Nomadisch und sesshaft

Wissenschaftsgeschichte

Sowohl im gesellschaftlichen als auch im populärwissenschaftlichen Diskurs gelten Roma und Sinti bis heute als Paradebeispiele für europäische Nomaden. Ihnen wurde und wird ein "angeborener Wandertrieb" unterstellt, der im Laufe der Geschichte immer wieder zur Legitimation politischer Interessen herangezogen wurde. [Stereotype und Folklorisierung] Das Klischee des ständig auf Wanderschaft befindlichen "ewigen Zigeuners" entwickelte sich vor allem im deutschsprachigen Raum zu einem der nachhaltig wirksamsten Fremdbilder. Durch unzählige Opern- und Operettensujets, Fotografien, Filme und Liedtexte wurde es Allgemeingut. "Zigeunern" heißt im "Duden""sich herumtreiben, auch: herumlungern". In Österreich gilt die Variante "herumzigeunern" für Menschen, die, statt ernsthaft und absichtsvoll zu arbeiten, den Müßiggang pflegen.

Die Anzahl der nomadisch-peripatetischen Roma war seit jeher geringer als von Politikern und Wissenschaftlern vermutet. Aufgrund der vergleichsweise Roma-freundlichen Politik der islamischen Herrscher fanden zum Beispiel die Arlije in Prizren bereits im 12. Jahrhundert Bedingungen vor, die Sesshaftigkeit gewährleisteten. [Traditionelle Wirtschaftsgemeinschaften] Auch einige slowakische und ungarische Roma-Gruppen sind seit dem 14. Jahrhundert ansässig. Im deutschsprachigen Raum waren einige Roma- und Sinti-Gruppen bereits Mitte des 15. Jahrhunderts als sesshafte Gewerbetreibende oder Händler tätig.

Chroniken, Berichte, Forschungs- oder Volkszählungsergebnisse, die die Roma und Sinti als zum Teil sesshaft beschrieben, wurden von den meinungsbildenden Personen zumeist nicht wahrgenommen. Eine slowakische Volkszählung von 1893 belegt, dass von den damals 36.000 Roma weniger als 2% Nomaden waren. Selbst wenn man berücksichtigt, dass sich viele nomadische Roma nicht als solche deklarieren wollten, bleibt die Aussage der Erhebung doch eindeutig. [Servika-Roma]

Zur selben Zeit fand auch eine seriös durchgeführte Zählung auf ungarischem Gebiet statt, die zu einem ähnlichen Ergebnis für Hunderttausende ungarische Roma kam. Beide Konskriptionen (Erhebungen) fanden jedoch kaum Niederschlag in der einschlägigen Literatur, obwohl sie gründlich mit einem jahrhundertelang tradierten Vorurteil aufzuräumen schienen: Der "Zigeuner" hatte nomadisch zu sein, weil andere Stereotypen und Vorurteile davon abhängig waren.

Rassistische bzw. kulturalistische Zugänge

Der bis in die 1970er Jahre einflussreichste deutsche "Tsiganologe" Hermann Arnold übertrug Nomadismus auf Roma und Sinti, indem er den Begriff der "Wildbeuter" (Sammler und Finder) einführte. Da Arnold – im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie – Rasse als den bestimmenden Faktor sozialen und kulturellen Verhaltens betrachtete, spekulierte er die Existenz eines "Zigeunergens" herbei, das bestimmte Roma- und Sinti-Gruppen als Nomaden festschrieb. Arnold bediente sich hierbei sowohl explizit rassistischer Muster als auch folklorisierender, exotisierender Stereotypen. Die nomadische Lebensform und die Sprache seien kennzeichnend für den "echten Zigeuner", der "weniger kriminell" als der "sedimentierte" sei. Dieser "reinrassige, nomadische Zigeuner" wird jedoch nicht nur dem "assimilierten und sesshaften Zigeuner" gegenübergestellt, sondern fungiert auch als Gegenpol zur bürgerlichen, industrialisierten und damit "kulturlosen" Moderne.

Auch im Nationalsozialismus galt der Blickwinkel vorerst den sesshaften und assimilierten Gruppen wie den Burgenland-Roma. Ihnen wurde vorgeworfen, durch die Vermischung mit der Mehrheitsbevölkerung den "gesunden Volkskörper" zu gefährden. Sie wurden als Erste der Vernichtung preisgegeben. ["Kriminalpolizeiliche und rassenkundliche Erfassung der Zigeuner"]

Eineinhalb Jahrhunderte zuvor hatte die "Zigeunerpolitik" noch ein vollkommen anderes Ziel verfolgt. Dem Leitgedanken der Aufklärung gemäß sollten Roma und Sinti aus ihrer "selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit" und zur Sesshaftigkeit und "Vermischung" gezwungen werden. [Maria-Theresia und Joseph II]

