Korbflechter

Etymologie

Für den "geflochtenen Korb" gibt es im Romani unterschiedliche Bezeichnungen. Vlach-Roma kennen die Bezeichnungen košari, korpa, seťa und kožnica, andere Roma-Gruppen verwenden z.B. sevlí. Die Romani-Bezeichnung für "flechten" ist in fast allen Dialekten khuvel oder khuvela. Sowohl sevli als auch khuvel sind indischen Ursprungs. Sevli leitet sich von śūrpa (Korb), khuvel von guphati (zusammenfügen) ab.

Historische Entwicklung

Das Korbflechter-Handwerk zählt zu den ältesten, am weitesten verbreiteten und angesehensten Berufen der Roma. Es kommt den Roma insofern entgegen, als die Natur den Rohstoff (Weiden) gratis und vor allem überall zur Verfügung stellt. Roma konnten sich die berufliche Bindung an einen Ort zumeist nicht erlauben. Waren sie gezwungen weiterzuziehen, durfte der Orts- keinen Berufswechsel nach sich ziehen.

In den meisten Roma-Gruppen gab bzw. gibt es Korbflechter. Eine besondere Bedeutung hat dieses Handwerk jedoch im griechisch-türkischen Raum. Jene Roma-Gruppe, deren traditionelle Sozialstruktur damit am engsten in Verbindung steht, sind die Sepečides (Korbflechter) (1).

Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts bestritten ganze Siedlungen ihren Lebensunterhalt als Korbflechter. Eine der bekanntesten Korbflechter-Siedlungen lag bei Çırpıköy, einem Dorf in der Nähe von Izmir. Die Roma lebten zuerst in Schilfhütten (kalives) am Rande von Çırpıköy, mussten ihre phurane thana (die alten Plätze) aufgrund der großen Brandgefahr jedoch räumen und ließen sich im Ort nieder. Manche Roma zogen auch nach Izmir.

Die Frauen tauschten die von den Männern hergestellten Körbe gegen Naturalien ein, die dann am Markt weiterverkauft wurden. Dieser Zwischenhandel gewährleistete ein kleines Zusatzeinkommen. Sehr von Vorteil war, dass die Sepečides in Izmir nicht in Konkurrenz zu Nicht-Roma oder anderen Minderheiten standen. Ihr handwerkliches Können war anerkannt, und alle Bevölkerungsschichten waren auf die Dienste der Roma angewiesen. Es gab keine Alternative zu geflochtenen Körben, die vor allem zur Aufbewahrung und zum Transport von Nahrungsmitteln benötigt wurden. Aufgrund ihres geringen Gewichts und ihrer großen Stabilität eigneten sich mit Lederriemen versehene Körbe auch hervorragend zum Tragen von schweren Gegenständen wie Holz, Metall oder Steinen.

Wie alle traditionellen Handwerksberufe der Roma nahm auch die Bedeutung des Korbflechtens im letzten Jahrhundert kontinuierlich ab. [ Berufe: Historische Entwicklung ] Mit dem Aufkommen von Plastik und industriell erzeugten Körben wurde das Korbflechten zunehmend unrentabel. Die meisten Handwerker konnten sich gegen die billigere Konkurrenz nicht mehr behaupten. Sie waren gezwungen, sich Nebenverdienstmöglichkeiten zu schaffen und schlussendlich ihren Beruf zugunsten anderer Tätigkeiten aufzugeben. Heute sind nur mehr wenige Roma als Korbflechter tätig. Einige Sepečides sind noch Nebenerwerbs-Korbflechter; hauptberuflich arbeiten aber auch sie im Dienstleistungsgewerbe oder als Saisoniers in der Landwirtschaft.

