Vergnügungs- und Unterhaltungsberufe

Roma sind als Schausteller, Artisten, Wahrsager, Karussellbetreiber, Zirkuskünstler, Bärentreiber und Musiker bis heute auf Volksfesten und Jahrmärkten in ganz Europa vertreten, wenngleich ihre Zahl im Abnehmen begriffen ist.

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählten Unterhaltungskünstler zu den Hauptträgern der Populärkultur. Trotzdem konnten sie sich – unabhängig davon, welcher Ethnie sie angehörten – ihrer sozialen Position nie sicher sein. Einerseits wurden sie als hoch geehrte Gäste behandelt, andererseits als "Tagediebe" und "Scharlatane" diffamiert. In vielen deutschsprachigen Gebieten wurden Schausteller und Spielleute lange Zeit als sogenannte "Unehrliche" eingestuft und galten damit als rechtlos; sie durften weder städtische Ämter bekleiden noch Handwerkszünften beitreten.

Dokumente belegen, dass Roma bereits in ihrer indischen Urheimat ihre Dienste als Unterhaltungskünstler anboten. Der persische Dichter Ferdousi schreibt in seinem "Šāh-nāme" ("Königsbuch"), dass um das Jahr 1000 n.Chr. ein sassanidischer Fürst 12.000 Jongleure und Spielleute (Luri [Rom-Ḍom]) zur Unterhaltung seines Volkes aus Indien habe kommen lassen. Nikephoras Gregoras berichtet, dass 1321 eine Gruppe Ägyptici (Roma) im Byzantinischen Reich als waghalsige Seiltänzer, Jongleure und Akrobaten arbeitete. Ihre Artistik beschrieb er als " staunenswert und voller Wunder. Da ihre Tricks gefährlich sind, leben sie nicht in Sicherheit. Oft stürzt einer von ihnen ab und verliert das Leben. Sie waren nämlich zu vierzig, als sie ihre Heimat verließen, aber kaum zwanzig lebten noch, als sie Byzanz erreichten." Ein Jahrhundert später heißt es in der "Magdeburger Chronik", dass "Thataren, die Zeguner genannt" werden, als Gaukler am städtischen Fischmarkt und vor den Ratsherren auftraten und "wunderliche Gebärden" vollführten.

Roma-Gruppen, die traditionellerweise in dieser Branche tätig sind, sind beispielsweise Lautari (Musiker), Ursari (Bärentreiber) und verschiedene Sinti-Gruppen. Letztere arbeiten zum Teil bis heute als Zirkuskünstler und Musiker. Sinti- und Manouche-Musiker wie Django Reinhardt oder Schnuckenack Reinhardt brachten es zu Weltruhm, der von französischen Manouche betriebene Zirkus "Romanes" zählt zu den bekanntesten Europas. Heute sind viele Sinti als Betreiber von Autodromen, Ringelspielen oder Karussells tätig. [Glossar]

Das größte Aufsehen erregten jedoch zumeist die Roma-Bärentreiber, die sich abhängig von Sprache und Region als Medvedara, Ričkara, Ursari, Mechkara oder Ayjides bezeichnen. [Untergruppen der Roma] Sie sind jedoch nicht als eine gemeinsame Gruppe zu betrachten, da sie sich ethnisch und sprachlich beträchtlich voneinander unterscheiden. Die Bärentreiber nahmen die jungen Bären z. B. in den Alpen oder Karpaten gefangen oder sie kauften sie von Bergbauern. Sie lehrten den Tieren, auf ein Zeichen hin aufrecht zu gehen, sich mit den Vorderpranken auf einen Hirtenstab zu stützen und nach Paukenschlägen tanzende Bewegungen aufzuführen. Mit den dressierten Tanzbären wanderten ihre Besitzer dann von Dorf zu Dorf, traten bei Volksfesten auf oder ließen sich von Zirkussen engagieren.

Bis in die Zwischenkriegszeit zeigten sie ihre Darbietungen auch in westeuropäischen Städten. Tierschutzvereine erhoben jedoch vermehrt Einspruch gegen die Dressur. Denn die Bärentreiber verwendeten mitunter heiße Eisen, um den Tieren den aufrechten Gang beizubringen. In Deutschland wurde das Führen von Bären bereits in den 20er Jahren als Tierquälerei verboten. In den ehemaligen Ostblock-Staaten verbot die staatliche Zwangsassimilierungspolitik die Ausübung nomadischer Gewerbe. Vereinzelt kann man jedoch auch heute noch Bärentreiber im balkanischen Raum antreffen.

Literatur

Fonseca, Isabell (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München.
Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Gilsenbach, Reimer (1998) Weltchronik der Zigeuner. 2500 Ereignisse aus der Geschichte der Roma und Sinti, der Luri, Zott und Boza, der Athinganer, Tattern, Heiden und Sarazenen, der Bohémiens, Gypsies und Gitanos und aller Minderheiten, die "Zigeuner" genannt werden. Teil 1: Von den Anfängen bis 1599 (= Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 10), Frankfurt.
Hancock, Ian (1987) The Pariah Syndrome. An Account of Gypsy Slavery and Persecution, Ann Arbor.
Kenrick, Donald (1998) Sinti und Roma: Von Indien bis zum Mittelmeer. Die Wanderwege der Sinti und Roma (= Interface Collection 3), Berlin.
Mayerhofer, Claudia (1988) Dorfzigeuner. Kultur und Geschichte der Burgenland-Roma von der Ersten Republik bis zur Gegenwart, Wien.
Remmel, Franz (1993) Die Roma Rumäniens. Volk ohne Hinterland, Wien.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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Bärenführer (Mazedonien), 1900
Mozes Heinschink mit Familie R., die als Ringelspielbetreiber arbeitet (Turnisče [Slowenien]), 2002
Gomilica (Slowenien), 2002
Roma-Artisten springen durch Feuer- und Messerreifen (Kairo/Ägypten), 2000