Untergruppen der Roma

Bevor die Roma Indien verließen, war es unmöglich, nicht dem spezifisch indischen soziokulturellen System, d.h. dem Kastensystem, anzugehören. Eine jati ist eine verwandtschaftlich verbundene Gruppe ("Sippe"), die einem bestimmten Beruf nachgeht. Zwei grundlegende Eigenschaften (bestimmende Faktoren) von Kasten sind untrennbar miteinander verknüpft: Berufs- und Sippenidentität. Nimmt die Anzahl der männlichen Nachkommen, also der Söhne, in den nachfolgenden Generationen zu, steigt folglich auch die Anzahl derjenigen, die den jeweiligen Kastenberuf ausüben. Da aber in einem bestimmten Gebiet nur eine begrenzte Anzahl von Menschen den gleichen Beruf ausüben kann, hat ein Teil der Angehörigen dieser Berufsgruppe keine andere Wahl, als an einen anderen Ort zu ziehen, an dem ihre Dienste gebraucht werden, oder sich überhaupt einen anderen Beruf zu suchen.

Einige Faktoren stehen jedoch einem Berufwechsel im Weg. Sie betreffen hauptsächlich die strikte Tradition des "beruflichen Kasten-Dharma" (der Regel, nur einen bestimmten Beruf auszuüben) sowie die mangelnde Vorbereitung (Ausbildung) für einen anderen Beruf. Dennoch besteht sowohl in der Roma-Gesellschaft als auch in Indien immer eine bestimmte Möglichkeit, aus dem traditionellen Beruf der Gruppe zu "emigrieren", vor allem wenn eine gesellschaftliche Veränderung mit einer örtlichen einhergeht (etwa an einen anderen Ort zu ziehen).

Diese "Emigration" betrifft allerdings Splittergruppen und nicht einzelne Personen. "Familiäre Splittergruppen", die sich dauerhaft von der ursprünglichen "Mutter"-Kaste abgetrennt haben, bilden im Laufe der Zeit selbst eine neue jati mit einem neuen Namen. Folglich sind die Ḍom (1) in Indien mit den heutigen islamischen Volksmusikern, den Mirasi; mit den Badi oder Bihar (Akrobaten und Musikern); den Gaḍe Lohar (Wanderschmieden); den Balmik (Korbflechtern); den Bandjara (wandernden Händlern); den heiligen Djugi (Bettlern); den Madari, die dressierte Bären und Affen präsentieren; den Sapere/Sapvale (Schlangenbeschwörern und Schlangenbissheilern) usw. verwandt.

Die endlose Anzahl an Bezeichnungen, die den einzelnen Roma-Gruppen während ihrer nachindischen Geschichte gegeben wurden – und auch heute noch gegeben werden –, ist das Ergebnis der uralten indischen Form der Kastenbildung/-erneuerung (Sippe / Beruf) und zudem des Abwanderns der Roma in unterschiedliche politische, ethnische und sprachliche Umgebungen in Asien, Europa, Amerika und Australien.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Bezeichnungen für Roma-Gemeinschaften und -Gruppen zu kategorisieren. Zwei grundlegende Arten der Benennung stellen die "autonymen" und "exonymen" Bezeichnungen dar. Ein "Autonym" ist der Name, mit dem sich eine bestimmte Gemeinschaft selbst bezeichnet, ein "Exonym" (Fremdbezeichnung) ist der Name, der von anderen verwendet wird. Oft ist es schwierig zu erkennen, ob ein Name nun autonym oder exonym ist, da der von anderen verwendete Name – solange es sich nicht um ein ausschließlich pejoratives (abwertendes) Exonym handelt – manchmal im Laufe der Zeit zur genaueren Selbstidentifikation übernommen werden kann.

Ein grundlegendes – wahrscheinlich das ursprünglichste – und alles mit einbeziehendes Autonym stellt die ethnische Bezeichnung (Ethnonym) Rom dar. Die Roma nahmen den Namen – in geänderter phonetischer Form der ethnischen bzw. Kasten-Bezeichnung Ḍom – aus Indien mit. Obwohl heute Roma auf der ganzen Welt verteilt leben und sie verschiedene Autonyme für ihre Gesellschaften (Sinti, Kale, Manouche etc.) verwenden, gehen doch alle von einer gemeinsamen Herkunft und Grundidentität aller Roma-Gruppen aus. Feststellbar ist diese gruppenübergreifende ethnische Identität vor allem hinsichtlich des Gegensatzpaars Rom / Gadžo (Nicht-Rom).

Das Autonym Sinti (pl.) (sg.: Sinto, m.; Sintica, f.) wird von den Mitgliedern einer wichtigen Roma-Gesellschaft verwendet, von denen ein Großteil in Deutschland lebt. Folglich lautet eine der exonymen Bezeichnungen für Sinti"deutsche Zigeuner/Roma".

Obwohl sich die Sinti selbst nicht als Roma bezeichnen, geben sie dennoch an, Romanes zu sprechen. Über die Etymologie des Wortes Sinto sind sich Experten nicht ganz einig. Einige führen es auf das geopolitische Gebiet Sindh (im heutigen Pakistan) zurück. Die Gegner dieser Ansicht behaupten allerdings, dass der Name Sinto sich grammatikalisch nicht wie ein ursprünglich indisches Wort verhält.

Eine Untergruppe der Sinti sind die Manouche, die vorwiegend in Frankreich leben. Die Etymologie des Namens Manouche ist indisch. Der Terminus manush bedeutet "Mensch" (in Sanskrit, in neuindischen Sprachen und in Romani). Der hervorragende Musiker und Begründer des "Gypsy-Swing" Django Reinhardt stammt von der ethnischen Subgruppe der Manouche ab. Ein weiterer berühmter Manouche ist der Filmregisseur Tony Gatlif.

Name Kale wiederum bezeichnet die Roma in Spanien. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Begriff, der (in Romani) "schwarz" bedeutet, ursprünglich ein Exonym war, das die Roma aus dem Spanischen übersetzt und in dieser Form später als Selbstbezeichnung übernommen haben. Auch in einer jüdischen Chronik des 17. Jahrhunderts werden Roma auch als "kushim" – "Schwarze" – bezeichnet.

