Traditionelle Berufe

Kennzeichnend für traditionelle Roma-Berufe ist ein hohes Maß an Flexibilität und Selbstständigkeit. Im Unterschied zu abhängigen Lohnarbeitern verkaufen sie ihre Dienstleistungen und Produkte an die Mehrheitsbevölkerung.

Der Kontakt zu den Gadže beschränkt sich auf rein wirtschaftliche Interessen. Gewährleistet wird diese Unabhängigkeit durch eine gemeinschaftliche Ausübung der Berufe in Form von Wirtschaftsgemeinschaften.

Unabhängig davon, ob die Gruppe sesshaft oder nomadisch lebt, üben in einer traditionellen Roma-Gemeinschaft – sofern es die Bedingungen erlauben – alle Mitglieder die gleiche Beschäftigung aus. Vergleichbar mit der indischen Kastengesellschaft, besteht eine Bindung der Gruppe an den Beruf. Auch Gruppen, die über einen langen Zeitraum einem starken Assimilierungsdruck ausgesetzt waren, versuchen, diese Strukturen auf kleinerer Ebene beizubehalten.

Die Bedeutung der traditionellen Berufe für die ethnische Identität der jeweiligen Gruppe wird noch dadurch unterstrichen, dass sich viele Roma-Gruppen nach ihrer hauptsächlich ausgeübten Tätigkeit benannt haben:

  • Kalderaš (Kesselschmiede)
  • Lovara (Pferdehändler)
  • Ursari (Bärenführer)
  • Lingurarí (Löffelschnitzer)
  • Aurari (Goldwäscher)
  • Čurara (Siebmacher)
  • Sepečides (Korbflechter)
  • Kovača (Schmiede)
  • Lautari (Musiker)
  • Balajara (Trogmacher)
  • Bugurdzje (Bohrermacher)

Einteilung

Die traditionellen Berufe der Roma und Sinti lassen sich in drei Hauptkategorien unterteilen:

  • Handwerksberufe (z.B. Kesselschmiede:Kalderaš; Löffelschnitzer: Lingurari)
  • Händlerberufe (z.B. Pferdehandel: Lovara)
  • Vergnügungs- und Unterhaltungsberufe (z.B. Bärenführer: Ursari / Musiker: z.B. Lautari; Sinti; Schausteller: z.B. Sinti)

Nicht zu den drei Großgruppen zu zählen sind aneignende Wirtschaftsformen wie Betteln sowie Berufe in der Landwirtschaft wie Bauer oder Tagelöhner. Zu Ersterem wäre anzumerken, dass in einigen nach wie vor sehr traditionell lebenden Gruppen wie den Kalderaš Bettelei als eigener Beruf gilt, der vor allem von Frauen ausgeübt wird. Es muss keine soziale Notlage der Familie vorliegen, um Betteln zu gehen. Betteln wird nicht als entwürdigend empfunden und steht gleichrangig neben traditionellen Handwerksberufen.

Zu berücksichtigen ist allerdings, dass im Laufe der Geschichte viele Roma- und Sinti-Gruppen immer wieder zur Bettelei gezwungen waren. Durch die gegenwärtigen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Osteuropa stellt Betteln für viele Roma die einzig verbliebene Möglichkeit dar, ein Überleben zu gewährleisten.

Im Unterschied zu west-, ost- und mitteleuropäischen Roma- und Sinti-Gruppen zählen bei verschiedenen Roma-Gruppen im südbalkanischen Raum Tätigkeiten in der Landwirtschaft durchaus zu ihren traditionellen Berufen und haben einen hohen Stellenwert. In Mitteleuropa hingegen war es Roma und Sinti in vielen Regionen über Jahrhunderte nicht erlaubt, landwirtschaftliche Nutzfläche zu erwerben.

Literatur

Cech, Petra / Fennesz-Juhasz, Christiane / Halwachs, Dieter W. / Heinschink, Mozes F. (eds.) (2001) Fern von uns im Traum ... / Te na dikhas sunende ... Märchen, Erzählungen und Lieder der Lovara, Klagenfurt.
Fonseca, Isabell (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München.
Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Kenrick, Donald (1998) Sinti und Roma: Von Indien bis zum Mittelmeer. Die Wanderwege der Sinti und Roma (Interface Collection 3), Berlin.
Mayerhofer, Claudia (1988) Dorfzigeuner. Kultur und Geschichte der Burgenland-Roma von der Ersten Republik bis zur Gegenwart, Wien.
Rao, Aparna (ed.) (1987) The Other Nomades. Peripatetic Minorities in Cross-Cultural Perspective, Köln.
Remmel, Franz (1993) Die Roma Rumäniens. Volk ohne Hinterland, Wien.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Yoors, Jan (1982) Die Zigeuner. Frankfurt.
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Image Das "Zigeunerviertel" vor der Stadt Modon (1496-1499)
Image Über die Sepečides in Izmir und Umgebung
Image Fatma Heinschink über das Rutenschneiden und die besten Körbe
Image O Dragan Jevremović mothol, so o krpač kerel – Dragan Jevremović über die Arbeit des Kesselflickers
Image O gažo či las o colo – Der Gadžo nahm den Teppich nicht (Gespräch von Mutter und Sohn)
Image Amare čhave arabanenca džan taj bikinen – Unsere Burschen fahren mit Autos und verkaufen
Handleserin (Walbersdorf [Bgld.]/Österreich), 1931
Bettlerin (Saloniki [Griechenland]), 1900
Roma bei der Feldarbeit (Polen)