Um Roma und Sinti in die seriöse ethnologische Theoriebildung mit einzubeziehen, versucht die Ethnologin Rao Aparna die herkömmliche Definition um den Begriff der "peripatetics" (commercial nomads) zu erweitern. Kennzeichnend für peripatetische Nomaden sind räumliche Mobilität und berufliche Flexibilität in wirtschaftlicher Hinsicht sowie Endogamie (Heirat innerhalb der eigenen Gruppe) in kultureller und sozialer Hinsicht. Im Unterschied zu abhängigen Lohnarbeitern bieten sie der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft Dienstleistungen und Gewerbe, die vor allem zu den Nischenberufen zu zählen sind (Schausteller, Händler, Akrobaten, mobile Handwerker etc.), an. [Berufe]

Dieser durchaus differenzierte Blickwinkel wird jedoch bei Aparna durch unzulässige Verallgemeinerungen und Exotisierungen relativiert. Die Anzahl der peripatetischen Nomaden unter den Roma und Sinti wird überschätzt, kulturelle Faktoren bekommen auf Kosten wirtschaftlicher und sozialer Bedingungen eine unverhältnismäßige Gewichtung.

Politische und soziokulturelle Hintergründe

Als Nomaden klassifizierte Roma und Sinti entsprechen einerseits dem zuvor erwähnten romantisch-verklärenden Bild des "echten Zigeuners". Andererseits lassen sie sich politisch und wissenschaftlich leichter für bestimmte Zwecke instrumentalisieren. Denn es wird suggeriert, sie stünden bewusst abseits der Gesellschaft, sie seien nicht integrierbar, sie würden anarchisch leben, Gesetze nicht einhalten und keine Steuern zahlen. Es handle sich also um vollkommen verschiedene Lebensvorstellungen, die nicht in Einklang zu bringen seien. Die Konstruktion der "nomadischen Roma" betont deren Unterschiedlichkeit und lässt die Feststellung von Gemeinsamkeiten zu der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft nicht zu.

Die tatsächlichen Gegebenheiten sahen seit jeher anders aus. Immer waren es Zwänge, die Roma- und Sinti-Gruppen zur Wanderschaft bewegten. Zum einen waren es wirtschaftliche Notwendigkeiten, andererseits war es die Flucht vor kriegerischen Auseinandersetzungen, Diskriminierungen und regelrechten Hetzjagden, die Roma und Sinti zwangen, angestammte Siedlungsräume zu verlassen.

1498 wurden Roma und Sinti durch den Freiburger Reichstag für "vogelfrei" (rechtlos) erklärt. Der Aufenthalt im gesamten Reich war ihnen somit verboten. Ausschlaggebend für diesen Erlass war der Verdacht, Roma und Sinti seien Spione der Türken. Diese Beschuldigung entsprang der tagespolitischen Propaganda, die Ängste schüren und das Volk auf einen Krieg einstimmen sollte. Jedem Bürger war es nunmehr erlaubt, Roma und Sinti zu vertreiben, zu schlagen oder zu töten, ohne rechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen. In späteren Erlässen und Chroniken wurde die "Freiburger Reichstagsakte" immer wieder als Beleg für eine "angeborene Kriminalität" der Roma und Sinti gewertet. Die nomadische Lebensform war seit dieser Zeit eng mit dem Vorwurf der Kriminalität verknüpft.

Diskriminierende Verordnungen schränkten das Berufsfeld vieler Roma- und Sinti-Gruppen zusätzlich ein. Roma und Sinti wurden immer wieder daran gehindert, sich innerhalb der Stadtmauern niederzulassen. Sie durften den Handwerkszünften nicht beitreten und keine landwirtschaftliche Nutzfläche erwerben.

Verschiedene Gruppen haben im Laufe der Zeit aus dieser Not eine Tugend gemacht und Berufe gewählt, die von vornherein Mobilität und Unabhängigkeit verlangen. Der großfamiliäre Zusammenhalt auf sozialer Ebene [Traditionelle Sozialorganisation] und die berufliche Kooperation auf wirtschaftlicher Ebene schaffen vielfach auch heute noch ein unabhängig agierendes Netzwerk, das gegenüber staatlicher Kontrolle relativ immun ist. Das Risiko, Diskriminierungen, Anfeindungen und Pogromen ausgesetzt zu sein, minimiert sich dadurch beträchtlich. Abhängig von den jeweiligen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen, kann so auch die Gefahr, arbeitslos zu werden und zu verarmen, geringer sein. Als lohnabhängiger Arbeiter oder Angestellter ist man den wirtschaftlichen Bedingungen und der permanenten Willkür des Arbeitgebers ausgeliefert. Als mobiler Gewerbetreibender oder Dienstleistungsanbieter ist man hingegen weder emotionell an einen Ort noch materiell an einen stationären Besitz gebunden.

Für nach wie vor sehr traditionell lebende Roma-Gruppen wie die Lovara und die Kalderaš ist zudem das Streben nach Selbstständigkeit, sowohl in kultureller als auch in wirtschaftlicher Hinsicht, von zentraler Bedeutung. Nischenberufe, die Unabhängigkeit und Flexibilität gewährleisten, sind oft mobile Tätigkeiten (z.B. Altwarenhandel auf Flohmärkten). Für viele ursprünglich osteuropäische Vlach-Roma ist Sesshaftigkeit gleichbedeutend mit Sklaverei und Ausbeutung.