Andererseits stellte Kalo (Romani) bzw. Kalu (Hind.) einen für die Roma – wie auch für deren Vorfahren in Indien – typischen Personennamen dar. Kaleja – der zum Nominativ veränderte Vokativ des Wortes kalo – wurde bei den slowakischen Roma zu einem gebräuchlichen Nachnamen. Die Möglichkeit, dass in diesem Fall ein gängiger Vorname zur Bezeichnung für eine gesamte ethnische Untergruppe geworden ist, kann nicht ausgeschlossen werden.

Die spanischen Kale verwenden den Terminus Kale auch als Bezeichnung für ihre Sprache. Dabei handelt es sich um eine so genannte Para-Romani-Sprache, d.h. einen Romani-Ethnolekt des Spanischen (Spanisch mit Romani-Wörtern und einigen Romani-spezifischen Charakteristika).

Kale ist auch ein von den Roma in Finnland verwendeter autonymer Begriff. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine Übersetzung aus dem finnischen Mustalainen ("Schwarze"). Es könnte jedoch auch – wie im Fall der spanischen Kale –eine semantische Erweiterung eines Vornamens zur Gruppenbezeichnung stattgefunden haben. Das gleich lautende Autonym der spanischen und finnischen Kale dürfte wahrscheinlich reiner Zufall sein. Die finnischen Kale sprechen untereinander immer noch Romani, wenngleich ihre Sprache stark von finnischen Wörtern durchzogen ist.

Die Roma auf den britischen Inseln verwenden das Autonym Romanichels oder Gypsies – und kürzlich hat sich auch der in politischer Hinsicht symbolische Terminus "Roma "durchgesetzt. Die Etymologie des Wortes Romanichel (sg.) ist nicht ganz klar. Das Appellativ "Gypsy" (sg.) wurde – Hand in Hand mit der Ablöse der Romani-Sprache durch den Romani-Ethnolekt des Englischen – schließlich als Selbstbezeichnung übernommen. Ebenso wie bei den spanischen Kale stellt die Sprache der britischen Roma eine Para-Romani-Sprachvariante dar. Ihre Grundlage ist das Englische, doch beinhaltet sie eine bestimmte Anzahl an Romani-Wörtern.

Während sich viele Romanichels das Exonym "Gypsy" zu Eigen machten, hat sich in der britischen Gesellschaft das Sozionym (Bezeichnung für eine Gesellschaftsgruppe) "Travellers" (Menschen, die in mobilen Unterkünften, in Wägen, in Wohnanhängern leben) durchgesetzt. Der Terminus "Travellers" bezieht sich nicht nur auf Roma, sondern auch auf alle ethnischen Gruppen, die keinen festen Wohnsitz haben, zum Beispiel auf die irischen Tinkers (Blechschmiede), deren linguistische und ethnische Herkunft eine vollkommen andere als die der Roma ist.

Rom (pl.: Roma), Sinto (pl.: Sinti), Manouche (pl.: Manouche), Calo / Kalo (pl.: Cale / Kale), Romanichel (pl.: Romanichels) Gypsy (pl.: Gypsies) sind die grundlegenden autonymen Bezeichnungen für Menschen, deren Vorfahren Indien vor etwa 1.000 oder 1.500 Jahren verlassen haben. Gruppen in vielen Ländern der Erde nennen sich heute so. In einigen Fällen ist es offensichtlich – oder es lässt sich zumindest mutmaßen –, dass ein heutiges Autonym ursprünglich als Exonym gebräuchlich war. In ethnisch-beruflichen Untergruppen großer Roma-Gesellschaften lassen sich ähnliche Phänomene beobachten. Dies wird weiter unten behandelt werden.

Das Gegenstück zu Autonym ist Exonym (Appellativ). Wenn man sich in den verschiedenen Weltsprachen auf die Roma im Allgemeinen bezieht, also auf die Roma-Gesellschaft ohne innere Unterscheidung (beruflich, subethnisch oder regional), werden Bezeichnungen verwendet, die auf zwei Hauptappellative zurückgehen, die bereits in Byzanz entstanden waren: "Athingani" und "(E)gyptoi".

Der Terminus "Athingani" wurde zum tschechischen "c/Cikán", dem slowakischen "c/Cigán", zum deutschen "Zigeuner", dem ungarischen "cigany", zum russischen "cygan", dem italienischen "Zingari" und zum französischen "Tsigane" etc. Von "Egyptoi" wiederum stammt das englische "Gypsy", das französische "Gitan", das spanische "Gitano" usw. ab.

Aus zwei Gründen verwendet man in manchen Sprachen die alternative Groß- oder Kleinschreibung (vgl. "cikán" bzw. "Cikán" oder "cygan"): In einigen Sprachen (z.B. im Russischen) schreiben die Mitglieder der ethnischen Gruppen den Anfangsbuchstaben klein; dennoch wird auch in Gruppen, die selbst die Großschreibung verwenden (z.B. auf Tschechisch) der Terminus "cikán" auch kleingeschrieben, da "cikáni" als soziale Gruppe und keinesfalls als ethnische Gruppe betrachtet wurden. Die Gruppe der "Athingani" wurde in verschiedenen byzantinischen Dokumenten gemeinsam mit den "Paulizianern" erwähnt.

Die orthodoxe byzantinische Kirche betrachtete die Paulizianer als Ketzer, weil sie einem – vom Manichäismus beeinflussten – dualistischen Glauben anhingen, demzufolge die Welt in eine spirituell göttliche und eine vom Satan beherrschte materielle unterteilt war. Das gesamte Bestehen der Welt war daher ein unaufhörlicher Kampf zwischen Gut und Böse. Die Paulizianer wie die "Athingani" gehörten den niedrigsten gesellschaftlichen Schichten an. Es sind uns heute keine Erwähnungen hinsichtlich der besonderen Religion der "Athingani" bekannt, aber den schriftlichen Quellen ist zumindest zu entnehmen, dass sie Magie übten und dass ihre Lebensweise sich von der "normaler" Byzantiner unterschied.

Es gibt verschiedene Meinungen zur Etymologie des Wortes "Athingani". Nach der vorherrschenden Erklärung geht das Wort auf die Wurzel des griechischen Wortes für "berühren" mit dem negativen Präfix "a" zurück. Folglich muss "athingan""jemand, den wir nicht berühren" bedeuten – oder umgekehrt: "jemand, der (andere) nicht berührt".

