Pferdehandel

Der Pferdehandel zählt zu den ältesten, am weitesten verbreiteten und angesehensten Berufen der Roma. Beim Romani-Begriff für Pferd grast handelt es sich um ein armenisches Lehnwort (arm.: grast), was den Schluss nahe legt, dass Roma erst nach der Abwanderung aus Persien im 9. bis 10. Jh. vermehrt als Pferdehändler tätig waren. Die Lovara ("Pferdehändler"; Ung. "Pferd" + Plural des Nomina-agentis-Suffixes -ari) sind jene Roma-Gruppe, deren Sozialstruktur am engsten mit dem Pferdehandel in Verbindung steht bzw. stand.

Historische Entwicklung

In Folge der mittelalterlichen Kriegszüge gewann der Pferdehandel immer mehr an Bedeutung, da Pferde die wichtigsten Transport- und Fortbewegungsmittel waren. Viele Roma-Gruppen erkannten offenbar rasch die Notwendigkeit dieser Dienstleistung und ihre berufliche und räumliche Flexibilität prädestinierte sie für die Ausübung dieser Tätigkeit.

Ab dem 13. Jahrhundert werden Roma in Urkunden und Chroniken immer häufiger mit dem Pferdehandel in Verbindung gebracht. [Ankunft in Europa] In der 1628 erschienen "Continuatio", einer Fortsetzung des Geschichtswerks des französischen Gelehrten Jacques-Auguste de Thou, berichtet der Autor unter anderem vom Kreuzzug König Ludwigs IX. (1214-1270) gegen die Ägypter. Viele Roma hätten sich dem Heer Ludwigs IX. angeschlossen und Kriegsdienst gegen die Sarazenen geleistet. Nach der Niederlage waren die meisten Roma aufgrund ihrer christlichen Konfession gezwungen, Ägypten zu verlassen. Sie schlossen sich dem abziehenden Heer an und ließen sich in Europa nieder. Der Autor lobt zudem ihre soldatischen Fähigkeiten und beschreibt sie als schlaue Händler, die es verstünden, "klapprigen" und dürren Pferden durch bestimmte Kräuter neues Leben einzuhauchen.

Die 1517 veröffentlichte "Sächsische Chronik" von Albert Krantz beinhaltet eine der frühesten Schilderungen über die Ankunft einer Roma-Gruppe in Westeuropa. Krantz geht davon aus, dass die Roma 1417 die Ostseeküste erreichten und vom Pferdehandel lebten. Zudem weist er darauf hin, dass sie "aller Sprachen kundig seien". Als mehrsprachige und fahrende Händler waren die Roma gegenüber sesshaften Händlern im Vorteil. Sie wussten als Erste darüber Bescheid, wo man unter guten Bedingungen Pferde tauschen konnte und wer sie am dringendsten benötigte. Im Laufe der Jahrhunderte erwarben sich Roma einen ausgezeichneten Ruf als Pferdehändler und immer wieder wird anerkennend auf ihre Fähigkeit bzw. "Gerissenheit" verwiesen, aus billig erworbenen Pferden geeignete Zug-, Last- und Reittiere zu machen, die sie mit Gewinn weitertauschten oder -verkauften. Als mobile Händler war es ihnen allerdings kaum möglich, selbst Pferde zu züchten. Die Lovara beschränkten sich zumeist darauf, als Zwischenhändler tätig zu sein.

Was die politische Dimension betrifft, wurde der Pferdehandel in den Augen der Obrigkeit immer mehr zu einem Synonym für eine nomadische Lebensweise. Im Zuge der Zwangsassimilierungsbestrebungen im 18. Jahrhundert wurde der Pferdehandel in vielen Teilen Europas verboten und den betreffenden Roma damit ihre wichtigste Einnahmequelle genommen. Die Roma wussten sich aber zumeist diesen Verboten zu entziehen.

Im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte nahm die Bedeutung aller traditionellen Berufe und somit auch des Pferdehandels kontinuierlich ab. Die mit der Industrialisierung einhergehende Rationalisierung und Mechanisierung der Landwirtschaft führte zu einem erheblichen Rückgang des Bedarfs an verschiedenen Dienstleistungen, wovon vor allem Dienstleistungsnomaden wie Pferdehändler betroffen waren.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert entwickelte sich der Rassismus zur bestimmenden Ideologie. Behördliche Diskriminierung, polizeiliche Gewalt und Schikanen nahmen stetig zu und schränkten den Handlungsspielraum und damit die beruflichen Möglichkeiten vor allem mitteleuropäischer Roma- und Sinti-Gruppen auf ein Minimum ein. [Rassismus und Antiziganismus] Eine Verarmungstendenz, die durch die Wirtschaftskrise in den 30er Jahren noch zusätzlich verstärkt wurde, war die Folge. Aufgrund ihrer nach wie vor intakten Sozialstruktur, ihres weit verzweigten Sozialnetzes und grenzüberschreitenden Familienzusammenhalts gelang es einigen Lovara-Gruppen, ihr mobiles Gewerbe bis Mitte der 30er Jahre weiterhin auszuüben. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der zunehmenden Radikalisierung der Politik gegenüber Roma und Sinti in vielen Ländern Europas war daran nicht mehr zu denken.