Ausgangsmaterial, Produktion und Produkte

In allen Teilen Europas dienen die Zweige der Trauerweide als Rohmaterial für das Korbflechten. Sie werden im Frühjahr oder Herbst geschnitten, sortiert und nach Größe und Qualität gebündelt. Abhängig von den klimatischen Bedingungen, dem Zeitpunkt der Ernte und der Beschaffenheit des Rohstoffs unterscheidet man zumeist zwei Arten: Qualitativ hochwertige Ruten können sofort entrindet und dann getrocknet werden. Jene Zweige, die nicht mehr im vollen Saft standen, müssen zuerst gekocht werden, damit sich der Bast von der Rute abschälen lässt. Danach werden sie getrocknet. Vor der Weiterverarbeitung werden die Ruten zum Einweichen einige Tage in ein Wasserbassin (Sepečides-Romani: i laka) gelegt.

Der erste Arbeitsschritt bei der Herstellung eines Korbes ist das Flechten des Korbbodens. Am Rand des Bodens werden in gleichmäßigen Abständen senkrechte Seitenpfeiler angebracht, die am oberen Ende zusammengebunden werden. Ähnlich wie beim Weben eines Teppichs werden die Weidenruten dann bis zur gewünschten Wandhöhe hinauf geflochten. Aus den abgeschnittenen Enden wird ein abschließender Kranz angefertigt.

Auf das Korbflechterhandwerk spezialisierte Burgenland-Roma verwendeten die ungekochten weißen Ruten zur Herstellung schöner Wäsche- und Einkaufskörbe. Aus den gekochten, rotbraun verfärbten Ruten wurden größere und rein der Funktionalität dienende Körbe angefertigt.

Die Sepečides unterscheiden ebenfalls zwischen weißen und dunkeln Ruten (parno / kalo dali). Erstere verwenden sie zur Herstellung kleiner und mittelgroßer Aufbewahrungsgefäße (sevli) für Kaffee, Gewürze oder Brot. Brotkörbe werden als sela mandrenge, Körbe mit Deckel als sela kapaklîs bezeichnet. Dunkle Ruten werden kalam (o kalami) genannt.

1 Ihre Vorfahren lebten bis zum Griechisch-Türkischen Krieg (1920-1921) nomadisierend im Raum Saloniki. Nach dem Friedensvertrag von Lausanne (1923) wurden sie im Zuge des vereinbarten Bevölkerungsaustausches vor die Wahl gestellt, entweder ihr Religionsbekenntnis zu wechseln oder Griechenland zu verlassen. Es kam zu einer Aufteilung der Sepečides in eine "türkische" und eine "griechische" Gruppe. Die türkische Gruppe wanderte in das Gebiet von Mersin und den Großraum Izmir, die in Griechenland verbliebenen Sepečides konvertierten zum griechisch-orthodoxen Bekenntnis, verließen Saloniki und zogen großteils nach Volos.

Literatur

ab Hortis, Samuel Augustini (1775-1776 / 1994) Cigáni v Uhorsku 1775 / Zigeuner in Ungarn 1775. Bratislava.
Cech, Petra / Heinschink, Mozes F. (1996) Sepecides-Romani. Grammatik, Texte und Glossar eines türkischen Romani-Dialekts, München.
Harvey, Denis Edward (1942) English Gypsy Crafts. No. 2: Basket-Marking In: Journal of The Gypsy Lore Society 21/1-2, pp. 51-55.
Heinschink, Mozes F. / Zambakli-Heinschink, Fatma (1994) Izmirtí Romové – Sepecides. In: Romano Dzaniben 2/2-15, pp. 51-55.
Kenrick, Donald (1998) Sinti und Roma: Von Indien bis zum Mittelmeer. Die Wanderwege der Sinti und Roma, Berlin.
Lasansky, Jeannette (1979) Willow, Oak and Rye. Basket Tradititons in Pennsylvania, Pennsylvania.
Mayerhofer, Claudia (1988) Dorfzigeuner. Kultur und Geschichte der Burgenland-Roma von der Ersten Republik bis zur Gegenwart, Wien.
Siegfried, Alfred (1928) Kinder der Landstraße. Bilder aus dem Leben der wandernden Korber und Kesselflicker, Zürich.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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Image Über die Sepečides in Izmir und Umgebung
Image Fatma Heinschink über das Rutenschneiden und die besten Körbe
Sepečides-Romni beim Korbflechten (Çırpıköy [Türkei]), 2003