Traditionell lebende Roma-Gruppen halten immer noch an den Vorschriften der "rituellen Reinheit" fest, die verbieten, etwas zu berühren, das als "unrein" eingestuft wird, und sich mit Menschen abzugeben, die als "unrein" gelten (sie zu heiraten; in ihren Häusern zu essen; von Tellern zu essen, die sie zuvor berührt haben) [Mahrime]. Und all jene, die diesen Ansprüchen nicht genügten [Cudza Roma], wurden als "unrein" angesehen. Deshalb erscheint eine Anlehnung an die zweite Erklärung für das Wort "Athingani" wahrscheinlicher: "jene, die sich nicht mit anderen abgeben".

In späteren byzantinischen Aufzeichnungen – hauptsächlich aus dem 15. Jahrhundert – wird die Bezeichnung "Gyptoi" ("Ägypter") gemeinsam mit "Athingani" für dieselbe Gruppe von Menschen verwendet. Es gilt als sicher, dass damit Roma gemeint waren. Da sich beide Begriffe, "Ägypter" und "Athingani", auf alle Roma bezogen, geht aus den byzantinischen Aufzeichnungen nicht klar hervor, welche ethnische Untergruppe oder welche Berufsgruppe der Roma gemeint war.

Ebenso wenig geht dies aus anderen Gadže-Erwähnungen bezüglich der "Zigeuner" hervor (aus Chroniken, Annalen, Gesetzestexten, Reiseberichten und Nicht-Roma-Literatur). Die historiographischen Aufzeichnungen der Gadže liefern uns keine absolut zuverlässige Grundlage für eine Rekonstruktion der Geschichte der Roma, die nach ihrem ersten europäisch-asiatischen Aufenthalt in Byzanz, der beinahe vierhundert Jahre dauerte, allmählich in verschiedenste Teile der Welt emigrierten. Zudem erfahren wir aus diesen Quellen nichts über die subethnischen Unterteilungen innerhalb der Roma-Gesellschaft.

Beinhaltet die historische Aufzeichnung jedoch auch eine genauere Beschreibung des Lebens der jeweiligen Gruppe, ist es immerhin möglich zu erkennen, auf welche Berufsgruppe der Roma Bezug genommen wird. Wir wissen zum Beispiel, dass die "Athingani" in Byzanz Siebe herstellten, dass sie als Akrobaten bewundert wurden, dass sie dressierte Bären vorführten und dass sie von der orthodoxen Kirche für ihre Beschäftigung mit der Wahrsagerei und mit okkulten Wissenschaften wie Schlangenbeschwörung und Heilen mit Schlangengift an den Pranger gestellt wurden. Wahrscheinlich wird nie genau bekannt sein, wie sie sich im Rahmen der "Athingani"-Gesellschaft unterschieden, welche Sprache oder welchen Dialekt die Mitglieder der einzelnen Gruppen sprachen und welche Attribute sie dem übergeordneten Dachbegriff des Autonyms Rom beigefügt haben, um sich – im Hinblick auf Beruf und als ethnische Untergruppe – von den anderen Roma abzugrenzen, mit denen sie sich allerdings bezüglich des grundlegenden Gegensatzes zwischen Rom und Gadžo verbunden fühlten. (2)

Im Laufe der Zeit haben die Fremdbezeichnungen, die sich in den verschiedenen Sprachen aus den beiden byzantinischen Exonymen – "Athingani" und "(E)giptoi" – entwickelt haben, Konnotationen angenommen, die die ausgesprochen gegensätzlichen Beziehungen zwischen den Roma und den Nicht-Roma widerspiegeln. In ihnen zeigt sich auch deutlich die Ignoranz von Seiten der dominierenden ethnischen Gruppe im Hinblick auf die Herkunft der Roma und die Roma im Allgemeinen.

So findet man beispielsweise in Travníčeks Wörterbuch der tschechischen Sprache (Prag 1952) folgende Ausführung zum Eintrag "cikán": "Angehöriger eines wandernden Volkes", "Symbol für Lügen, Diebstahl, Reiselust (…); figurativ: Gauner, Lügner, Schwindler" (S. 145). Auf Englisch wird der Terminus "Gypsy" für Nomaden, Vagabunden unabhängig vom ethnischen Ursprung verwendet. Das Verb "to gypsy" ist ein umgangssprachliches Wort mit der Bedeutung "herumziehen". In Amerika bedeutet "to gyp/gip (someone)""(jemanden) täuschen". [Stereotypisierung und Folklorisierung] Aus diesem Grund fordern die politischen Roma-Vertreter heute, dass auch in den Sprachen der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft die diskreditierte Fremdbezeichnung durch das Autonym Rom ersetzt wird.

Die Roma-Gesellschaft ist weltweit in eine große Anzahl berufsbezogener und/oder subethnischer Untergruppen unterteilt. Sie benennen ihre jeweilige Gruppe mit einer beigefügten Bezeichnung (3), die an das Autonym Roma angehängt wird, z.B.: Roma-Kalderari (Roma-Kesselhersteller), Ungrika-Roma ("Ungarische Roma"), Bergitska-Roma (wörtlich: "Berg-Roma", eine Gruppe von in Südpolen an der polnisch-slowakischen Grenze angesiedelten Roma, ursprünglich identisch mit den Servika-Roma) etc. [Glossar]

Auf der ganzen Welt gibt es zahlreiche berufliche und subethnische Gruppen der Roma. Da sie aufgrund von politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen von einem Ort an den anderen ziehen und die Grenzen ihrer Identität und somit zugleich auch ihre Bezeichnungen ändern, ist es unmöglich, ihre Anzahl genau zu benennen. Folglich gibt es unzählige historische und aktuelle autonyme und exonyme Bezeichnungen. Wir werden anhand einiger Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit versuchen aufzuzeigen, wie das Gesetz der Ethnonymie (Bezeichnung einer ethnischen Gruppe) in der Roma-Gesellschaft funktioniert.