Der Holocaust zerstörte nicht nur das Leben Tausender Roma und Sinti, sondern auch deren traditionelle Sozialstruktur nachhaltig. Die überlebenden Roma Mitteleuropas waren gezwungen, in anderen Branchen Fuß zu fassen. In Osteuropa verhinderte die staatliche Assimilierungspolitik die Ausübung des Pferdehandels.

Handel

Während der Sommermonate zogen die Lovara von einem Pferdemarkt zum anderen. Fuhren die einzelnen Großfamilien mit ihren Wägen getrennt voneinander, wiesen für Außenstehende unsichtbare Zeichen den Nachkommenden den Weg. An Wegkreuzungen wurden etwa mit Pferdehaar umwickelte Steine aneinander gereiht. Jede vica hatte ihre eigenen Symbole.

Die Roma-Wägen waren abhängig von den klimatischen Bedingungen und dem Wohlstand der Gruppe entweder mit Zeltplanen (Planenwagen) bedeckt oder mit Holz verkleidet (Kastenwagen). Die Wägen wurden von zwei Zugpferden gezogen. Die zum Verkauf bestimmten Pferde liefen angebunden hinterher. Im Sommer nächtigten die Lovara in einfachen Zelten – mit Zeltplanen bespannten Gabelhölzern –, in der kalten Jahreszeit in den Wägen. Fand ein Pferdemarkt statt, versuchten die Lovara, in der Nähe des Dorfes oder der Stadt einen geeigneten Lagerplatz zu finden, um rechtzeitig den Marktplatz erreichen zu können.

Die Lovara waren ob ihres sicheren und überzeugenden Auftretens und vornehmen Erscheinungsbildes geachtete Händler. Sie waren bekannt dafür, Pferde geringerer Qualität zu einem guten Preis zu verkaufen und standen somit nicht in Konkurrenz zu den anderen Pferdehändlern, die sich auf teure Pferde spezialisierten. Lovara wurde auch ein fundiertes Wissen zu medizinischen Fragen bescheinigt. Sie wussten, wann ein Pferd zur Ader gelassen werden musste und welche Kräuter für welche Wunden am geeignetsten waren. Es kam immer wieder zu Verdächtigungen, Lovara würden verschiedene Kunstgriffe anwenden, Pferde kurzzeitig attraktiver erscheinen zu lassen. Ihnen wurde unterstellt, sie würden den Tieren Aufputschmittel wie Arsenik einflößen oder den Atem keuchender und asthmatischer Pferde mithilfe von Leinsamen oder Alkohol normalisieren.

Lovara wie die Burgenland-Lovara, die in einem kleinen Gebiet handelten und immer wieder dieselben Märkte aufsuchten, waren jedoch auf das Vertrauen der Landbevölkerung angewiesen und konnten sich diese betrügerischen Verkaufspraktiken gar nicht erlauben. Die Akzeptanz gerade der Burgenland-Lovara bei den Händlern und Bauern kommt auch darin zum Ausdruck, dass die örtlichen Pferdehändler Wörter aus dem Fachjargon der Roma übernommen haben. Sie verwendeten phurdino für "asthmatisch" oder bango für "krumm". Ein abgeschlossener Handel wurde im Gasthaus gefeiert, wobei der Käufer die Zeche zahlen musste.

Literatur

ab Hortis, Samuel Augustini (1775-1776 / 1994) Cigáni v Uhorsku 1775 / Zigeuner in Ungarn 1775. Bratislava.
Cech, Petra / Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (eds.) (2001) Fern von uns im Traum ... / Te na dikhas sunende ... Märchen, Erzählungen und Lieder der Lovara, Klagenfurt.
Gilsenbach, Reimer (1998) Weltchronik der Zigeuner. 2500 Ereignisse aus der Geschichte der Roma und Sinti, der Luri, Zott und Boza, der Athinganer, Tattern, Heiden und Sarazenen, der Bohémiens, Gypsies und Gitanos und aller Minderheiten, die "Zigeuner" genannt werden. Teil 1: Von den Anfängen bis 1599 (= Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 10), Frankfurt.
Mayerhofer, Claudia (1988) Dorfzigeuner. Kultur und Geschichte der Burgenland-Roma von der Ersten Republik bis zur Gegenwart, Wien.
Rao, Aparna (ed.) (1987) The Other Nomades. Peripatetic Minorities in Cross-Cultural Perspective, Köln.
Remmel, Franz (1993) Die Roma Rumäniens. Volk ohne Hinterland, Wien.
Stojka, Ceija (1988) Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin, Wien.
Stojka, Ceija (1992) Reisende auf dieser Welt. Aus dem Leben einer Rom-Zigeunerin, Wien.
Stojka, Karl (1994) Auf der ganzen Welt zuhause. Das Leben und Wandern des Zigeuners Karl Stojka, Wien.
Stojka, Mongo (2000) Papierene Kinder. Glück, Zerstörung und Neubeginn einer Roma-Familie in Österreich, Wien.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Yoors, Jan (1982) Die Zigeuner. Frankfurt.
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Image "Zigeuner in Ungarn"
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Image "Die Zigeuner"
Pferdehändler (Lovara) bei der Überprüfung eines Pferdes (Rumänien), 1980