Buti

buťi, f. (Ind.): Arbeit, körperliche Arbeit; te kerel buťi: körperlich arbeiten.

In einigen Dialekten wird buťi in einer genau definierten Bedeutung verwendet: als Schmied arbeiten, eine Schmiedewerkstatt betreiben. Öfters jedoch wird der Begriff durch das Adjektiv romaňi / charťiko (te kerel romaňi / charťiko buťi; wörtlich: "Roma-Schmiedearbeit tun") noch genauer beschrieben.

Der Terminus buťi bezog sich ausschließlich auf körperliche Arbeit, der – abgesehen von der Arbeit eines Schmieds – ein grundsätzlich niedrigerer Status zukam als beispielsweise der Karriere eines Musikers oder eines Händlers. Jene Menschen, die "rituell unreine" Dinge oder Materialien berühren mussten, hatten einen besonders niedrigen Status. In Indien und in einigen traditionell lebenden Roma-Gemeinschaften zählten dazu auch Tierhäute, natürlich Exkremente und Abfall, aber auch Erde. Des Weiteren definierte die Art der Tätigkeit die Grenzen zwischen den einzelnen Klans (Kasten: jati [džati]) und ihre Position innerhalb der Hierarchie der gesamten Gesellschaft (in Indien ebenso wie in der Roma-Gemeinschaft).

Wenn wir einen Musiker nach seiner Arbeit fragen (Savi buťi keres?; "Welche Arbeit tust du?"), wird er – oft gekränkt – zur Antwort geben: Me na kerav buťi, me bašavev. ("Ich arbeite nicht; ich bin Berufsmusiker.") Ein Händler würde dem ähnlich entgegenhalten: Me na kerav buťi, me šeftinav. ("Ich arbeite nicht; ich handle.")

Als zum Beispiel Roma-Musiker unter nationalsozialistischer Besatzung als Zwangsarbeiter oder in Lagern körperliche Arbeit (te kerel buťi) verrichten – und während des Krieges etwa Schützengräben für die deutschen Soldaten ausheben – mussten, stellte schon die bloße Tatsache, dass sie "den Geigenbogen gegen Spitzhacke und Schaufel eintauschen mussten", für viele bereits so etwas wie ein erstes psychisches Trauma dar.

Die Hoffnung, eines Tages wieder die Möglichkeit zu haben, Musik zu spielen und das Musikern entgegengebrachte Prestige genießen zu können, wurde schließlich vom kommunistischen Regime vollkommen zunichte gemacht. Wollte im Sozialismus jemand seinen Lebensunterhalt durch Musik verdienen, musste er fachspezifische und politische Prüfungen ablegen. Doch nur solche Musiker, die in Gadže-Einrichtungen ausgebildet worden waren, nicht aber Roma-Musiker, die ihr Können durch die ganz eigene jahrhundertealte Roma-Tradition erlangt hatten, konnten die Prüfungen bestehen.

Da sie von Geburt an von Musik umgeben waren, hatten sie kan (wörtl.: "Ohr"; d.h. ein musikalisches Gehör) und sahen keine Veranlassung, Musik auch "lesen" zu können. Einige der ältesten Musiker – auch jene mit le Devlestar (wörtl.: "von Gott gegebenem [Talent]") – konnten weder Lesen noch Schreiben. Sie brauchten diese Kenntnisse nicht, um Berufsmusiker zu sein. Die Gadže-Kommunisten jedoch verlangten von ihnen dieses Wissen – und noch vieles mehr. Nur ein kleiner Prozentsatz der Roma-Musiker bestand die institutionellen Prüfungen. Das Schicksal in der kommunistischen Gesellschaft bedeutete daher für die meisten buťi – harte körperliche Arbeit auf Baustellen, bei Grabearbeiten für die Errichung der Prager U-Bahn oder in den Ställen und auf den Feldern der staatlichen Bauernhöfe oder Kooperativen.

