Kupferschmiede und Kesselflicker

Der Romani-Begriff für Kupfer- bzw. Kesselschmied ist kakavjári (kakaví – Griechisch: "Kessel"). Da auch die meisten anderen Begriffe zu Metall verarbeitenden Gewerben aus dem Griechischen, Armenischen oder Persischen stammen, ist anzunehmen, dass sich das Schmiedehandwerk erst im Laufe der Migration zu einem der bedeutendsten Berufe der Roma entwickelt hat. Kupfer- und Kesselschmiede gab und gibt es in vielen Roma-Gruppen; die bekanntesten Vertreter sind die Kalderaš.

Ihre Vorfahren lebten ein halbes Jahrtausend als Sklaven und Leibeigene in den Gebieten des heutigen Rumäniens. Nach der Aufhebung der Sklaverei 1856 verließen viele Kalderaš die damaligen Fürstentümer und zogen westwärts. Sie sind heute weltweit verbreitet. [Vlach-Roma]

Kalderaš gehören zu den traditionsbewusstesten Roma-Gruppen; die Familien- und Sozialstrukturen sowie ein grenzüberschreitender Gruppenkontakt sind nach wie vor intakt. Aufgrund dieser Faktoren sind Kalderaš von Assimilation und drohendem Kulturverlust weit weniger betroffen als viele andere Roma-Gruppen. Der ausgeprägte Gruppenzusammenhalt und ein weit verzweigtes Sozialnetz bewirken eine relativ große Unabhängigkeit gegenüber wirtschaftlichen und sozialen Negativentwicklungen in den jeweiligen Ländern und verringern die Gefahr zu verarmen beträchtlich.

Die Gruppen- und Berufsbezeichnung Kalderaš leitet sich vom rumänischen căldare (Kessel) ab. Bis vor wenigen Jahrzehnten war der Großteil der Kalderaš als wandernde Kupferschmiede und Kesselflicker tätig. Das Handwerk wurde zumeist in Form einer Wirtschaftsgemeinschaft (kumpania) ausgeübt und von einer Generation auf die nächste weitergegeben. Mit Ausnahme von Rumänien, wo auch heute noch einige Roma-Gemeinschaften in dieser Branche arbeiten, waren die Kalderaš in den letzten Jahrzehnten gezwungen, ihren traditionellen Beruf aufzugeben und in verwandte Berufssparten zu wechseln. Industriell erzeugte Massenware ersetzte zunehmend die wesentlich teureren Handwerksprodukte und ließ das Kupferschmiedgewerbe und die Reparatur von Töpfen und Kesseln unrentabel werden. Auch die Zwangsassimilierungspolitik in den ehemals kommunistischen Staaten Osteuropas trug dazu bei, dass viele Kalderaš ihre Arbeit verloren.

Früher erfüllten die Kupferschmiede und Kesselflicker eine wichtige Funktion im dörflichen Wirtschaftsleben. Nicht-Roma waren darauf angewiesen, dass Roma mehrmals im Jahr vorbeikamen, um löchrige Töpfe zu reparieren und Kessel herzustellen. Kupferkessel wurden vor allem als Kochgeschirr, aber auch als große Destilliergeräte (kazanura) zum Schnapsbrennen benötigt. Die Hauptarbeit aber bestand darin, löchrige Kessel zu flicken, abgenützte Böden aufzudoppeln und die Innenwände der Töpfe neu zu verzinnen.

Die Kalderaš fuhren in der warmen Jahreszeit mit ihren Pferdewägen von einem Ort zum nächsten und blieben mehrere Tage lang. Zumeist wurden Zelte zum Schlafen errichtet; gekocht, gegessen und gearbeitet wurde vor dem Zelt. Die Frauen und Mädchen suchten alle Bewohner des Dorfes auf und fragten nach reparaturbedürftigen Kesseln und Töpfen. Das eingesammelte Kochgeschirr brachten sie zum Lagerplatz. Nachdem es von den Männern wieder in Stand gesetzt worden war, trugen die Frauen es zu ihren Besitzern zurück und handelten den Preis aus, der oft in Naturalien beglichen wurde.

