Gegenwärtige Situation

Seriösen Schätzungen zufolge beträgt die Gesamtbevölkerung der Roma und Sinti in Europa etwa 8-10 Millionen. Sie sind damit die größte europäische Minderheit ohne eigenes Staatsterritorium. Die meisten Roma leben im südosteuropäischen Raum. Die größten Gemeinschaften befinden sich in der Slowakei (600.000) und in Rumänien (ca. 2 Millionen), was jeweils einem Bevölkerungsanteil von ca. 10% entspricht.

Roma und Sinti sind keine homogene Ethnie, allein in Rumänien gibt es ca. 30 verschiedene Gruppierungen, die sich in Lebensstil und Sprache zum Teil beträchtlich voneinander unterscheiden. Die Geschichte der Kalderaš – der wohl bekanntesten Vlach-Roma Gruppe – ist eine andere als die Geschichte der Sinti in Deutschland oder der Burgenland-Roma in Österreich. Es gibt Gruppierungen, die weltweit verbreitet sind, wie die Kalderaš und die Lovara, und Gruppierungen, die seit ihrer Ankunft in Europa in einem bestimmten Territorium siedeln. [Untergruppen der Roma]

Grobe Differenzierungskriterien sind neben einer nomadischen oder sesshaften Lebensweise Dialektvarianten, Romani-Kompetenz sowie der Grad der Marginalisierung, Assimilation und Integration. Diese Faktoren beeinflussen wiederum die romanipe – das "Roma-Sein" –, die Einhaltung und Pflege der traditionellen Kultur der Roma und Sinti und somit das Selbstwertgefühl innerhalb der Roma-Sozietät. Sesshafte und assimilierte Roma-Gruppen haben aus der Sicht der Vertreter des "wahren Romatums" (z.B. Kalderaš) mit der romanipe gebrochen und gelten in der internen Hierarchie als "Mischlinge" und unterlegen. Diese Zuordnung entspricht zumeist der folkloristischen Fremdwahrnehmung der Nicht-Roma.

Situation in Osteuropa

Entsprechend der grundsätzlichen Trennung zwischen den Einwohnern der EU-Beitrittsländer und jenen der EU-Mitgliedsstaaten sind auch die osteuropäischen Roma durch einen de facto nach wie vor existenten "eisernen Vorhang" von den westeuropäischen Roma und Sinti getrennt. Gemeinsam ist dem überwiegenden Teil der osteuropäischen Roma ein soziales Randgruppendasein und eine massive Diskriminierung durch die Mehrheitsbevölkerung. Staatlicher und gesellschaftlicher Rassismus sind weit verbreitet, der politische Einfluss der Roma ist auch aufgrund der beschriebenen Heterogenität gering. Schulische Segregation und fehlende schulische Betreuung gelten als die Grundprobleme des staatlichen Umgangs mit Roma, weil sich der Teufelskreis aus geringem Bildungsniveau und gesellschaftlicher Ausgrenzung, die unter anderem gerade daraus resultiert, immer wieder schließt.

Politische Vertretung

Auf Druck der EU wurden in den letzten Jahren in den Beitrittskandidatenländern Maßnahmen gesetzt, die die Ausbildungs- und Beschäftigungssituation der Roma verbessern sollen (1). Darüber hinaus werden zunehmend internationale Vereinbarungen zum Schutz ethnischer Minderheiten ratifiziert.

Roma-Parteien und -Organisationen versuchen, auf die Probleme der Roma aufmerksam zu machen, gegen Vorurteile und Diskriminierungen vorzugehen und einen Umdenkprozess einzuleiten. Trotzdem sollte nicht unerwähnt bleiben, dass angesichts des hohen prozentuellen Anteils der Roma in einigen osteuropäischen Staaten ihr politischer Einfluss nach wie vor äußerst gering ist. Ein Umstand, der nicht nur auf Ignoranz und fehlende finanzielle Unterstützung seitens der Nicht-Roma zurückzuführen ist, sondern auch in der mangelnden Solidarität zwischen den Roma-Parteien und einer unter anderem daraus resultierenden geringen Wahlbeteiligung begründet ist.

