Stereotype und Folklorisierung

Die Geschichte der Roma und Sinti ist eine Geschichte der Unterdrückung, deren Spektrum von alltäglicher Diskriminierung über rassistisch motivierte Pogrome bis hin zum systematischen Völkermord reicht. Seit ihrer Ankunft in Europa waren sie mit dem Etikett des "gefährlichen Fremden" behaftet. Ihnen wurde und wird vorgeworfen, Spionage zu betreiben, sich der Zauberei zu bedienen, einen Pakt mit dem Teufel zu unterhalten, eine geregelte Arbeit zu verweigern, zu stehlen, und sie galten als "Furcht einflößende Gestalten".

Wie sehr religiöse und rassistische Vorurteile dieser Art nach wie vor das kollektive Bewusstsein prägen, illustriert folgendes Beispiel: 1992 versuchten Geschäftsleute in der gesamten norddeutschen Tiefebene mit Hilfe von Besen, die sie vor ihren Geschäften platzierten, die von den Boulevardblättern prognostizierten "Zigeunerfluten aus dem Osten" abzuwehren. Zur Erklärung sei hinzugefügt, dass der so genannte "Zigeunerbesen" dem mittelalterlichen Teufels- und Hexenglauben entstammt. Ihm wurde eine ähnlich abschreckende Wirkung nachgesagt wie dem Kruzifix.

Auffallend sind die Parallelen zum Antisemitismus: Sowohl die Juden als auch die Roma galten als verantwortlich für Pest, Cholera und Rattenplagen. Das Bild des "ewigen Juden" entspricht zudem der Vorstellung vom "herumziehenden Zigeuner". Beide Mythen, deren Wirkung bis in die Gegenwart anhält, beruhen auf dem Vorwurf einer antichristlichen "Erbschuld". Der "ewige Jude Ahasver" wurde zur ruhelosen Wanderschaft verdammt, nachdem er Jesus seines Hauses verwiesen hatte, als dieser sich auf dem Weg nach Golgatha ausruhen wollte. Roma, die in Wirklichkeit erst um 1200 im Vorderen Orient aufgetaucht sind, sollen der Heiligen Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten das Nachtquartier verweigert haben und deshalb zur ewigen Wanderschaft verflucht worden sein.

In diesem Zusammenhang lässt sich auf ein weiteres klassisches Stereotyp verweisen: Vor allem nomadisch lebenden Roma und Sinti wurde seit ihrer Ankunft in Europa vorgeworfen, Spionage zu betreiben. Sie wurden als Spione des türkischen Heeres diffamiert und galten im protestantischen England als Spione des Vatikans. Als Komplizen des "jüdischen Bolschewismus" eingeschätzt, fielen sie während der Zeit des Nationalsozialismus zu Tausenden den Massenerschießungen der SS-Einsatzgruppen, die – unterstützt von Wehrmachtseinheiten – hinter der deutschen Front mordeten, zum Opfer. Im Kosovo-Krieg wurden Roma von albanischer Seite der Kollaboration mit den Serben verdächtigt und als Spione vertrieben oder ermordet. In Ungarn protestierten Elternorganisationen vor kurzem gegen ein Schulbuch, in dem Roma nach wie vor als Spione und kriminell veranlagt bezeichnet werden.

Die Entstehung von Vorurteilen und Stereotypen lässt sich auch sehr anschaulich am folgenden Beispiel illustrieren: Die Legende des "Kinder stehlenden Zigeuners" beruht unter anderem auf der Zwangsassimilierungspolitik Maria-Theresias. Eine Verordnung sah vor, dass Roma-Kinder der Aufsicht ihrer Eltern entzogen und der Obhut "christlicher Pflegeeltern" übergeben werden sollten. Jene Roma-Familien, die den Versuch unternahmen, ihre Kinder zurückzuholen, wurden daraufhin des Kinderdiebstahls bezichtigt.

Im 19. Jahrhundert gewannen sowohl ein wissenschaftlich legitimierter Rassismus, der die Grundlage des späteren Völkermords bildete, als auch Romantizismus und Folklorisierung zunehmend an Bedeutung. Roma und Sinti wurden immer mehr zur Projektionsfläche unerfüllter Sehnsüchte und Wünsche, wobei negative Stereotype nicht widerlegt, sondern positiv umgedeutet wurden. "Der herumziehende Zigeuner" wurde nunmehr zum Sinnbild einer grenzenlosen Freiheit. Literatur, Musik, Tanz, Oper und Operette transportierten diese "Zigeunerbilder" ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit.