Besonders lukrativ, aber heikel war die Herstellung eines neues Kessels. Um das teure Rohmaterial nicht zu verschwenden, durften sich die Schmiede keinen Fehler erlauben. Entscheidend für das Gelingen eines Kupferkessels war das exakte Zusammenspiel aller an der Arbeit beteiligten Personen. Im Unterschied zum Warmschmieden können Kupferbleche aufgrund ihrer großen Dehnbarkeit mit speziellen Treibehämmern kalt in die gewünschte Form getrieben (geformt) werden. Die Kalderaš waren Spezialisten in der Technik des Treibens und trugen wesentlich zur Verbreitung dieser kunstvollen Kaltschmiedetechnik in Europa bei.

Der fertige Kessel wurde über der glühenden Holzkohle erwärmt und innen verzinnt. Die Temperatur der Holzkohle musste dabei mithilfe des Blasebalgs (pišot) exakt geregelt werden. War die Temperatur zu niedrig, ging das Zinn mit dem Kupfer keine Verbindung ein, war sie zu hoch, schmolz der Kessel. An den Außenwänden (prašav [Rippe]) und dem Rand (krlo [Hals]) wurden je nach Bedarf Henkel (vastari – abgeleitet von vas [Hand]) mit oder ohne Verzierungen (zlag [Ohrring]) angebracht.

Der Kalderaš-Rom und Obmann des Wiener Roma-Vereins Romano Centro Dragan Jevremović ist einer der wenigen österreichischen Kalderaš, die die traditionellen Handwerkstechniken noch beherrschen. Er lernte den Beruf von seinem Vater und arbeitete bis zu Beginn der 70er Jahre als Kupferschmied und Kesselflicker im damaligen Jugoslawien. Bis vor wenigen Jahren stellte Dragan Jevremović Gebrauchsgegenstände wie Türschilder und Blumenvasen, aber auch Kunstgegenstände wie geschmiedete Geigen und Hüte her.

Literatur

ab Hortis, Samuel Augustini (1775-1776 / 1994) Cigáni v Uhorsku 1775 / Zigeuner in Ungarn 1775. Bratislava.
Fonseca, Isabell (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München.
Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Gilsenbach, Reimer (1998) Weltchronik der Zigeuner. 2500 Ereignisse aus der Geschichte der Roma und Sinti, der Luri, Zott und Boza, der Athinganer, Tattern, Heiden und Sarazenen, der Bohémiens, Gypsies und Gitanos und aller Minderheiten, die "Zigeuner" genannt werden. Teil 1: Von den Anfängen bis 1599 (= Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 10), Frankfurt.
Kenrick, Donald (1998) Sinti und Roma: Von Indien bis zum Mittelmeer. Die Wanderwege der Sinti und Roma (= Interface Collection 3), Berlin.
Lee, Ronald (1978) Verdammte Zigeuner. Weinheim.
Lundgren, Gunilla / Taikon, Alyosha (2003) From coppersmith to nurse: Alyosha, the son of a Gypsy chief (= Interface Collection 29). Hertfordshire.
Rao, Aparna (ed.) (1987) The Other Nomades. Peripatetic Minorities in Cross-Cultural Perspective, Köln.
Remmel, Franz (1993) Die Roma Rumäniens. Volk ohne Hinterland, Wien.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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Image O baro le romenge
Image "Verdammte Zigeuner"
Image O Dragan Jevremović mothol, so o krpač kerel – Dragan Jevremović über die Arbeit des Kesselflickers
Image Dragan Jevremović beim Kupferschmieden
Image Kesselherstellung bei den Kalderaš
Dragan Jevremović bei der Bearbeitung eines Kupferkessels (Wien), 2003
Von Dragan Jevremović hergestellte Gegenstände aus Kupfer und Messing (Wien), 2003
Romni bietet verzinkte Kochkessel auf dem Wochenmarkt von Prizren an (Kosovo [Jugoslawien]), 1982
Kupferschmied bei der Arbeit (Choisy le Roi [Frankreich]), 1911