Der traditionellen Sozialstruktur der Roma ist ein gruppenübergreifendes Roma-Bewusstsein fremd. Solidarität bezieht sich auf die Großfamilie und im weitesten Sinn auf die eigene Gruppe. Vor allem in Rumänien in Bulgarien (2) erschwert das Übermaß an konkurrierenden Parteien und Organisationen die Artikulation und Durchsetzung von Interessen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft. Es gelang bis heute nicht, alle Organisationen unter einem Dachverband zu vereinen. Die politischen Erfolge sind dementsprechend bescheiden: Die Anzahl von Roma-Gemeinderäten in Rumänien erhöhte sich zwischen 1992 und 2000 zwar leicht (von 120 auf 148). Im Gegensatz zu 1992 (2) ist jedoch heute kein einziger Rom Bürgermeister seiner Gemeinde. In Ungarn gibt es lediglich zwei Roma-Bürgermeister.

Die fehlende politische Durchschlagskraft staatlicher Parteien und Organisationen führte zu einem Aufschwung der Roma-NGOs. Das 1992 in Sofia gegründete Human Rights Project und dass European Roma Rights Center (ERRC) mit Sitz in Budapest wären hier an vorderster Stelle zu nennen. In Rumänien sind rund 100 NGOs in Projekten in den Bereichen Konfliktverhütung, Rechtsberatung, Ausbildung von Mediatoren im Erziehungs- und Gesundheitswesen, Frauenfragen, Unternehmensgründung und Presseberichterstattung tätig. In Ungarn bietet das Legal Defence Bureau for National and Ethnic Minorities Rechtsschutz in Fällen von Diskriminierung an.

Es wäre jedoch verfehlt, die osteuropäischen Roma ausschließlich als Opfer von Rassismus und Diskriminierung zu sehen. Einigen Roma-Gruppen gelingt es nach wie vor, entsprechend ihrer traditionellen Kultur zu leben. Die traditionelle Soziostruktur dieser Gruppen ist nach wie vor intakt, der Gruppenzusammenhalt stark und grenzüberschreitend. Ein ausgeprägtes Kontakt- und Informationsnetz ermöglicht es den Gruppenmitgliedern, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Arbeit zu finden. Roma und Sinti waren zwar wirtschaftlich nie autark, sondern immer auf den Kontakt zur Mehrheitsbevölkerung angewiesen, behielten jedoch ein größtmögliches Maß an Unabhängigkeit immer bei.

Ohne diese jahrhundertelang geschulte Fähigkeit, mit Flexibilität und Lebensfreude auf zum Teil widrigste Bedingungen zu reagieren, wären Kultur und Sprache der Roma und Sinti längst verloren gegangen. Die Probleme, denen sich diese osteuropäischen Gruppen zu stellen haben, sind heute ähnliche wie für westeuropäische Roma. Der Druck und der Reiz der Assimilation erzeugt einen Sog, den sich vor allem die jüngere Generation nur schwer entziehen kann.

Situation in Westeuropa

Der Anteil der Roma und Sinti, die es zu einem relativen Wohlstand gebracht haben, ist in Westeuropa bedeutend höher als in Osteuropa. Obwohl auch in Westeuropa der Großteil ein Randgruppendasein fristet, sind ihre Chancen hier doch ungleich höher, annehmbare Lebensbedingungen vorzufinden. Eine etablierte Bürgerrechtsbewegung und ein – im Vergleich zu Osteuropa – relativ gut ausgebautes Vereins– und Organisationsnetz tragen dazu bei, dass die Anliegen der Roma und Sinti medial und politisch wahrgenommen werden.

Seit den 60er Jahren emigrierten jugoslawische Roma im Zuge der Arbeitsmigration als Gastarbeiter in den Westen. Aufgrund der länger als ursprünglich geplanten Aufenthalte kamen im Laufe der Jahre die Familienmitglieder nach, wodurch sich der Lebensmittelpunkt ganzer Großfamilien von den Herkunfts- in die Zielländer des Westens verlagerte. Ihr Status ist vergleichbar mit jenem anderer Gastarbeiterfamilien. Sie besitzen in der Regel die Staatsbürgerschaft der Emigrationsländer und sind zum Teil sozial etabliert und in die jeweiligen Gesellschaften zumindest teilintegriert.

Anders ist die Situation der Migranten und Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostblockstaaten (v.a. Rumänien, Bulgarien, Ex-Jugoslawien), die seit der Ostöffnung auf der Suche nach menschenwürdigen Lebensbedingungen vor allem nach Westeuropa und in die USA ausgewandert sind. Viele halten sich illegal in den jeweiligen Ländern auf, eine nicht unbeträchtliche Anzahl von ihnen ist staatenlos, andere wiederum haben befristete Aufenthaltsgenehmigungen und können jederzeit abgeschoben werden. Nur wenige sind anerkannte Asylsuchende. Ihr ungewisser bis illegaler rechtlicher Status und eine damit verbundene Nichteingliederung in den regulären Arbeitsmarkt macht es den Betroffenen unmöglich, sich in die Mehrheitsbevölkerung zu integrieren.