Die größte Gruppe von Roma in der Slowakei hat sich dort vor drei oder vier Jahrhunderten niedergelassen und wurde früher als Servika-Roma (sie stammten ursprünglich aus Serbien) bezeichnet. Noch Anfang der 1950er Jahre ist die Autorin dieses Beitrags immer wieder auf die alte Bezeichnung Servika-Roma gestoßen, doch allmählich konnte sie das parallele Äquivalent Slowakische (Slovačika) Roma verzeichnen, das die Bezeichnung Servika-Roma zunehmend ersetzte. Ungefähr ein Drittel der Roma in der Slowakei emigrierte nach 1945 nach Böhmen und Mähren. Die erste Generation dieser Migranten verwendete den Ausdruck "khere pre Slovensko" ("zu Hause in der Slowakei") – also für das Land, in dem sie sich zu Hause fühlten. In Böhmen und Mähren gab es lediglich "Splittergruppen" der erweiterten Großfamilie; und viele der Migranten gingen davon aus, dass sie eines Tages wieder nach Hause in die Slowakei zurückkehren würden.

Mit jeder nachfolgenden Generation lockerten sich die Bande zwischen der Roma-Bevölkerung der tschechischen Länder und ihrem Ursprungsland Slowakei ein Stück mehr. Heute käme es einem Rom, der in den tschechischen Gebieten, wo bereits seine Eltern und Großeltern aufgewachsen waren, geboren wurde, niemals in den Sinn "khere pre Slovensko" zu sagen. Viele Kinder und Enkel Slowakischer Roma (Servika-Roma) wissen heute nicht mehr, woher in der Slowakei ihre Vorfahren stammten. Sie haben die Spuren ihrer fernen Verwandten, die in der Slowakei geblieben waren, aus dem Blickfeld verloren; und oft sind sie selbst noch nie in der Slowakei gewesen. Die Bezeichnung Slowakische Roma bzw. Servika-Roma wird von der Bezeichnung Tschechische Roma verdrängt. Heute hört man oft einen jungen Rom in Tschechien von sich sagen: "Me som Čechos." ("Ich bin Tscheche.")

Die Bevorzugung der Bezeichnung Tschechischer Rom hat auch politische Gründe: Nach der Teilung der Tschechoslowakei (1. Januar 1993) waren die Roma in Tschechien plötzlich mit einigen rechtlichen Bedingungen zur Erlangung der tschechischen Staatsbürgerschaft konfrontiert, die es, vor allem für die Angehörigen ihrer Volksgruppe, sehr schwierig machten, als Staatsbürger anerkannt zu werden. Oft konnten nicht einmal jene, die bereits auf tschechischem Gebiet geboren worden waren und noch nie in der Slowakei gewesen waren, die tschechische Staatsbürgerschaft bekommen, weil sie den bürokratischen Richtlinien nicht gerecht wurden oder nicht über das nötige Geld verfügten, um die Voraussetzungen zur Erlangung der Staatsbürgerschaft zu erfüllen.

Der Begriff "tschechisch" bzw. Tschechischer Rom hat sich unter den ursprünglich Slowakischen Roma als attributives Autonym immer stärker verbreitet. Vor allem nach der Teilung der Tschechoslowakei wurde diese Selbstbezeichnung zu einem bewussten oder unbewussten Ausdruck des Wunsches, in der Tschechischen Republik zu bleiben, und der Angst, in die Slowakei, die ehemalige Heimat ihrer Vorfahren, abgeschoben zu werden.

Tschechische Roma/Cikáni ist die traditionelle Bezeichnung für Roma, die lange Zeit auf tschechischem Gebiet gelebt hatten. Ein Großteil von ihnen lebte nomadisch, weil es ihnen in den tschechischen Gebieten – aufgrund historischer Umstände – anders als in der Slowakei verwehrt war, sich niederzulassen.

Diese traditionell lebenden Tschechischen Roma sind nicht identisch mit den "(neo)tschechischen" Roma – den aus der Slowakei zugewanderten Roma. Diese zwei Gruppen üben unterschiedliche traditionelle Berufe aus, sprechen anders, wenngleich ihre Dialekte eng miteinander verwandt sind, und auch ihr Schicksal war – aufgrund der verschiedenen geschichtlichen Entwicklungen in Tschechien und der Slowakei – nicht dasselbe. Zum Beispiel waren die Tschechischen Roma, wie bereits erwähnt wurde, hauptsächlich nomadisch, wohingegen die Slowakischen Roma sesshaft lebten. Während der NS-Vernichtungsmaßnahmen während des Zweiten Weltkriegs wurden fast alle Tschechischen Roma in den deutschen Konzentrationslagern ermordet, während die Slowakischen Roma, als Gruppe, diese Jahre überlebt haben. Die Tschechischen Roma haben die tschechische Sprache schon viel früher angenommen; heute ist die tschechische Romani-Variante fast gänzlich verschwunden. Die Slowakischen Roma hingegen verwenden weiterhin ihre Muttersprache (Romani). Die Identität der wenigen Tschechischen Roma, die den NS-Genozid überlebt haben, wird durch ein strengeres Festhalten an den Regeln der "rituellen Reinheit", als dies bei den "(neo)tschechischen" Roma aus der Slowakei üblich ist, verstärkt.

Gegenwärtig gibt es also in der Tschechischen Republik zwei Gruppen von "tschechischen" Roma. Wie sich die terminologische Situation entwickeln wird, ist noch unklar. Einige der ursprünglichen Tschechischen Roma lösen dieses Problem, indem sie sich wieder des alten Begriffs Cikáni besinnen und sich auf diese Weise von den (zugewanderten) slowakischen Roma abgrenzen (da ihre Muttersprache Tschechisch ist, ergibt sich nicht die Frage, wie sie sich nun in Romani bezeichnen würden).

Als weiteres Beispiel möchten wir den Wandel des Terminus Rumungri, pl. (Rumungro, sg.; Rumungrica, f., sg.) anführen. Mit diesem Begriff bezeichneten Walachische Roma (Lovara, Kalderaš) die "ungarischen" Roma; folglich lautet die Etymologie des Wortes: Rom Ungro = ungarischer Rom.

Auf ihren Reisen kamen Vlachi (Vlach-Roma), oder Walachische Roma, nach der Abschaffung der Roma-Sklaverei (1864) aus der Walachei nach Ungarn und stellten fest, dass dort die überwältigende Mehrheit der Roma ein sesshaftes Leben führte. Viele verdienten ihren Lebensunterhalt als Berufsmusiker, einige als Schmiede. Sie unterschieden sich von den neu zugewanderten Vlachi nicht nur durch ihre Lebensart und ihre Berufe, sondern auch durch ihren Dialekt. Die Vlachi betrachteten sie als aver Roma ("andere Roma") und nannten sie Rumungri ("ungarische Roma") – nach dem Land, in dem sie miteinander in Kontakt kamen.

