Roma-Enzyklopädie und standardisierte Schriftsprache

Durch den politischen Umschwung konnte der vierte Internationalen Romani Kongress in Warschau abgehalten werden. Von den anwesenden 250 Abgeordneten waren bereits 75% aus den ehemaligen Ostblockstaaten, was als Indiz für den Prozess fortschreitender Organisierung, aber auch für die gravierende soziale, wirtschaftliche und rechtliche Situation der Roma in diesen Ländern galt.

Die Bandbreite der auf diesem Kongress diskutierten Themen war vielfältig wie nie zuvor (Bildung, Medien, Reparationen usw.). Bemerkenswerter als die ungeheure Themenvielfalt schien aber die geplante Durchführung zweier groß angelegter Projekte, welche der traditionell stark kulturell und sprachlich ausgerichteten Politik der Internationalen Romani Union eine neue Qualität gaben. Das erste dieser Vorhaben stellte die Erarbeitung einer Roma-Enzyklopädie dar. Diese Enzyklopädie wurde im Gegensatz zu bereits vorliegenden wissenschaftlichen Arbeiten als ein Werk für und nicht über die Roma konzipiert. Mit ihr erfasste der Emanzipationsprozess nunmehr auch die bis heute sehr einseitige, von der Sicht der Nicht-Roma dominierte Geschichtsschreibung.

Ein schwieriges und wahrscheinlich sehr langfristiges Unternehmen stellt die Entwicklung einer standardisierten Schriftsprache dar. Das Verlangen nach einer standardisierten Form des Romani ist Teil des Versuches, die durch die verschiedene Geschichte und den Kontakt mit verschiedenen Mehrheitsgesellschaften entstandenen Unterschiede zwischen den Roma-Gruppen zu überwinden und eine alle verbindende ethnische Identität zu schaffen.

Die gemeinsame Sprache dient führenden Vertretern der "Romani-Bewegung" neben den gemeinsamen Wurzeln, der gemeinsamen Kultur und der Erfahrung des NS-Völkermordes als Begründung für den beanspruchten Nationen-Status, von dem wiederum besondere rechtliche Forderungen abgeleitet werden. Während ein rechtlicher Sonderstatus auf europäischer Ebene, der jedoch auch innerhalb der Roma sehr umstritten ist, noch nicht erlangt werden konnte, wurde Romani bereits 1992 als "nicht-territoriale" Sprache vom Europarat anerkannt.

Literatur

Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Kaiser, Hedwig (1993) Das Leben der Roma und Sinti im deutschsprachigen Raum von der Zeit der Zuwanderung bis in die Gegenwart, unter besonderer Berücksichtigung administrativer und legislativer Maßnahmen. Politische Entwicklung von der nationalen zur internationalen Dimension, Wien.
Mirga, Andrzej / Gheorge, Nicolae (1998) Anerkennung als Nation oder Minderheitenrechte?. In: Pogrom 199, pp. 23.
Project On Ethnic Relations (ed.) (1997) The Roma in the twenty-first century: A policy paper. Princeton.
Project On Ethnic Relations (ed.) (2001) Leadership, representation and the status of the roma. Princeton.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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