Weder die Breite des semantischen Feldes noch der soziokulturelle Stellenwert des Wortes buťi entspricht dem deutschen Wort "Arbeit", dem englischen Wort "work" oder dem tschechischen Wort "práce". Die Gadže-Wörter für "Arbeit" beinhalten in ihrem weitesten Sinn auch die Vorstellung von Arbeitsmoral und Fleiß. Schon in der noch agrarisch bestimmten europäischen Gesellschaft kam der Arbeit der höchste Stellenwert zu. In traditionellen Roma-Gesellschaften – wie auch in Indien – ehrten die Menschen hingegen vor allem jene Berufe, die nichts mit buťi (körperlicher, mühevoller Arbeit) zu tun hatten: Sie schätzten das Spielen von Musik, Handel usw.

Andererseits respektierten die Roma stets auch ein anderes Prinzip, das die Kehrseite der seit langem vorherrschenden Ablehnung von buťi darstellte und in vielen Redewendungen der Roma zum Ausdruck kommt: "Manuš dživel, dar pes del" ("Der Mensch lebt, wie er kann"), "Andre bida sa sikhľoha" ("Not lehrt dich alles"), "Feder te tut marel buťi, sar te tut marďahas bokh" ("Es ist besser, durch Arbeit zu leiden als an Hunger"), "Te na kereha buťi, na chaha" ("Wenn du nicht arbeitest, wirst du auch nicht essen").

In Zeiten von Krisen, Arbeitslosigkeit oder gesellschaftlichen Umbrüchen, als die Roma ihre althergebrachten Roma-Berufe nicht ausüben konnten, gewöhnten sich viele Familien an jegliche Art von buťi, die es ihnen erlaubte, zu überleben und die Kinder zu ernähren ("tel del le čhaven te chal"). Dadurch gewann auch körperliche Arbeit bzw. kontinuierliche Beschäftigung, die körperliche Arbeit beinhaltete, an Ansehen. Neue "Kasten" begannen sich herauszubilden: Klans – oder sogar Siedlungen – von so genannten buťakere Roma (Roma, die körperliche Arbeit verrichten) wie zum Beispiel von Minenarbeitern (in Slovinky u Krompachů), Maurern oder Kalkbrennern usw. Das Ansehen von buťi stieg umso mehr, je größer die materiellen Vorteile waren, die kontinuierliche Arbeit bzw. buťi mit sich brachten.

Heute noch findet man in vielen Roma-Haushalten an den Wänden die Auszeichnungen für "vorbildliche Arbeiter sozialistischer Arbeit" ("vzorný pracovník socialistické práce"), Erinnerungen an "sozialistische Arbeitsbrigaden" etc. Einerseits bezeugen diese Auszeichnungen die Wertverschiebung von buťi. Andererseits widerlegen sie das Vorurteil, dass Roma "faul" oder "Faulenzer" seien, denen "nicht nach Arbeit ist."

Leider wiederholt sich heutzutage, was den Roma im Laufe ihrer Geschichte immer wieder widerfahren ist: Sie hatten kaum begonnen, die unzähligen Barrieren zu überwinden und sich mit enormem Einsatz in die sozioökonomischen Strukturen der Mehrheitsgesellschaft zu integrieren ("Rom site šelvarbiš pes te mocinel, te kamel pre ajso than te avel sar gadžo."; "Ein Rom muss es 120-mal so hart versuchen, um denselben Platz zu haben wie ein Gadžo."), als stigmatisierten Randgruppen erneut ihr gerade erkämpfter Platz in der Gesellschaft genommen wurde. Und so waren wieder die Roma die Ersten, die durch die Wirtschaftsreformen im Zuge der "Ostöffnung" ihre buťi (Arbeit/Arbeitsstellen) verloren, an die sie sich langsam gewöhnt und die sie auch allmählich zu schätzen begonnen hatten. [ Rassismus und Menschenrechte ]

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