Rom / Ḍom

Rom wird von den meisten Roma der Welt als Selbstbezeichnung (Autonym) verwendet, wenn sie sich in ethnischer Hinsicht benennen wollen.

Sprachgeschichtlich (etymologisch) steht das Ethnonym (das sich auf die Ethnie beziehende Wort) Rom in enger Beziehung mit dem Namen Ḍom. Heute werden viele indische jati (Kasten), die über ganz Nordindien verteilt leben, als Ḍom bezeichnet. Früher hatte Ḍom wahrscheinlich den Status eines Ethnonyms.

Rom (Ḍom) ist ein sehr alter Begriff. Die Ḍom wurden bereits in den Aufzeichnungen des "Sádhanamálá" erwähnt (8. Jh. v. Chr.). Zu dieser Zeit regierte der Ḍom-König Heruka eines der kleinen Königreiche Indiens. Auch heute noch findet man Ruinen von Festungsanlagen mit Namen wie Ḍomdigarh. Historiker sind davon überzeugt, dass die Ḍom ihre eigenen kleinen Königreiche besaßen, die – wie alle anderen kleinen Staaten – von den Königen der Gupta-Dynastie (5. bis 6. Jahrhundert) zerstört wurden. Zu jener Zeit verloren die Ḍom ihre Macht und ihre Position. Es ist durchaus vorstellbar, dass sie zu jener Zeit auch ihren ursprünglichen ethnischen Status verloren haben und zu einer Kaste geworden sind. Bekanntermaßen betrachten Sieger die von ihnen Besiegten als sozial "niedriger" stehend.

Die Vorfahren der Ḍom gehörten der vorarischen Bevölkerung an, die in Indien lebte, bevor es 1500 v. Chr. von den Ariern erobert wurde. Zu jener Zeit bezeichneten sie sich noch nicht als Ḍom, aber Aussehen, Kultur, Religion etc. der heutigen Ḍom weisen eindeutig darauf hin, dass sie Nachfahren jener Bevölkerungsgruppe sind, die vor der Invasion der indoeuropäischen Arier in Indien gelebt hatte. Von 3000 bis 1500 v. Chr. erlebte in Indien die Kultur des Indus-Tales – oder die Mohenjo-Daro- oder Harappo-Zivilisation – ihre Blütezeit. Die Vertreter dieser Kultur erbauten zweigeschossige Häuser aus Ziegel. Jedes (wohlhabende) Haus verfügte über ein Badezimmer, Kanalisation und Brunnen. Sie hatten sogar ein Schriftsystem, das bis heute niemand entziffern konnte. Es ist ziemlich sicher, dass die Vorfahren der Ḍom – wenngleich nicht bekannt ist, wie sie genannt wurden – einem Volk angehörten, das in der Mohenjo-Daro-Ära lebte und mit anderen am Aufbau der Mohenjo-Daro-Zivilisation beteiligt war.

In ihren Schriften zeichneten die siegreichen arischen Guptas ein nicht sehr schmeichelhaftes Bild von der von ihnen unterworfenen und dezimierten Bevölkerung der Ḍom.

In einigen Regionen (Benares) ist es die Aufgabe der Ḍom, die Toten zu verbrennen, weshalb sie als "unrein" gelten. Anderswo hingegen, wie zum Beispiel in den indischen Staaten Rajasthan, Punjab und Uttar Pradesh, verdienen die meisten Ḍom ihren Lebensunterhalt traditionellerweise als Musiker und, wie bei den Roma, zeichnen sich viele durch außergewöhnliches Können aus. Bereits im 11. Jahrhundert erwähnte der berühmte arabische Geschichtsschreiber Al Bírúní Ḍom-Musiker.

Der erste, der auf diese mögliche Verbindung zwischen den Roma und den indischen Ḍom hingewiesen hat, war der deutsche Indologe aus Leipzig, Hermann Brockhaus.

