmittel berührten, die ihnen der Ladeninhaber dann gerne kostenlos überließ. Die Furcht vor ansteckenden Krankheiten war stärker als sein Verkaufssinn.

Quellen

Heinschink, Mozes F. (2002) Unveröffentlichtes Interview mit Dragan Jevremović (Kalderaš). Wien.
Heinschink, Mozes F. (2002) Unveröffentlichtes Interview mit Fatma Heinschink (Sepečides). Wien.
Phonogrammarchiv, Österreichische Akademie der Wissenschaften: Sammlung Heinschink: RT 379 (Sepečides) .

Literatur

Cech, Petra / Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (eds.) (2001) Fern von uns im Traum ... / Te na dikhas sunende ... Märchen, Erzählungen und Lieder der Lovara, Klagenfurt.
Eder-Jordan, Beate (1993) Geboren bin ich vor Jahrtausenden. Bilderwelten in der Literatur der Roma und Sinti (= Dissertationen und Abhandlungen 32), Klagenfurt.
Eder-Jordan, Beate (1998) "Die Frau war Mann und Frau". Zur Stellung der Frau bei Sinti und Roma. Gespräch über ein tabuisiertes Thema In: Stimme. Zeitschrift von und für Minderheiten 28/3, pp. 12-15.
Ficowski, Jerzy (1992) Wieviel Trauer und Wege. Zigeuner in Polen (= Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 7), Frankfurt.
Fonseca, Isabell (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München.
Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Stojka, Ceija (1988) Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin, Wien.
Stojka, Ceija (1992) Reisende auf dieser Welt. Aus dem Leben einer Rom-Zigeunerin, Wien.
Stojka, Karl (1994) Auf der ganzen Welt zuhause. Das Leben und Wandern des Zigeuners Karl Stojka, Wien.
Stojka, Mongo (2000) Papierene Kinder. Glück, Zerstörung und Neubeginn einer Roma-Familie in Österreich, Wien.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Yoors, Jan (1982) Die Zigeuner. Frankfurt.
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Image Kamesas te aves gažo? – Wärst du gern ein Gadžo?
Image So šaj le gaže sićon katar le Rom? – Was können die Gadže von den Roma lernen?
Handleserin (Walbersdorf [Bgld.]/Österreich), 1931