Später dehnten die Vlachi den Terminus Rumungri aus, um damit auch andere sesshafte Roma zu bezeichnen, denen sie in der Slowakei begegnet waren, d.h. die Servika-Roma. Die einzigen Eigenschaften, die die Servika-Roma mit den Ungarischen Roma (Ungrika-Roma) gemeinsam hatten, waren ihr sesshaftes Leben und teilweise die traditionellen Berufe als Schmiede und Musiker. Die Sprachen, die von den Ungarischen und den Slowakischen Roma gesprochen wurden, unterschieden sich deutlich.

Da zwischen den Gruppen (Kasten) der nomadischen Vlachi und der sesshaften Ungrika- und Servika-Roma eine große Distanz herrscht, hat der Begriff Rumungri einen abwertenden Unterton angenommen. Viele slowakische (Servika-) und ungarische (Ungrika-) Roma fassten die Bezeichnung Rumungri mehr oder weniger als Beleidigung auf. Im Gegenzug verwenden die Servika- und die Ungrika-Roma zur Bezeichnung der Walachischen Roma den unehrenhaft klingenden Terminus Vlachi. (4)

In den beiden oben erwähnten Beispielen haben wir versucht, die Verschiebungen bei ethnonymen Vorgängen hervorzuheben. Die beiden Beispiele beinhalten verständlicherweise nicht die gesamte verwirrende Vielzahl möglicher Veränderungen, aber sie bieten die Möglichkeit, zumindest einige grundlegende allgemeine Faktoren herauszufiltern, die bei der Veränderung von attributiven Autonymen / Exonymen zum Tragen kommen. Es handelt sich dabei um historische Veränderungen, die hauptsächlich mit gebietsmäßigen Verschiebungen (Migrationsbewegungen) und mit dem Aufeinandertreffen mit anderen Roma-Gruppen einhergehen, deren Mitglieder die anderen (aver Romacudza Roma) mit bestimmten Appellativen "versehen", um sie von sich selbst zu unterscheiden. Im Laufe der Zeit kann es vorkommen, dass ein exonymes Attribut zum "eigenen" wird. Bei vielen Gruppen ist wahrscheinlich nicht mehr zu unterscheiden, welche Namen ursprünglich Fremd- und welche reine Selbstbezeichnungen waren.

Wir verwenden hier den Begriff "attributiv". Wenngleich die Bedeutung des Wortes eigentlich selbsterklärend ist, möchten wir an dieser Stelle dennoch ein weiteres Mal einen wichtigen Umstand hervorheben, der oben bereits implizit erwähnt worden ist: Alle Roma bezeichnen sich selbst – im Rahmen des grundlegenden Gegensatzes zu den Nicht-Roma (Gadže) – als Roma (auch jene, die sich gegenüber den anderen Roma durch die Autonyme Sinti, Kale, Manouche usw. abgrenzen.) Jeder Rom, den ich getroffen habe, betrachtet seine eigene Gruppe als čače Roma ("wirkliche Roma" [Amare Roma]). Nur wenn es sich für sie als notwendig erweist, sich von anderen, "unterschiedlichen" Roma-Gruppen begrifflich abzugrenzen, verwenden sie die attributive Bezeichnung, die in den Gebieten, in denen sie mit den "anderen" in Kontakt kommen, bekannt und gebräuchlich ist. In manchen Fällen können sich diese Gebiete auf die ganze Welt erstrecken, in anderen sind sie begrenzt. Und wenn nun eine bestimmte Gruppe von "ihrem" (vorübergehenden) Gebiet in ein anderes zieht, ist es möglich, dass sie ihre attributive Bezeichnung völlig ändert.

Es gibt viele Arten attributiver Bezeichnungen. Die bekanntesten Arten sind so genannte "Professionyme" (Namen, die von einem bestimmten traditionellen Beruf abgeleitet werden) und "Regionyme" (Namen, die sich von der Region ableiten, aus der eine bestimmte subethnische Roma-Gruppe herkommt, in der sie umherzieht oder sich niedergelassen hat). Als Beispiele für Professionyme kann eine Vielzahl an Bezeichnungen für Bärenführer dienen. Sie sind ein weiterer Beweis für die komplizierte Terminologie von Roma-Gruppen.

Byzantinische Aufzeichnungen erwähnen bereits "Athingani", die dressierte Bären vorführten. Die Möglichkeit, dass die Roma diesen Beruf schon aus Indien "mitgebracht" hatten, kann nicht ausgeschlossen werden. (Im nördlichen Indien werden Klans von Bärenführern Madari genannt und sie gehören der großen Gruppe der Ḍom jatis an.) In den historischen Ländern der ehemaligen Tschechoslowakei dressierte keine der dortigen Roma-Gruppen Bären. Doch von Zeit zu Zeit kamen wandernde Bärenführer aus dem Ausland, stellten ihre Künste vor und zogen wieder weiter. Der von den Slowakischen Roma für sie verwendete Name stammt vom slowakischen Wort für Bärenführer (medvedara) ab. An manchen Orten jedoch wurden sie mit einem sehr alten Namen bezeichnet, der sich von dem Wort ričh (Rom. bzw. Hind.: Bär) ableitet: Ričkara.

Von Gejza Demeter aus Zbudské nad Cirochou (Bezirk Snina) wissen wir, dass seine Verwandten mit den RičkaraRomani sprachen, sich aber nicht immer sehr gut miteinander verständigen konnten, weil die Ričkara ihre eigene Sprache hatten. Welcher Gruppe von Bärenführern sie nun tatsächlich angehörten, wissen wir nicht.

In Rumänien, wo Klans von Bärenführern weit verbreitet waren, wurden ihre Mitglieder Ursari (von Rumän. urs: Bär) genannt. Sie sprachen den Ursari-Dialekt, in den übrigens zurzeit das Neue Testament übersetzt wird. Am Balkan, zum Beispiel in Bulgaren, werden Bärenführer sonst gewöhnlich Mechkara (vom slawonischen mechka: Bär) genannt. Die Mechkara haben mit den rumänischen Ursari nicht viel gemeinsam.