August Friedrich Pott veröffentlichte seinen Brief, der diese wissenschaftlichen Annahmen zum Inhalt hatte, in einem Buch, das zu den Basiswerken der Tsiganologie (Wissenschaft von den Roma und Sinti) des 19. Jahrhunderts zählt (A. F. Pott, Die Zigeuner in Europa und Asien, 1845). Hermann Brockhaus fand den Terminus Ḍom / Ḍomba in zwei Sammlungen der Sanskrit-Literatur: in jener von Sómadév aus dem 11. Jahrhundert, "Kathasaritsagara" ("Ozean der Geschichten"), und in der Sammlung von Kalhan, "Rjatatangini" ("Strom der Könige"), aus dem 12. Jahrhundert. In beiden Sammlungen werden Ḍom bereits als Angehörige der "unteren" Kasten erwähnt. Das überrascht nicht: Beide Verfasser sind Brahmanen, Angehörige der höchsten varna (Kaste), für die die ursprüngliche nichtarische Bevölkerung als außerhalb des Hindu-Systems stehend (antjadž) galt; eines Systems, das letztlich über die verbliebene ursprüngliche Bevölkerung triumphiert hatte. Hermann Brockhaus schlussfolgert durchaus korrekt:

"Sollte dies Wort ḍom nicht dasselbe als das Zig. Rom sein? Bezeichnet dies vielleicht ursprünglich einen im nordwestlichen Indien lebenden Volksstamm, der unterjocht zu Parias entwürdigt wurde. Denn daß ein Volk sich nicht selbst einen Namen gibt, der etwas Unwürdiges bezeichnet, versteht sich von selbst. Nur durch Unterjochung kann ein Volksname bei den Siegern zum Schimpfnamen werden."

Es ist durchaus verständlich, dass einige Roma-Experten, die selbst Roma sind, nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass wahrscheinlich eine Art von Verbindung zwischen den Roma und den indischen Ḍom bestanden hat. Denn es gab immer Gadže-Experten auf dem Gebiet der "Zigeunerforschung", die die Welt überzeugen wollten, dass die Roma schon immer ganz "unten", arm und armselig waren und es immer sein würden. Deshalb verbreiten sie nur Halbwahrheiten über die Ḍom – nämlich dass sogar sie im sozialen Gefüge stets ganz unten gestanden hätten. Richtig ist vielmehr, dass die Ḍom während einer bestimmten Epoche eine wichtige Rolle in der indischen Geschichte spielten.

Legende

Einige Ḍom bewahren noch heute die Erinnerung an ihr eigenes Königreich in ihren Legenden. Eine davon wurde 1969 von Ḍom-Mahasha aus der Stadt Jullundur erzählt.