Auf der anderen Seite erleichtert Sesshaftigkeit Assimilation oder Integration, ermöglicht die Teilnahme am staatlichen Ausbildungssystem und erhöht die Chancen interkultureller Kontaktaufnahme, birgt jedoch die Gefahr des Verlustes der kulturellen Eigenständigkeit in sich. Im Gegensatz zur lange Zeit vorherrschenden Lehrmeinung führt Sesshaftigkeit jedoch nicht automatisch zu Sprach- und Kulturverlust. Es gibt bzw. gab eine Reihe nomadisch-peripatetisch lebender Roma-Gruppen, die nicht Romani sprechen (z.B. die lange Zeit wandernden Boiash-Roma, die seit Jahrhunderten einen rumänischen Dialekt sprechen). Umgekehrt ist die Romani-Kompetenz bei seit Jahrhunderten sesshaften Gruppen wie den Vend-, den Prekmurje- oder den Dolenjska-Roma noch im vollen Ausmaß vorhanden. Die Soziostruktur der in Österreich ansässigen Kalderaš ist nach wie vor intakt, obwohl viele von ihnen ihr traditionelles, oft mobil ausgeübtes Handwerk (Kesselflicker) aufgeben mussten und in konventionelle Berufssparten wechselten, die Sesshaftigkeit nach sich zogen (z.B. Installateur).

Mehrere Faktoren führten dazu, dass die Anzahl nomadisch-peripatetischer Roma im Laufe der Jahrhunderte immer geringer wurde. Zwangsassimilierung, Industrialisierung und Holocaust stellten die nachhaltigsten Einschnitte dar. Hinzu kam, dass die veränderten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nach 1945 Arbeitsplätze und Wohlstand versprachen und damit Sesshaftigkeit attraktiver erscheinen ließen.

Heute geht nur mehr ein Bruchteil aller Roma und Sinti einer traditionellen mobilen Lebens- und Wirtschaftform als Schausteller, Messerschleifer, Musiker etc. nach. Trotzdem ist das Gegensatzpaar sesshaft/nomadisch auch innerhalb der Roma-Gemeinschaften nach wie vor das zentrale Kriterium von romanipe – des "wahren Romatums". Seit Jahrhunderten sesshafte Roma-Gruppen wie die Burgenland-Roma gelten für Vlach-Roma-Gruppen, wie die Kalderaš oder Lovara, als assimiliert und nicht der traditionellen Soziostruktur verpflichtet. Lovara und Kalderaš sind hingegen – ihrem Selbstverständnis nach – die Träger und Bewahrer dieser traditionellen Roma-Kultur und schaffen somit eine interne Hierarchie, die zwar von Nicht-Roma kaum wahrgenommen wird, sich mit deren Fremdbild jedoch deckt. Andererseits sind gerade in Zeiten neoliberaler Arbeitsmarktpolitik viele so genannte sesshafte Roma und Sinti oft zu wesentlich größerer Mobilität gezwungen, als es die eigentlichen Nomaden jemals waren. Das ganze Jahr über nach Wien pendelnde Burgenland-Roma oder ins Burgenland pendelnde Prekmurje-Roma aus Slowenien gelten als sesshaft, während die früher den ganzen Winter über an einen Ort gebundenen und nur in den Sommermonaten ihren traditionellen Beruf mobil ausübenden Ursari (Bärenführer) als Nomaden bezeichnet wurden.

Wie viele Roma nun tatsächlich sesshaft oder peripatetisch-nomadisch leben, ist aufgrund fehlender seriöser Untersuchungen kaum eruierbar. Als gesichert gilt, dass der überwiegende Teil sessaft ist. Schätzungen gehen davon aus, dass von den ca. 10-12 Mio. Roma weltweit maximal 5% als peripatetische Nomaden zu bezeichnen sind.

Literatur

Fonseca, Isabell (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München.
Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Piasere, Leonardo (1992) Peripatetics. In: Bennet, Julia (ed.) Encyclopedia of World Cultures. Vol. 4: Central, Western and Southeastern Europe, Boston, pp. 197-197.
Rao, Aparna (ed.) (1987) The Other Nomades. Peripatetic Minorities in Cross-Cultural Perspective, Köln.
Remmel, Franz (1993) Die Roma Rumäniens. Volk ohne Hinterland, Wien.
Ruch, Martin (1986) Zur Wissenschaftsgeschichte der deutschsprachigen "Zigeunerforschung" von den Anfängen bis 1900. Freiburg i. Br..
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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Image Lagerplatz galizischer Roma (England)
Image Roma-Siedlung (Slowenien)
Image Not und Ausgrenzung
Romni und ihre Kinder auf einem Lagerplatz in der Nähe von Lampton (Kanada), 1918
Rast von Roma (Artengari) in den südlichen Karpaten (Rumänien), 1982
Roma-Siedlung (Slowakei), 2001
Gewaltsame Unterdrückung des Nomadentums (Kladno [Tschechische Republik]), 1959