In Griechenland trafen wir auf Medvedara (1986). Sie betrachteten sich als Roma, in sprachlicher Hinsicht waren sie jedoch assimiliert; Griechisch war zu ihrer Muttersprache geworden. Es ging ihnen gut und sie "reisten" in luxuriösen Motorwohnwägen. In einem Vorort von Istanbul lebt – sesshaft, aber in Zelten – eine große Gruppe von sehr armen Bärenführern, die sich Roma Ayjides (vom türkischen ay: Bär) nennen. Ihre Sprache hat mit der Sprache der rumänischen Ursari nichts gemein, auch wissen die Ayjides in Istanbul nicht einmal, dass es rumänische Ursari gibt. Medvedara, Ričkara, Ursari, Mechkara, Ayjides sind also synonyme Professionyme, die Roma-Gruppen bezeichnen, die ihren Lebensunterhalt in verschieden Gebieten als Bärenführer verdienen. Ihre mögliche ethnische Verwandtschaft allerdings ist unklar und bislang unerforscht. [Vergnügungs- und Unterhaltungsberufe]

Alle synonymen Professionyme für Bärenführer zeigen an, dass es sich um Gruppen desselben Berufs handelt, vom ethnischen und sprachlichen Gesichtspunkt haben sie heute miteinander aber kaum etwas gemein. Der Terminus Roma Kalderara ist eines der am weitesten bekannten, buchstäblich "universellen" Professionyme (wörtlich: "Roma-Kesselhersteller"). Das Romani-Wort, das ursprünglich vom rumänischen caldare (Kessel) kommt, wurde mit einigen phonetischen Änderungen in die verschiedenen Nicht-Romani-Sprachen übernommen. Zum Beispiel: Kalderaši auf Tschechisch. Die Kalderaš, deren traditioneller Beruf das Herstellen von Kesseln war, leben überall auf der Welt. Sie sprechen Kalderaš-Romani mit vielen regionalen Varianten.

Viele herausragende Roma-Persönlichkeiten stammen aus der Gruppe der Kalderaš: der Schriftsteller Matéo Maximoff (1917-1999), der in Frankreich lebte; die Schwestern Taikon aus Schweden (die Schriftstellerin Katarina und die Silberschmiedin Rosa Taikon ); der Dichter, Politiker und Künstler Dragan Jevremović [Berufe: Historische Entwicklung], ursprünglich aus Jugoslawien und jetzt österreichischer Staatsbürger [Kalderaš in Österreich]; die Familie Demeter: Schriftsteller, Volkskundler und Wissenschaftler in Russland; der Schriftsteller und Sammler von Roma-Volkskunst in Argentinien, Lolja Bernal; der kanadische Schriftsteller und Politiker, Ronald Lee; der Dichter Luminitsa Cioba aus Rumänien und andere.

Eine weitere Gruppe, deren professionymer Name dank des Umstands, dass ihre verschiedenen Klans fast überall auf der Welt leben, weitverbreitet ist, sind die Lovara. Die Lovara waren ursprünglich Pferdehändler, folglich leitet sich ihr Name vom ungarischen Wort (Pferd) ab.

Die Kalderaš und Lovara werden als die herausragendsten Vertreter der so genannten Walachischen Roma oder Vlachi (Vlach-Roma) betrachtet. Vlach-Roma ist eine Bezeichnung des "regionymen" Typs, die die etymologische Verbindung mit dem Namen eines der zwei historischen rumänischen Fürstentümer – der Walachei – aufzeigt. In der Walachei und in Moldawien lebten die Vlachi oder Walachischen Roma mit anderen Roma-Gruppen ungefähr vier Jahrhunderte in Sklaverei zusammen. Die Sklaverei wurde im neu geschaffenen Staat Rumänien, zu dem sich die Walachei, Moldau und Siebenbürgen zusammengeschlossen hatten, endgültig im Jahr 1864 abgeschafft. Auf die Abschaffung der Sklaverei folgte eine große Auswanderungswelle: Verschiedene Roma-Gruppen emigrierten vorwiegend nach Ungarn oder Russland, von wo sie bald die kriegerischen Auseinandersetzungen (1905, 1914-1917/18) vertrieben: nach Schweden, Spanien, Frankreich, Nord- und Südamerika.

Die Bezeichnung Vlach-Roma wird, vor allem von Experten, für verschiedene Untergruppen der Walachischen Roma verwendet. Der slowenische Linguist Franc Miklošić, dem wir die erste professionelle Kategorisierung der Romani-Dialekte verdanken, stellte das Gegensatzpaar von walachischen und nicht walachischen Sprachvarianten auf. Der Terminus Vlach-Roma (in tschechischen Gebieten auch Olach-Roma oder Olaši genannt) fungiert hauptsächlich als Überbegriff (Hyperonym) für viele verschiedene Gruppen von (walachischen) Roma, deren Dialekt gegenüber den nicht walachischen Dialekten verschiedene gemeinsame Charakteristika aufweist.

Der Dachbegriff Vlach-Roma umfasst Lovara, Kalderaš, Gurbeti, Jambazi und andere "walachische" Gruppen weltweit, die jedoch keineswegs alle gleich sind und durchaus gegenseitige "Kastenbarrieren" kennen. Die Klassifizierung für die Bezeichnung Vlach-Roma bzw. Walachische Roma ist sogar noch komplizierter. In Ländern, in denen viele "walachische" Gruppen leben, grenzen sich ihre Mitglieder von den anderen durch spezifische Bezeichnungen für ihre jeweilige Gruppe ab. In Rumänien, Russland, Österreich, Schweden, am Balkan, den USA und in anderen Ländern, wo zum Beispiel Kalderaš und Lovara leben, wird der Überbegriff Vlach-Roma nur von Linguisten verwendet.