"Es war einmal eine Zeit, als die Ḍom ihr eigenes Königreich besaßen. Sie führten ein wunderbares Leben. Niemals wurden sie angegriffen oder mussten Kriege führen, denn die Wälder, Gewässer und Gott gaben ihnen alles, was sie benötigten. Der Ḍom-König hatte seine Armee nur, um sich immer wieder zu vergewissern, welch hübsche junge Männer in seinem Königreich lebten. Nur, die "bamana" (Brahmanen, die höchste arische varna – Kaste) wollten ganz Indien erobern und sandten deshalb sogar ihre Generäle und das Heer der Kshatrias (die zweithöchste arische varna) aus, um in den Wäldern nach Ländern zu suchen, die sich noch nicht unterworfen hatten. Und in der Tat – die Soldaten fanden das unabhängige Reich der Ḍom. Sie fielen in das Gebiet ein, metzelten alle nieder, denen sie begegneten, und plünderten jegliche Ḍom-Besitztümer. Einige Ḍom konnten sich im Wald verstecken, andere liefen in verschiedene Richtungen davon – wohin sie liefen, wissen wir nicht; einige wurden zu Sklaven der Brahmanen. Die zwei Brüder Kalo and Bango überlebten. Sie bewiesen großen Mut und kehrten nächtens in ihre Stadt zurück, in der nun die fremden Sieger regierten, und stahlen zurück, was ihnen geraubt worden war: wertvollen Schmuck, Gold, schöne Kunstgegenstände, großartige Musikinstrumente, Statuen ihrer Heiligen Mutter, alles, was sie finden konnten. Sie schleppten ihre Schätze tief in die Wälder hinein und vergruben sie in Hohlräumen. Bis heute weiß niemand, wo alles versteckt liegt. Aber einmal, in der Nacht, geschah das Unglück: Wachen erwischten die zwei Brüder und brachten sie zu ihrem Herrn. Dort wurden die Brüder verhört, wo sie die "gestohlenen" Schätze hingebracht hätten. Doch es gelang ihnen nicht, auch nur ein Wort aus den Brüdern herauszubringen. Der neue Herrscher ließ sie daraufhin in kochendes Wachs werfen, wo die beiden armen Brüder schreckliche Qualen litten, bis sie starben. Doch auch nach ihrem Tod ließen die beiden Brüder die Sieger nicht in Ruhe. Jede Nacht suchten ihre Geister sie heim, sie kamen und brachten Angst und Schrecken in die Herzen des neuen Herrschers und seines Hofes. Sie würgten sie und ließen sie mit Schrammen und Beulen zurück. Der Herrscher wusste nicht mehr, was ihm noch alles zustoßen würde. Und so befahlen ihm die "Totengeister", für sie eine Gedenkstätte im Dorf Ḍomgau zu errichten, wo Ḍom immer wieder vorbeikommen und sich an ihre außergewöhnliche Vergangenheit erinnern konnten. So geschah es. Was sagten die Brüder Kalo und Bango noch? Dass es so lange keinen Frieden auf Erden geben wird, solange Ḍom-Roma nicht mit derselben Achtung behandelt werden wie andere Menschen auch."

Ḍom sind mit mehreren Kasten eng verwandt, die heute jedoch andere Namen tragen. Früher gehörten sie alle einer gemeinsamen großen Ḍom-Gemeinschaft an. Ihre heutigen Zuordnungen zu den einzelnen Kasten beziehen sich – wie dies auch bei den Roma der Fall ist (Kalderaš: Kesselflicker; Lovara: Pferdehändler etc.) – meistens auf ihre Berufe: Gaḍe lohar (gaḍí: Wagen; lohár: Schmied), sie arbeiten als fahrende Schmiede; Badis (vgl. den alten Roma-Familiennamen Badi/Bodi), sie spielen Musik und treten als Akrobaten auf; Badjos (vgl. den Roma-Familiennamen Badžo), sie sind Musiker; Banjaras, sie sind hervorragende Händler. Dies zeigt, dass die Verbindung zwischen Ḍom und Rom nicht nur linguistischer Natur ist. Zudem sind auch die traditionellen Berufe beider Gruppen identisch. [Index]

Die Frage, wo und wann die Vorfahren der Roma Indien verlassen haben, konnte bislang nicht befriedigend beantwortet werden. Der Roma-Professor Ian Hancock le Redžosko, der an der Texas University in Austin lehrt, nimmt an, dass die Vorfahren der Roma gegen arabische Krieger kämpften, die Indien vom achten bis zum elften Jahrhundert, und eigentlich auch noch danach, eroberten. [Ursprung der Roma]

Der schlimmste dieser Eindringlinge war Muhammad Ghaznavi (11. Jahrhundert), der 21-mal in Indien einfiel und es plünderte. Zu jener Zeit verließen die Roma Indien. Nach Hancocks Meinung waren die Vorfahren der Roma ein gemischtes Volk, das sich aus Rajputs (einer hohen Kriegerkaste) und ihren Armeen, in denen auch Ḍom waren, zusammensetzte. Zweifellos benötigten die Armeen auch Musiker, Schmiede und Händler, die ihnen Lasttiere – Pferde und Ochsen – beschaffen konnten. Und diese Berufe übten die Ḍom aus.

