Traditionelle Wirtschaftsgemeinschaften

Kumpania

Die zentrale ökonomische Einheit innerhalb der Sozialorganisation der Kalderaš – der traditionellen Kessel- oder Kupferschmiede – ist die kumpania, die sich als Zusammenschluss mehrerer Großfamilien (vica/-i) bzw. Mitglieder verschiedener vici zu einer Wirtschaftsgemeinschaft versteht.

Eine kumpania ist keiner strikten Ordnung unterworfen, sondern bildet einen losen Verband, der permanent erweitert oder verkleinert werden kann, je nachdem, wie es die vorgegebenen Verbindungen erfordern. Die Berufskenntnisse werden innerhalb der Familien bzw. der kumpania weitergegeben. Voraussetzung für das Funktionieren einer kumpania sind uneingeschränkte Kooperation und die Einhaltung der gruppeninternen Regeln, wobei das traditionelle Gesetz und Gericht der Roma – kris – als Kontrollorgan fungiert.

Sind diese Faktoren erfüllt, bietet eine kumpania aufgrund ihrer unabhängigen und offenen Struktur die Möglichkeit, flexibel auf die jeweils vorherrschenden wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen zu reagieren und immer neue ökonomische Nischen ausfindig zu machen. Diese Flexibilität war insofern von Bedeutung, als Roma und Sinti der Zugang zu vielen Berufssparten verwehrt blieb. Ausschlaggebend dafür waren vor allem diskriminierende Verordnungen, Vorurteile und Stereotype.

Im deutschsprachigen Raum wurden Roma- und Sinti-Gruppen immer wieder daran gehindert, sich innerhalb der Stadtmauern niederzulassen. Sie durften den Handwerkszünften nicht beitreten und keine landwirtschaftliche Nutzfläche erwerben. Im Gegensatz dazu sind im südbalkanischen Raum Roma seit Jahrhunderten als Landarbeiter oder Bauern tätig.

Eine weitere Einschränkung konnte das Berufsfeld durch kulturell bedingte Verbote erfahren. Bestimmte Berufe wie z.B. Arbeiten mit Tierhäuten oder Arbeiten in Krankenhäusern haben einen geringen sozialen Status und/oder gelten für Mitglieder einiger Gruppen (z.B. Sinti) nach wie vor als mahrime ("unrein") und sind deshalb nach Möglichkeit zu meiden. Es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass die rituellen Reinheitsgebote nur mehr bei wenigen sich der traditionellen Soziostruktur verpflichtet fühlenden Roma- und Sinti-Gruppen einen zentralen Bestandteil ihrer ethnischen Identität bilden. Für den überwiegenden Teil aller Roma- und Sinti-Gruppen sind Reinheitsvorschriften, die die Berufswahl beeinflussen, allein aufgrund sozialer und wirtschaftlicher Zwänge kaum einzuhalten.

Gewerbevereinigungen am Beispiel der Roma in Prizren

Eine andere Form der Wirtschaftsgemeinschaft konnte sich aufgrund einer vergleichsweise Roma-freundlichen Politik und Gesellschaft im südbalkanischen Raum und vor allem im Kosovo entwickeln. Die bereits seit dem 12. Jahrhundert sesshaften Roma in Prizren (z.B. Arlije (1)) gründeten bereits früh Gewerbevereinigungen, vergleichbar mit den mittel- und westeuropäischen Handwerkszünften. Neben ihrer ökonomischen Bedeutung trugen sie auch maßgeblich zum Ansehen der Gruppe bei.

Die jährlich stattfindenden Zunftfeste waren Teil der Festtradition und beeinflussten die ethnische Identität der Gruppe. Jede Zunft hatte ihre eigene Fahne (bajrako) und einen Patron (o piri). Piri stammt aus dem Persischen und kann sowohl einen "alten Meister" als auch einen Heiligen bezeichnen.

Das bedeutendste Beispiel für die Festtradition der Roma in Prizren ist das Fest zu Ehren des Hasreti Daut (hl. Daut) (2), des Patrons der Schmiedezunft und der Roma in der Terzi Mahala. Es wird sieben Wochen nach dem Georgstag (herdelezi) gefeiert. Diese jahrhundertlange Tradition blieb bis zum Kosovo-Krieg 1999 bestehen. Heute ist sie nur mehr bruchstückhaft vorhanden.

1 Der Name Arlije verweist auf die frühe Sesshaftigkeit dieser Gruppe. Er lässt sich auf das türkische yer (Platz) zurückführen. Yerli bedeutet im Türkischen "Eingeborener".
2 Hasreti Daut entspricht dem alttestamentarischen David, der Goliath besiegte.

Quellen

Phonogrammarchiv, Österreichische Akademie der Wissenschaften, B 37171 (Arlije / Prizren) .

Literatur

Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Hancock, Ian (1987) The Pariah Syndrome. An Account of Gypsy Slavery and Persecution, Ann Arbor.
Kenrick, Donald (1998) Sinti und Roma: Von Indien bis zum Mittelmeer. Die Wanderwege der Sinti und Roma (Interface Collection 3), Berlin.
Mayerhofer, Claudia (1988) Dorfzigeuner. Kultur und Geschichte der Burgenland-Roma von der Ersten Republik bis zur Gegenwart, Wien.
Rao, Aparna (ed.) (1987) The Other Nomades. Peripatetic Minorities in Cross-Cultural Perspective, Köln.
Remmel, Franz (1993) Die Roma Rumäniens. Volk ohne Hinterland, Wien.
Sutherland, Anne (1975) Gypsies. The Hidden Americans, New York.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Yoors, Jan (1982) Die Zigeuner. Frankfurt.
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Image "Amen sijam kovačija ..." – "Wir sind Schmiede ..."
Image Holzverarbeitung
"Roma-Industrie" – Roma (Sepečides) beim Korbflechten (Saloniki [Griechenland]), 1900