In der Tschechischen und der Slowakischen Republik ist die Gemeinschaft der Walachischen Roma nur durch die Lovara vertreten. Die größte Gruppe, die Kalderaš, ist dort überhaupt nicht vertreten. Deshalb hat das überbegriffliche Regionym Vlach-Roma bzw. Walachische Roma oder Olaši seine Funktion als Dachbegriff verloren und ist zu einem Appellativ geworden, das nur die traditionell reisenden Pferdehändler bezeichnet, die überall sonst mit dem Professionym Lovara benannt werden. In der Tschechischen Republik und in der Slowakei wird der Begriff Lovara überhaupt nicht verwendet. Auch die Vlach-Roma selbst kennen ihn nicht, obwohl sie doch anderswo in der Welt denselben Dialekt sprechen, dieselben traditionellen Berufe ausüben und sogar gleiche Familiennamen haben (Stojka, Lakatosh, Bihari etc.).

Im Übrigen haben sich die Walachen in der Tschechischen und der Slowakischen Republik mit dem Appellativ Vlachi, einer Bezeichnung, die ihnen von den Rumungri gegeben wurde, als notwendigem Übel abgefunden. Selbst nennen sie sich jedoch nur Roma – čáče Roma ("wahre Roma"), manchmal mesal'ake Roma – wörtlich: "Tisch-Roma", denn ein gedeckter Tisch, an dem sich die Gemeinschaft der Verwandten versammelt, hat eine nahezu "heilige" Funktion und stellt ein Symbol der Gruppenidentität dar. In der walachischen Volkskunde findet man den Begriff "sunto mesal'i" ("heiliger Tisch").

Professionyme und Regionyme sind also die Hauptformen der Bezeichnungen für verschiedene professionelle und subethnische Gruppen von Roma. Weitere, weniger zahlreiche Typen sind die "Religionyme" – Bezeichnungen, die Gruppen nach ihrer Religionszugehörigkeit abgrenzen; "Geonyme" – Namen, die die Landschaft, in der die Gruppen leben, widerspiegeln (Berge, Täler); "Anthroponyme" (nach anthropologischen Besonderheiten); "Sozionyme" (nach der Lebensweise: sesshaft, wandernd); figurative "Nationyme" (nach den Mitgliedern der dominierenden Ethnie).

Als "Anthroponym" könnten wir zum Beispiel einerseits eine Bezeichnung wie Manouche ("Mensch") – eine Roma-Gruppe, die hauptsächlich in Frankreich lebt – betrachten, andererseits aber auch Cale / Kale ("schwarz") – also Eigenschaften mit bestimmten anthropologischen Zügen.

Bezeichnungen, die zwischen wandernden und sesshaften Roma unterscheiden, könnten als "Sozionyme" beschrieben werden. Das Autonym Kherutne Roma (wörtlich: "Heim-Roma"), das in einigen Gegenden der Slowakei traditionell sesshafte (d.h. daheim lebende) Slowakische Roma bezeichnet, stellt dementsprechend ein Beispiel für ein Sozionym dar. In dieser gesellschaftlicher Hinsicht sind die sesshaften Roma in Rumänien (Vatrasha) mit den Kherutne-Roma vergleichbar. In ethnischer bzw. sprachlicher Hinsicht haben sie jedoch kaum etwas gemeinsam. Heute ist der Ausdruck Verdanengere / Phirdune Roma (wörtlich: "Wagen-/fahrende Roma") eine schon ziemlich altertümliche sozionyme Bezeichnung, die von slowakischen Roma verwendet wird, um (1) manchmal alle fahrenden Roma oder (2) manchmal nur die Walachischen Roma (die im Gebiet der früheren Tschechoslowakei leben) zu benennen.

Das verbreitetste Religionym stellt der Begriff Xoraxane-Roma bzw. Xoraxaia dar, der Roma muslimischen Glaubens bezeichnet. (Sonst wird der Terminus Xoraxaia (pl.) für Türken bzw. "Nicht-Roma-Moslems" verwendet.) Alle anderen nicht muslimischen Roma bezeichnen die Xoraxane-Roma als Dasa-/ Das-/ Dasikane-Roma (5); das Romani-Wort Das / Dasa selbst bezieht sich auch auf Nicht-Roma-Christen.

In der Türkei und in Griechenland werden moslemische Roma unter dem Überbegriff Xoraxaia in Kalayji (Blechschmiede), Ayjides (Bärenführer), Bohchegyz (hausierende Stoffhändler) usw. unterschieden. Auf ähnliche Weise werden unter dem Überbegriff Das / Dasa zahlreiche berufliche und subethnische Untergruppen zusammengefasst, die oft in überhaupt keinem engeren Zusammenhang stehen. Folglich fungieren die beiden Religionyme Xoraxaia und Dasa-/ Das-/ Dasikane-Roma in bestimmten Gegenden als Dachbegriffe (Hypernyme).

Ein typisches Geonym ist der Terminus (6)Bergitska-Roma (vom deutschen "Berg"; also "Berg-Roma"). Die polnischen Bergitska-Roma leben sesshaft in den Bergen nahe der Grenze zur Slowakei und sind eigentlich eine Untergruppe der in der Slowakei ansässigen Servika-Roma (Slowakische Roma).

Die Mitglieder beider Gruppen sprechen nicht nur einen beinahe identischen Dialekt, sondern tragen auch viele gleiche Familiennamen, wie zum Beispiel Mirga, Mižikar, Gábor etc. Die alten Roma auf beiden Seite der Grenze erinnern sich immer noch an dieselben Lieder.

Beide Gruppen haben dieselben Essgewohnheiten, für die sie von "rituell reinen" Roma verachtet werden. Sie essen Pferdefleisch und ernten dafür Verachtung und abschätzige Bezeichnungen: auf der slowakischen Seite Dupki; auf der polnischen Seite Labanci. Während Dupki als Äquivalent des üblichen Wortes degeša verwendet wird und für "rituell unreine" Menschen im Allgemeinen steht, bezieht sich das Wort Labanci nur auf die polnischen Bergitska-Roma.