Bis 1971 verwendeten nur die Roma selbst die Bezeichnung "Roma"; andere – mit Ausnahme einiger Experten – kannten ihren richtigen Namen nicht einmal (Autonym: "Selbstbezeichnung"). Sie versahen die Roma mit einer Vielfalt verschiedenster Bezeichnungen (Exonyme: "Fremdbezeichnungen"): "Cikáni" (Tschechisch); "Tsiganye" (Russisch); "Zigeuner" (Deutsch); "Zingari" (Italienisch); "Tsiganes" (Französisch); "Gypsies" (Englisch); "Gitanes" (Französisch); "Tattare" (Schwedisch); "Bohémiens" (Französisch) etc. All diese Bezeichnungen zeigen deutlich, dass die Gadže nicht wussten, wer die Roma waren und woher sie kamen. Hinzu kommt, dass diese Bezeichnungen im Laufe der Zeit eine negative und falsche Bedeutung annahmen ("Zigeuner" oder "Gypsy": jemand, der herumstreunt und nicht an einem Platz lebt; "ciganit": lügen etc.). [Roma-Gruppen]

Beim ersten Internationalen Weltkongress der Roma in London (April 1971) drückten die Roma ihr Anliegen aus, dass ihr rechtmäßiger Name offiziell – auch von den Nicht-Roma – verwendet würde. Sie gründeten die Roma-Organisation RIJ (Romano Internacionalno Jekhipen), heute IRU (Internacionalno Romani Unia). Im Jahre 1979 wurde die IRU Mitglied des ECOSOC, einem Organ der Vereinten Nationen. Dadurch wuchs auch das internationale Ansehen der Roma und die Akzeptanz ihres Namens: Rom. In vielen Ländern wird das offizielle Autonym Rom inzwischen auch von vielen Nicht-Roma verwendet, was darauf hindeutet, dass man den Roma mit gebührendem Respekt begegnen will.

Linguistischer Zusammenhang

Indische Sprachen beinhalten Zerebralkonsonanten ( "dd", "ddh", "tt", "tth", "rr", "rrh", etc.), die in europäischen Sprachen nicht vorkommen. Als die Roma noch in Indien lebten, wies auch das alte Romani Zerebralkonsonanten auf. Heute kann diese Sprache jedoch nur rekonstruiert werden. Unter dem Einfluss der europäischen Sprachen wandelten sich diese Konsonanten im Romani in den meisten Fällen zu "r" und "rr". Im Kalderaš-Dialekt klingt das indische "rr" beinahe gleich wie das "rr" in Hindi oder Marwar. Im Folgenden sollen diese Veränderungen anhand von einigen Beispielen dargestellt werden (der Wortstamm wird dabei ohne Endung angeführt):

Hindi Romani
ḍoī Holzlöffel roj Löffel
ḍhíg Richtung rig Seite, Richtung
uḍ-, uṛ- fliegen ur- (el) fliegen
gaḍḍh-, gaṛh- begraben, im Boden verstecken gar- (avel/uvel) verstecken
kaḍ-(ā) Dolch char-(o) Schwert
aṇḍ-ā Ei (j/v)andr-o Ei
máṇḍ Crêpe aus Brotteig mar-o, mandr-o Brot
peṭ Bauch per Bauch
ātṭ-ā Mehl ar-o Mehl
kaṇṭ-ā Dorn kandr-o Dorn

Diese regelmäßigen Konsonantenveränderungen zeigen deutlich, dass eine linguistische Verbindung zwischen Romani- und Ḍom-Wörtern unbestreitbar besteht. (Immer wieder trifft man auf Leute, die den Namen "Roma" laienhaft mit der Hauptstadt Italiens [italienisch: Roma] in Verbindung bringen. Nur, die Roma hatten ihren Namen bereits, bevor sie Indien verlassen haben.)

Literatur

Hancock, Ian (1987) The Pariah Syndrome. An Account of Gypsy Slavery and Persecution, Ann Arbor.
Pott, August Friedrich (1845 / 1964) Die Zigeuner in Europa und Asien. Ethnographisch-linguistische Untersuchung, vornehmlich ihrer Herkunft und Sprache nach gedruckten und ungedruckten Quellen. Zweiter Teil: Einleitung über Gaunersprachen, Wörterbuch und Sprachproben, Halle.
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Israel, 2000
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Straßen-Künstler (Ägypten), 2000