Handel

Neben dem Schmiedehandwerk wurden und werden Roma und Sinti vor allem mit Hausieren und Handel in Verbindung gebracht. Als nomadische Händler erfüllten bestimmte Gruppen lange Zeit eine wichtige ökonomische, aber auch gesellschaftliche Funktion. Die ländliche Bevölkerung in entlegeneren Gebieten, der es nur schwer möglich war, regelmäßig den städtischen Markt aufzusuchen, war oft auf die Dienste der Roma angewiesen. Sie versorgten die Bauern mit den notwendigsten Alltagsgegenständen.

Einige Roma-Gruppen verknüpften Handwerk mit Handel (z.B. Löffelmacher – Lingurari), wobei die Frauen die von den Männern hergestellten Produkte verkauften. Andere Gruppen waren als Zwischenhändler tätig und handelten mit allen erdenklichen Gegenständen. Zu diesem Bereich zählte der Pferdehandel (Lovara), eines der ältesten und angesehensten Gewerbe der Roma. Heute sind nur mehr wenige Roma als Pferdehändler tätig. Sofern es die Bedingungen erlaubten, wechselten sie in Berufssparten, wo sie zumindest auf ihre Erfahrungen als Verkäufer zurückgreifen konnten. Viele österreichische Lovara, die in der Zwischenkriegszeit noch als Pferdehändler gearbeitet hatten, wurden nach dem 2. Weltkrieg Teppichhändler. [Die Stojkas]

Ein weiterer wichtiger Gewerbebereich, der zu den Händlerberufen zu zählen ist, ist das Sammeln von Nahrungsmitteln (Pilze, Beeren, Schnecken etc.). Viele Burgenland-Roma übten diesen Beruf bis in die Zwischenkriegszeit aus. Sie deckten damit ihren Eigenbedarf und verkauften oder tauschten die restlichen Produkte. Aufgrund der niedrigen Supermarktpreise ist dieser Erwerbszweig heute kaum mehr von Bedeutung; er gewährleistet bestenfalls einen Zusatzverdienst. Zunehmend rentabel wurde hingegen das Sammeln bzw. der Ankauf von Altmetall und weggeworfenen Hi-Fi-Geräten, die repariert und auf Märkten verkauft werden.

Während also traditionelle Händlerberufe wie Hausierer und Pferdehändler an Bedeutung verloren haben, stellt der Straßen- und Markt-Verkauf von "Secondhand"-, aber auch neuwertigen Waren eine zunehmend wichtige Erwerbsquelle dar. Aufgrund der tristen ökonomischen Situation im südosteuropäischen Raum etablierte sich neben dem für den Großteil der Bevölkerung zu teuren offiziellen Markt ein von der Exekutive geduldeter "inoffizieller" Markt.

Die Erfahrung der Roma als Händler und ihr Wissen, welche Produkte wo und wann billig zu erwerben sind, führt dazu, dass sie auf den Märkten Osteuropas überproportional vertreten sind. Roma genießen nach wie vor den Ruf, schnell und billig alle erdenklichen Waren besorgen zu können. Beispielsweise greifen Belgrader Filmproduzenten auf die Hilfe von Roma zurück, wenn schwer zu beschaffende Requisiten benötigt werden. [ Gegenwärtige Situation ]

Literatur

Cech, Petra / Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (eds.) (2001) Fern von uns im Traum ... / Te na dikhas sunende ... Märchen, Erzählungen und Lieder der Lovara, Klagenfurt.
Fonseca, Isabell (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München.
Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (ed.) (1998) Bausteine. Zwischen Romantisierung und Rassismus. Sinti und Roma – 600 Jahre in Deutschland. Handreichung zur Geschichte, Kultur und Gegenwart der deutschen Sinti und Roma, Stuttgart.
Mayerhofer, Claudia (1988) Dorfzigeuner. Kultur und Geschichte der Burgenland-Roma von der Ersten Republik bis zur Gegenwart, Wien.
Rao, Aparna (ed.) (1987) The Other Nomades. Peripatetic Minorities in Cross-Cultural Perspective, Köln.
Stewart, Michael (1997) The Time of the Gypsies. Oxford.
Stojka, Ceija (1988) Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin, Wien.
Stojka, Ceija (1992) Reisende auf dieser Welt. Aus dem Leben einer Rom-Zigeunerin, Wien.
Stojka, Karl (1994) Auf der ganzen Welt zuhause. Das Leben und Wandern des Zigeuners Karl Stojka, Wien.
Stojka, Mongo (2000) Papierene Kinder. Glück, Zerstörung und Neubeginn einer Roma-Familie in Österreich, Wien.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Yoors, Jan (1982) Die Zigeuner. Frankfurt.
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Image Großer Secondhand-Markt am Stadtrand von Belgrad, an dem vor allem Roma verschiedene Waren verkaufen (Serbien-Montenegro)
Image Secondhand-Markt am Stadtrand von Belgrad (Serbien-Montenegro)
Image O gažo či las o colo – Der Gadžo nahm den Teppich nicht (Gespräch von Mutter und Sohn)
Image Amare čhave arabanenca džan taj bikinen – Unsere Burschen fahren mit Autos und verkaufen
Pferdehandel (England)
Altmetallhändler (Rumänien)