Die oben erwähnten Beispiele attributiver Bezeichnungen (exonym und autonym) für verschiedene berufliche und subethnische Gruppen, aus denen sich die Roma-Gesellschaft in ihrer Gesamtheit zusammensetzt, sind bei weitem nicht vollständig. Wir haben nur zu zeigen versucht, wie attributive Bezeichnungen entstehen, wie sie sich durch Zeit und Ort verändern und verschieben – d.h. durch den Einfluss von gesellschaftlich-beruflichen Veränderungen im Laufe der Geschichte und durch die Wanderbewegungen der Roma in verschiedene ethnische Umgebungen. Ferner haben wir die grundlegenden Typen von Bezeichnungen herausgearbeitet, deren Hauptaugenmerk jeweils auf einer bestimmten gruppenspezifischen Eigenschaft liegt: Beruf (Professionyme der Lovara, Kalderaš oder Ursari), ethnisch-regionale Herkunft (Regionyme der Vlachi oder Rumungri), Religionen (Religionyma der Xoraxane-Roma oder Dasikane-Roma), Landschaftsmerkmale (Geonyme der Bergitska-Roma), verächtliche Bezeichnungen (Schandnamen der Labanci).

Es ist sehr kompliziert, sich hinsichtlich der vielen Bezeichnungen für Roma-Gruppen zurechtzufinden. Eine Gruppe (d.h. Menschen, die denselben Dialekt sprechen und/oder demselben traditionellen Beruf nachgehen) kann durch verschiedene Bezeichnungen benannt werden, entsprechend den Fragen "Wem?", "Wo?" und "Warum?". "Wem" bezieht sich dabei auf andere Roma-Gruppen, mit denen die jeweilige Gruppe in Kontakt kam, und – vielleicht – auf Experten, die selbst keine Roma sind. "Wo" nimmt Bezug auf die Art der ethnisch-regionalen Umgebung, und "Warum" hat mit der Betonung eines bestimmten Berufes als einer Widerspiegelung der Kasten-Beziehungen und -Bräuche etc. zu tun.

Andererseits findet man auch Bezeichnungen, die zugleich verschiedene Gruppen benennen, die kaum etwas gemeinsam haben (z.B. spanische und finnische Kale, slowakische und ukrainische Servi etc.). Die Beziehungen unter den verschiedenen Roma-"Nationen" und -Gruppen zu erforschen, wäre ein wichtiges Vorhaben, um zu einem umfassenderen und detaillierteren Geschichtswissen über die Roma zu gelangen. Roma-Studien können dabei einen wertvollen Beitrag leisten, handelt es sich doch um einen komplexen Bereich der Kulturwissenschaften, der verschiedenste Teildisziplinen wie Geschichte, Sprachwissenschaft, Ethnologie und Volkskunde umfasst. Die Teilnahme von Experten, die selbst Roma sind, ist natürlich besonders wichtig. Durch ihr Wissen und ihre Erfahrungen würden sie einen essentiellen Beitrag zur Erforschung von bislang unbekannten Bereichen leisten.

1 Ḍom wurden erstmals literarisch im 8. Jahrhundert n. Chr. erwähnt: Der erste tantristische Teil von "Sadhanamala" beinhaltet eine Schilderung über den Ḍom-König Heruk. In der ersten Sammlung bengalischer Dichtung "Chordjo" kam Ḍom-Frauen höchste Anerkennung zu. Im 11. Jahrhundert erwähnt der arabische Geschichtsschreiber Al Biruni Ḍom-Musiker. Erst im 12. Jahrhundert begannen Schriftsteller in der Sanskrit-Literatur, die von Vertretern der höchsten varna (Kaste), den arischen Brahmanen (Priestern, Intellektuellen, Gelehrten) geschrieben wurde, von vorarischen Ḍom mit Verachtung zu sprechen. [Ursprünge der Roma]
2 Die vorrangige ethnische Identität der Roma drückt sich durch den Satz "Sem Roma sam" ("Im Grunde sind wir Roma") aus. "Sem Roma sam" ist eine dialektale Form, die im so genannten "Slowakischen"Romani [Servika-Roma] verwendet wird und in linguistischen Varianten auch in vielen anderen Romani-Dialekten vorkommt. Der Ausdruck "Sem Roma sam" fungiert oft wie eine magische Formel, die vor möglichen Auseinandersetzungen und Kämpfen bewahren soll; dieser Ausdruck schafft eine Stimmung des Friedens und der Toleranz, wenn sich Mitglieder verschiedener ethnischer Untergruppen usw. treffen.
3 In einigen Dialekten findet sich die generalisierende Bezeichnung nacija für eine subethnische (Unter-)Gruppe der Roma. Darauf stieß zum Beispiel die Ethnologin A. Sutherland während ihres Aufenthalts bei den Lovara- und den Kalderaš-Roma in Richmond, USA.
4 Erst in letzter Zeit konnten wir ein interessantes Phänomen beobachten: Bei international ausgerichteten Treffen politischer Roma-Vertreter nimmt die negative Wertung des Begriffs Rumungri ab und einige – hauptsächlich junge – slowakische und ungarische Roma akzeptieren ihn als eine – auf einer Beifügung beruhende – Selbstbezeichnung.
5 Der Terminus Das hat eine sehr alte und interessante Etymologie. In den ältesten heiligen Texten der indischen "Veden" war Das einer der vielen Termini der arischen indoeuropäischen Eroberer, die in Indien Mitte des zweiten Jahrtausend vor Chr. ankamen, und wurde für die ursprüngliche Bevölkerung verwendet. In einem Sanskrit-Wörterbuch (1987) findet man unter dem Eintrag Dása folgende Definitionen: "Feind, Nicht-Arier, Barbar, Dämon, Sklave." In neoindischen Sprachen hat das Wort Dás positivere Konnotationen angenommen: Sklave/Diener Gottes (Kálídás – Diener der Göttin Kálí; Rámdás – Diener des Gottes Ráma etc.).
6 Der Begriff stellt eine in der Slowakei übliche regionale Variante dar, die in der Umgebung von Poprad, Kežmarok, Stará Ľubovňa und Spišská Ves, d.h. in den nordwestlichen Gebieten der Slowakei, an der gebirgigen polnisch-slowakischen Grenze, gebräuchlich ist.
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Image Gomilica (Slowenien)
Image Der Kalderaš-Rom Dragan Jevremović und seine Tochter Olivera (Wien)
Image Über die Roma-Gruppen in Izmir
Image Über die Roma-Gruppen in Prilep
Slowakei
Servika-Roma-Kinder (Velka Lomnica [Slowakei]), 2002
Gomilica (Slowenien), 2003
Dolenjski-Roma-Kinder (Novo mesto [Slowenien]), 2003
Sepečides-Romni beim Korbflechten (Çırpıköy [Türkei]), 2003
Kalderaš (Polen)