Hinzu kommt, dass Rassismus und Ausländerfeindlichkeit seit den 90er Jahren zunehmen und sich insbesondere auf Roma und Sinti auswirken. Die Ressentiments gegenüber den neu zugewanderten Roma übertragen sich auch auf die bereits etablierten Volksgruppenangehörigen, was interne Spannungen und geringere Solidarität zur Folge haben kann. Darüber hinaus werden so genannte autochthone ("alteingesessene") und allochthone ("hinzugewanderte") Roma und Sinti aufgrund ihres unterschiedlichen rechtlichen Status politisch gegeneinander ausgespielt. In Österreich sind etwa autochthone Roma, die seit einem Jahrhundert in Österreich ansässig sind, als Minderheit anerkannt, allochthone Roma hingegen nicht, unabhängig davon, ob sie die Staatsbürgerschaft besitzen oder nicht. Sie kommen daher nicht in den Genuss der Volksgruppenrechte und -förderungen.

Gemeinsam ist allen westeuropäischen Roma und Sinti, dass sie einem enormen Assimilationsdruck ausgesetzt sind, der umso stärker greift, je aussichtsloser die ökonomische Lage der Betroffenen ist. So steht etwa der hohe Stellenwert von Familie und Sippe bei Roma und Sinti im krassen Gegensatz zur zunehmenden Auflösung der Kernfamilie in den westlichen Industriestaaten. Die Auswege aus dem Dilemma zwischen Individualisierung, Neoliberalismus und "Wegwerfgesellschaft" auf der einen Seite und einer traditionellen Lebensweise, die beruflich vielfach auf Reparaturhandwerk setzt und messbarem Leistungsdruck skeptisch gegenübersteht, sind begrenzt.

Gesamteuropäische Minderheitenrechte und Antidiskriminierungsgesetze, die seit Jahren von Roma- und Sinti-Vertretern gefordert werden, wären die Grundvoraussetzung, um der sozialen Ausgrenzung und erzwungenen Assimilation entgegenzutreten.

1 In Ungarn wurde beispielsweise 2002 ein Beirat für Roma-Angelegenheiten gegründet, eine Beratungs- und Konsultationskörperschaft, die vom Ministerpräsidenten geleitet wird. Roma relevante Themen können nun ernsthaft auf höchster politischer Ebene debattiert werden. Ein Spezifikum der ungarischen Minderheitenpolitik ist das System kommunaler Selbstverwaltungen, die ihrerseits nationale Gremien bilden. Die rund 1.000 kommunalen Roma-Selbstverwaltungen erhalten eine staatliche Förderung von jeweils 2.700 €. Die Gemeinden sind zudem verpflichtet, den Roma-Organisationen eine räumliche Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, wobei jedoch die Gemeinden oft darauf verweisen, dass sie lediglich im "Rahmen ihrer Möglichkeiten" handeln können.
2 In Bulgarien gibt es derzeit 380 Roma-Vereine und -Parteien.

Literatur

Fonseca, Isabell (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München.
Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Gesellschaft für bedrohte Völker. http://www.gfbv.de/voelker/europa/roma.htm.
Liégeois, Jean-Pierre (1999) Die schulische Betreuung ethnischer Minderheiten. Das Beispiel der Sinti und Roma, Berlin.
Ost-West-Gegeninformationen: Roma in Ost- und Südosteuropa (1999/3). Graz.
Project On Ethnic Relations (ed.) (1997) The Roma in the twenty-first century: A policy paper. Princeton.
Project On Ethnic Relations (ed.) (2001) Leadership, representation and the status of the roma. Princeton.
Remmel, Franz (1993) Die Roma Rumäniens. Volk ohne Hinterland, Wien.
Roma Rights: Journal of the European Roma Rights Center. http://www.errc.org.
Romnews. http://www.romnews.com.
The Patrin Web Journal. http://www.geocities.com/Paris/5121/patrin.htm.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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Image Roma-Population
Eisenbahnbrücke am Stadtrand von Belgrad, die vielen Roma als Unterschlupf dient (Serbien-Montenegro), 2003
Großer Second-hand-Markt am Stadtrand von Belgrad, an dem vor allem Roma verschiedene Waren verkaufen (Serbien-Montenegro), 2003