Emanzipation und Institutionalisierung

Die Anfänge

Erste Roma-Organisationen entstanden bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Diese unterschieden sich jedoch sowohl hinsichtlich ihrer Ziele als auch ihrer Ausrichtung deutlich voneinander. Das Spektrum reichte von karitativ-religiösen Vereinigungen und kulturell-folkloristisch ausgerichteten Zusammenschlüssen bis hin zu wissenschaftlich-editorischen Zentren.

Auf politischer Ebene scheint ein 1879 in Kisfalu durchgeführter nationaler Kongress der ungarischen Roma nennenswert. 1919 wurde in Bulgarien die Organisation Istiqbal (Zukunft) gegründet. Lazar Naftanaila war Ende der 1920er Jahre der Erste, der die rumänischen Roma zu organisieren versuchte. Seine Gesellschaft der Neubäuerlichen Bruderschaft wies deutliche Züge der traditionellen sächsischen Nachbarschaften auf. Überregionale Bedeutung erhielt die Allgemeine Vereinigung der Zigeuner aus Rumänien und die 1933 als Gegenstück dazu geschaffene Generalunion der Roma in Rumänien.

Von Polen und Rumänien ausgehend gab es noch in den 1930er Jahren erste Versuche, Interessensvertretungen eines Landes bzw. mehrerer Länder zusammenzuschließen und nationale oder internationale Dachverbände zu bilden. Derartige Bestrebungen scheiterten jedoch fast durchwegs an internen Rivalitäten und unvereinbaren Führungsansprüchen. Ein 1933 in Bukarest durchgeführter Kongress etwa führte lediglich zum Zerfall der Union, an deren Stelle jedoch schon 1934 der Generalverband der Roma in Rumänien unter Gheorghe Nicolescu trat.

Nach 1945

Nach 1945, als sich viele Regierungen für die Verbrechen der nationalsozialistischen Herrschaft nicht verantwortlich und für deren Folgen nicht zuständig fühlten, verfügten die Roma über keinerlei Lobby. Partei für die neuerlich ausgegrenzten Roma ergriffen damals allenfalls einzelne Nicht-Roma-Organisationen. Deren Bemühungen um Gleichberechtigung blieben jedoch durchschlagende Erfolge versagt, nicht zuletzt deshalb, weil sie nicht für sich in Anspruch nehmen konnten, eine offizielle Vertretung der Roma zu sein.

Vorenthaltene Grundrechte – in der BRD vor allem die Übergehung der Roma im Rahmen der sogenannten "Wiedergutmachung" – und die anhaltende Diskriminierung führten zu neuen Zusammenschlüssen. Eine der ersten Nachkriegsorganisationen war die in Bulgarien gegründete Roma-Organisation gegen Faschismus und Rassismus (1945). In den folgenden Jahren entstanden in ganz Europa weitere sowohl auf regionaler als auch auf nationaler Ebene agierende Vereinigungen mit unterschiedlichen politischen, kulturellen oder sozialen Zielen.

In der BRD wurden ab den 50er Jahren verschiedene Sinti-Vereine gegründet. Deren Hauptanliegen war es zunächst, den Überlebenden der NS-Verfolgung zu einer Entschädigung zu verhelfen und die Strafverfolgung ihrer ehemaligen Peiniger voranzutreiben. Später weiteten sie ihre Ziele aus und setzten sich zunehmend für die Bürgerrechte bzw. die soziale Gleichstellung der Roma ein.

Einen Meilenstein in der Geschichte der Emanzipationsbestrebungen stellte zweifellos die 1956 durch Oskar und Vinzenz Rose vorgenommene Gründung des Verbands rassisch Verfolgter nicht jüdischen Glaubens dar. Aus ihm ging 1972 der Verband deutscher Sinti hervor. Dessen zahlreiche Orts- bzw. Landesverbände schlossen sich 1982 zum Zentralrat deutscher Sinti und Roma zusammen, der sich zu einer der einflussreichsten europäischen Interessensvertretungen entwickeln sollte.

Die ungeklärte Staatsangehörigkeit und der unsichere Aufenthaltsstatus zugewanderter Roma führten 1968 zur Gründung der Internationalen Zigeunerrechtskommission in Hamburg. Die geplante Schaffung einer einheitlichen deutschen Interessensvertretung scheiterte 1969 an unvereinbaren Führungsansprüchen der Roma-Delegierten und Auffassungsunterschieden bezüglich der Kompetenzen eines überregionalen und "überstammesmäßigen" Gremiums.

Literatur

Berliner Institut für Vergleichende Sozialforschung e. V. (ed.) (2000) Die Roma. Eine transnationale europäische Bevölkerung, Berlin.
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Gilsenbach, Reimer (1998) Weltchronik der Zigeuner. 2000 Ereignisse aus der Geschichte der Roma und Sinti, der Gypsies und Gitanos und aller anderen Minderheiten, die "Zigeuner" genannt werden. Teil 4: von 1930 bis 1960 (= Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 24), Frankfurt.
Kaiser, Hedwig (1993) Das Leben der Roma und Sinti im deutschsprachigen Raum von der Zeit der Zuwanderung bis in die Gegenwart, unter besonderer Berücksichtigung administrativer und legislativer Maßnahmen. Politische Entwicklung von der nationalen zur internationalen Dimension, Wien.
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (ed.) (1998) Bausteine. Zwischen Romantisierung und Rassismus. Sinti und Roma - 600 Jahre in Deutschland. Handreichung zur Geschichte, Kultur und Gegenwart der deutschen Sinti und Roma, Stuttgart.
Reemtsma, Katrin (1996) Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München.
Remmel, Franz (1993) Die Roma Rumäniens. Volk ohne Hinterland, Wien.
The Patrin Web Journal Timeline of Romani History. http://geocities.com/Paris/5121/timeline.htm.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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