Berufe

Historische Entwicklung

Die Bedeutung der traditionellen Berufe nahm im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte kontinuierlich ab. Die mit der Industrialisierung einhergehende Rationalisierung und Mechanisierung der Landwirtschaft führte zu einem erheblichen Rückgang des Bedarfs an verschiedenen Dienstleistungen, wovon vor allem Dienstleistungsnomaden (z.B. Pferdehändler: Lovara), aber auch sesshafte, für die Landbevölkerung arbeitende Handwerker betroffen waren.

Zu einer weiteren Zäsur kam es durch die Etablierung des Rassismus im ausgehenden 19. Jahrhundert, der sich zur bestimmenden Ideologie entwickelte. Behördliche Diskriminierung, polizeiliche Gewalt und Schikanen nahmen stetig zu und schränkten den Handlungsspielraum und damit die beruflichen Möglichkeiten vor allem mitteleuropäischer Roma- und Sinti-Gruppen auf ein Minimum ein. Eine Verarmungstendenz, die durch die Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren noch zusätzlich verstärkt wurde, war die Folge.

Die Radikalisierung der Politik gegen Roma und Sinti erreichte im nationalsozialistischen Völkermord an Roma und Sinti ihren traurigen Höhepunkt. In erster Linie fiel die kulturtragende und kulturtradierende Großelterngeneration dem Genozid zum Opfer. Die Soziostruktur vieler Roma- und Sinti-Gruppen war damit auf Dauer zerstört. Der Umstand, dass die Diskriminierung nach Kriegsende keineswegs aufhörte, trug zusätzlich dazu bei, dass die Ausübung der traditionellen Berufe vielfach nicht mehr möglich war.

Ein weiterer entscheidender Faktor, der zum Aussterben vieler Berufe führte, liegt in den veränderten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Traditionelle Vergnügungs- und Unterhaltungsberufe sind heute kaum mehr gefragt, Handwerkserzeugnisse sind im Vergleich zu industriell in Billiglohnländern erzeugten Waren viel zu teuer. Ein Gewerbe wie das Korbflechten ist heute unrentabel. Angehörige der Sepečides arbeiten heute als Bedienerinnen oder Köchinnen oder sind im Lebensmittelhandel und Dienstleistungsgewerbe tätig. Andere Gruppen wie die Lovara oder Kalderaš versuchen hingegen – entsprechend ihrer traditionellen Soziostruktur –, Lohnabhängigkeit zu vermeiden, und arbeiten heute zumeist im selbstständigen Handel (Altmetall, Flohmarkt, Teppichhandel etc.). [Handel]

Der Kalderaš-Rom und Obmann des Wiener Roma-Vereins Romano Centro Dragan Jevremović bedauert diese Entwicklung, vermisst jedoch auch ein Interesse der Jugend. Seiner Meinung nach geht damit ein Kultur- und Sprachverlust einher, weil mit den Arbeitstechniken auch die Romani-Bezeichnungen verloren gehen. Als einer der wenigen Kalderaš in Wien beherrscht er noch die traditionellen Kupferschmiedetechniken und erklärt sich immer wieder gerne bereit, sie einer interessierten Öffentlichkeit zu zeigen.

Im osteuropäischen Raum, wo der überwiegende Teil der Roma lebt, verbot die kommunistische Assimilationspolitik jede von der Staatsdoktrin abweichende Kultur und Lebensform und zwang Roma zur Sesshaftigkeit und Kolchose- oder Fabriks-Arbeit. [Rassismus und Menschenrechte] Die gesellschaftspolitischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte – zunehmender Nationalismus, Rassismus und Neoliberalismus – schufen vor allem in den ehemaligen Ostblockstaaten ein Klima der Intoleranz. Armut, Perspektivenlosigkeit und Diskriminierung prägen heute das Leben der meisten Roma. Durch die Privatisierung oder Schließung der ehemals staatlichen Großbetriebe verlor ein Großteil der Roma ihre Arbeit. Im gesamten osteuropäischen Raum sind Roma überproportional von Arbeitslosigkeit betroffen; in einigen Ländern beträgt die Arbeitslosenrate zwischen 80-90%. Viele Roma sind auf die staatliche Sozialhilfe oder die Unterstützung karitativer Organisationen angewiesen. Anderen gelingt es, sich mit Gelegenheitsarbeiten (Sammeln von Altpapier, Altmetall etc.) über Wasser zu halten.

Die traditionelle Sozialstruktur ist – sowohl in West- als auch in Osteuropa – nur mehr in wenigen Roma-Gruppen intakt. Jene Gruppen, die ihre Berufe an die jeweiligen Bedingungen anpassen konnten oder in verwandten Metiers tätig sind, bilden die Ausnahme. Ihnen ist es gelungen, ihre Unabhängigkeit und kulturellen Traditionen zu bewahren. Der Großteil der europäischen Roma lebt jedoch unter Bedingungen, die lediglich ein Überleben gewährleisten.

Literatur

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Nikolić, Mišo (2000) "Landfahrer". Auf den Wegen eines Rom, Klagenfurt.
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Stojka, Ceija (1992) Reisende auf dieser Welt. Aus dem Leben einer Rom-Zigeunerin, Wien.
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Image Die Roma-Arbeit
Image E bući řomaji
Fabriksarbeiterinnen (Ungarn), 1980
Eine Frau und zwei Kinder suchen auf einer Müllkippe nach Verwertbarem (Pata Rat [Rumänien]), 1988
Second-hand-Markt am Stadtrand von Belgrad (Serbien-Montenegro), 2003