Diese einerseits biologistische, andererseits romantizistische Konstruktion prägte sowohl die wissenschaftliche als auch die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit Roma und Sinti im 20. Jahrhundert. Erstere operierte mit Begriffen wie "Blut" und "Abstammung" und kategorisierte Roma und Sinti als per Definition minderwertige Gruppe. Aufgrund der wissenschaftlichen Diskreditierung des Begriffs "Rasse" nach 1945 wurde "Kultur" zum neuen Leitmotiv der Forschung. Ein naturalisierter Kulturbegriff allerdings, der, geprägt durch die zuvor skizzierte "Zigeunerromantik", einen Kulturalismus entstehen ließ, der Roma und Sinti in ihrer vermeintlichen "Andersartigkeit" festschreibt und kulturelle Unterschiede für unüberbrückbar hält. Das Postulat der Reinheit der Rasse wird ersetzt durch das Postulat der Reinheit der Kultur. Ein Großteil der deutschsprachigen ethnologischen Forschung über Roma und Sinti nach 1945 erfolgte bis in die 80er Jahre (und teilweise bis in die Gegenwart) nach diesem Muster. Hinzuzufügen wäre, dass Wissenschaftler wie Hermann Arnold und Martin Bloch, beide zentrale Figuren in der deutschen "Zigeunerforschung" nach 1945, nach wie vor "Rasse" als den bestimmenden Faktor des sozialen Verhaltens betrachteten.

Kulturelle Besonderheiten angeblich aller Roma-Gruppen (das Konzept der "Unreinheit", die nomadische Lebensform) erfahren eine unverhältnismäßige Gewichtung, wodurch einer Homogenisierung und Exotisierung Vorschub geleistet wird, die weniger der sozialen Wirklichkeit als vielmehr der eigenen Erwartungshaltung entspricht. Demzufolge wären nicht eine ungleiche Verteilung der Ressourcen, Armut, Arbeitslosigkeit oder Diskriminierung im Ausbildungsbereich die Ursache sozialer Ungleichheit zwischen der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung und den Roma und Sinti, sondern ihre "nicht ins europäische Wertesystem integrierte ethnische Kultur", wie es Reimer Gronemeyer formuliert. Folgt man dieser Argumentation, wäre die Politik ihrer Verantwortung enthoben, soziale Standards für alle zu gewährleisten, da die Probleme der Roma und Sinti im Bereich der Kultur zu lokalisieren wären. Eine Strategie, die in vielen osteuropäischen Ländern den Umgang mit Roma kennzeichnet.

Ein solch statisches Kulturkonzept, das den permanenten Wandel und die Einbeziehung soziologischer Aspekte vernachlässigt, birgt die ständige Gefahr einer Folklorisierung, der Reduktion von Kultur auf äußere und gefällige Muster, in sich. Die künstlerische Auseinandersetzung mit Roma und Sinti ist von solchen Folklorisierungsversuchen geprägt. Vor allem in jenen Bereichen mit der größten Breitenwirkung (Film, Fernsehen und Fotografie) finden sich nur wenige Beispiele für eine Betrachtungsweise, die auch den eigenen Blickwinkel reflektiert.

Literatur

Fonseca, Isabell (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München.
Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Gronemeyer, Reimer (1983) Hilfe und Eigensinn. In: Gronemeyer, Reimer (ed.) Eigensinn und Hilfe. Zigeuner in der Sozialpolitik heutiger Leistungsgesellschaften, Gießen, pp. 9-16.
Krekovicová, Eva (1998) Zwischen Toleranz und Barrieren. Das Bild der Zigeuner und Juden in der slowakischen Folklore (= Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 21), Frankfurt.
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (ed.) (1998) Bausteine. Zwischen Romantisierung und Rassismus. Sinti und Roma – 600 Jahre in Deutschland. Handreichung zur Geschichte, Kultur und Gegenwart der deutschen Sinti und Roma, Stuttgart.
Szuhay, Peter (ed.) (1989) A társadalom peremén. Képek a magyaroszági cigányok életébol. An der Peripherie der Gesellschaft. Bilder aus dem Leben der ungarischen Zigeuner. Auswahl aus den Archiven des Ethnographischen Museums, Budapest.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Wippermann, Wolfgang (1997) Wie die Zigeuner. Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich, Berlin.
Zimmermann, Michael (1996) Zigeunerpolitik im Stalinismus, im "realen Sozialismus" und unter dem Nationalsozialismus. Eine Untersuchung in vergleichender Absicht (FKKS [Forschungsschwerpunkt Konflikt- und Kooperationsstrukturen in Osteuropa] 11) http://www.uni-mannheim.de/fkks/fkks11.pdf .
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Image Roma von Oberwart
Image Nikolaus Lenau: "Die drei Zigeuner"
Image So źanen tumen pa l' Řom? – Was wissen Sie über Roma?
Filmplakat "Der Zigeunerbaron" (Regie: Kurt Wilhelm / Deutschland), 1962
Roma in der ungarischen Tiefebene. Romantisch verklärtes Motiv
Romantische Darstellung walachischer Roma