Handwerksberufe

Zu den bedeutendsten und ältesten Gewerben der Roma zählt das Schmiedehandwerk. [Schmiede / Kupferschmiede] Dessen bekannteste Vertreter sind die Kalderaš. Im Fundus indischer Ursprungswörter finden sich allerdings keine Begriffe zu Metall verarbeitenden Berufen. Die meisten Ausdrücke stammen aus dem Griechischen, Armenischen oder Persischen, was darauf schließen lässt, dass Roma das Schmiedehandwerk erst im Laufe ihrer Wanderung erlernt haben.

Roma-Schmiede genossen aufgrund ihrer besonderen Kenntnisse hohes Ansehen und zählten zu den wichtigsten Dienstleistungsanbietern. Ein griechisches Sprichwort besagt, dass jedes Dorf eine Kirche und einen "Zigeuner" benötigt – d.h. einen Pfarrer und einen Schmied. Vor allem im südosteuropäischen Raum wurden Roma lange Zeit mit dem Beruf des Schmieds identifiziert. Ursprünglich arbeiteten Roma-Schmiede für Adel und Militär und stellten Hufeisen, Ritterrüstungen, Kanonenkugeln, Schwerter und Steigbügel her. Bereits Ende des 15. Jahrhunderts finden sich erste Belege. 1496 stellte Wladislaw II (1490-1516), König von Ungarn und Böhmen, einer Roma-Gruppe einen Schutzbrief aus, wodurch sie das Monopol zur Herstellung des gesamten Schießbedarfs für Bischof Sigismund von Fünfkirchen (Pécs) erhielt.

Roma dürften, sowohl was die Arbeitstechniken als auch die Produktion betrifft, flexibler als die in diesem Bereich tätigen Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung gewesen sein. Aufgrund ihrer Mobilität und Vielsprachigkeit kamen sie mit anderen Völkern in Kontakt, gaben ihr eigenes Wissen weiter und lernten dafür neue Herstellungsverfahren und Werkzeuge kennen. So trugen sie etwa wesentlich zur Verbreitung der Kaltschmiedetechnik in Europa bei.

Aufgrund des Umstands, dass Roma und Sinti seit jeher gezwungen waren, sich unterschiedlichen Bedingungen anzupassen, fiel es ihnen auch leichter, auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der jeweiligen Region zu reagieren. Sie erweiterten im Laufe der Zeit ihren Tätigkeitsbereich und waren bald in allen Metall verarbeitenden Berufen tätig. Von Kesselflickern über Nägel- und Bohrermachern bis zu Kupfer-, Gold- und Silberschmieden reicht das Spektrum der Metall verarbeitenden Tätigkeiten. Am angesehensten und reichsten waren und sind die Kupfer- und Kesselschmiede. Besonders in Rumänien sind viele Roma-Gemeinschaften (v.a. Kalderaš) nach wie vor in dieser Branche tätig.

"Die stärkste Gruppe der ehemaligen "Kortorara" hat, auch als sie sesshaft wurde, ihren ursprünglichen Beruf als Kesselschmied beibehalten. Wir arbeiteten überwiegend mit Kupfer, und in Siebenbürgen hießen wir auch "Nemtoi" (Neamt-Deutsche), vielleicht weil wir Kupferschmiede die reichsten aller Roma-Gruppen waren. Ein Kesselschmied verdiente so viel er nur wollte, vorausgesetzt, er verstand sein Handwerk. Dieser Ruf ist uns geblieben. Als zum Beispiel zu Beginn der siebziger Jahre der Industriekessel der Independenta-Werke von Hermannstadt (Sibiu) einen schweren Schaden erlitten hatte und die Fachleute keinen Rat mehr wussten, ließ der Werkmeister den Zigeuner Mihutescu rufen. Mein Vater kam, besah sich den Schaden und versprach, ihn unter der Bedingung in Stand zu setzen, dass er hinter verschlossenen Türen arbeiten dürfe; und er hat es geschafft." (Remmel, S. 189-190)

Andere Roma-Gruppen (z.B. Bugurdzje) spezialisierten sich darauf, aus gehärtetem Eisen verschiedene Werkzeuge wie Holzbohrer herzustellen. Die Roma aus dem rumänischen Toflea machten sich sogar international einen Namen und konnten sich auch in kommunistischer Zeit kaum der Aufträge erwehren. Sie arbeiteten mit denkbar einfachen Mitteln und vertrauten auf Gehör und Augenmaß. Gold- und Silberschmiede boten ihre Dienstleistungen zumeist auf Märkten an. Sie schmolzen Münzen auf Holzkohle und fertigten daraus innerhalb kürzester Zeit verschiedene Schmuckgegenstände.

Ebenso wie in den Metall verarbeitenden Berufen hatten auch die Arbeitsgeräte in anderen traditionellen Handwerken der Roma einfach, transportabel und funktionell zu sein. Roma und Sinti mussten im Laufe ihrer Geschichte immer darauf vorbereitet zu sein, rasch weiterzuziehen, und mit schweren Geräten war dies nicht möglich. Roma-Handwerker waren in stärkerem Ausmaß auf ihre Kreativität und ihr Können angewiesen, als dies bei Handwerkern der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung der Fall war.

Was ihre handwerklichen Fähigkeiten betraf, genossen neben den Schmieden vor allem die Korbflechter (Sepečides), Löffelmacher (Lingurari) und die Trogmacher (Balajara) hohes Ansehen. Letztere stellten große Schlacht- und Brunnentröge und kleine Tröge und Behälter zur Aufbewahrung verschiedener Nahrungsmittel her – ein Beruf, der großes Geschick erfordert und nicht den kleinsten Fehler verzeiht. Entscheidend sind exakte Kenntnisse der Holzbeschaffenheit sowie der kunstvolle Umgang mit den Werkzeugen. Hatte die dünne Außenwand eines großen Troges einmal ein Loch, waren tagelange harte Arbeit umsonst und das teure Ausgangsmaterial zerstört.

Literatur

Fonseca, Isabell (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München.
Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Gilsenbach, Reimer (1998) Weltchronik der Zigeuner. 2500 Ereignisse aus der Geschichte der Roma und Sinti, der Luri, Zott und Boza, der Athinganer, Tattern, Heiden und Sarazenen, der Bohémiens, Gypsies und Gitanos und aller Minderheiten, die "Zigeuner" genannt werden. Teil 1: Von den Anfängen bis 1599 (= Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 10), Frankfurt.
Mayerhofer, Claudia (1988) Dorfzigeuner. Kultur und Geschichte der Burgenland-Roma von der Ersten Republik bis zur Gegenwart, Wien.
Remmel, Franz (1993) Die Roma Rumäniens. Volk ohne Hinterland, Wien.
Stojka, Ceija (1988) Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin, Wien.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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Image Trogmacher (Baranya megye [Ungarn])
Image Roma beim Seildrehen (Bujanovac [Jugoslawien])
Image Dragan Jevremović und Mišo Jevremović bei der Herstellung eines Kupferkessels (Wien)
Image "Amen sijam kovačija ..." – "Wir sind Schmiede ..."
Image O Dragan Jevremović mothol, so o krpač kerel – Dragan Jevremović über die Arbeit des Kesselflickers
Image Fatma Heinschink über das Rutenschneiden und die besten Körbe
Image Kesselflicken
Image Siebe und Tamburine
Sesselflechter (Deutsch Kaltenbrunn [Bgld.]/Österreich), 1934
Siebmacher-Familie (Afghanistan), 1977