Emanzipationsbestrebungen auf internationaler Ebene

Wie in Deutschland gab es auch in Frankreich Kräfte, die sich bemühten, alle im Land lebenden Roma-Gruppen in einer einheitlichen Vertretung zu sammeln. Frankreich bildete zudem den Ausgangspunkt von Bestrebungen, den in Gang gekommenen Prozess der Selbstorganisation auf eine internationale Ebene zu stellen.

1959 gründete Ionel Rotaru in Paris das Roma-Weltkomitee (CMG), in dem französische Roma, Manouche und Calé gleichermaßen vertreten waren.

1962 wurde die Nationale Roma-Vereinigung geschaffen. Aus dem CMG, das 1965 von der französischen Regierung aufgelöst wurde, ging das Comité International Tsigane (CIT) unter der Führung von Vanko Rouda hervor, das nationale, religiöse und aus verschiedener Gruppenzugehörigkeit resultierende Grenzen zwischen den Roma zu überwinden versuchte. Das CIT errichtete Büros in anderen Ländern, knüpfte Kontakte zu ausländischen Organisationen und arbeitete eng mit der 1952 von Clement Le Cossec gegründeten Romani Evangelical Church zusammen.

Erklärtes Ziel des Komitees war es, den weltweit erzwungenen Assimilationsprozess zu stoppen sowie die rechtliche und soziale Situation der Roma zu verbessern. Dabei bediente man sich moderner Methoden: Öffentlichkeitsarbeit, Medienkampagnen, Demonstrationen und Lobbying sollten Regierungen und Gesellschaft zu einem Umdenken bewegen und den Roma zu mehr Gleichberechtigung verhelfen.

Erwachen der "Romani-Bewegung"

Das Erwachen der so genannten "Romani-Bewegung" leitete einen radikalen Wandel im Verhalten der Roma-Sozietät gegenüber politischen und sozialen Realitäten ein: Seit jeher war das Schicksal der Roma von "außen", von der jeweiligen Staatsmacht und der Mehrheitsgesellschaft, bestimmt worden. Die Roma selbst hatten sich diesem Schicksal gegenüber weitgehend passiv verhalten. Ihr Handlungsmuster entsprach Jahrhunderte hindurch dem einer "Exit-Gesellschaft", d.h. es war geprägt von Konfliktvermeidung und Flucht vor ungünstigen Bedingungen.

Bis zum Anfang der 1970er Jahre hatte sich eine eigene, wenn auch noch kleine Roma-Elite gebildet, welche die Anliegen der Roma erstmals öffentlich formulierte und Widerstand gegen den ihnen zugewiesenen gesellschaftlichen und politischen Status leistete. Hatte die Mehrheitsbevölkerung bis dahin nur mit Problemen von Roma zu tun gehabt und diese ohne Mitspracherecht der Betroffenen – meist zu deren Nachteil - zu lösen versucht, so wurde sie nun mit Forderungen von Roma konfrontiert.

Das Streben nach Gleichberechtigung und gesellschaftlicher Akzeptanz beruhte nicht zuletzt auf einem Wandel im Umgang der Roma mit ihrer eigenen Identität. An die Stelle von Anpassung an die jeweilige Mehrheitskultur oder Selbstverleugnung setzten sie ein klares Bekenntnis zu ihren kulturellen Eigentümlichkeiten. Integration sollte nicht länger auf der Preisgabe kultureller Identität beruhen. Die Roma forderten, von der Gesellschaft als Roma anerkannt und geachtet zu werden. Mit den politischen Forderungen einher ging der Versuch, die Geschichte und Kultur der Roma von innen her zu beschreiben und sie für die Nicht-Roma zugänglich zu machen.

Der erste Internationale Romani-Kongress (1971)

Den Durchbruch dieser neuen politischen Bewegung stellte die Gründung des Internationalen Romani-Kongresses (RIC) im Jahr 1971 dar. Seine erste Konferenz in London, an der Delegierte aus 14 Staaten teilnahmen, stand im Zeichen des Strebens nach "internationaler Einheit", des Kampfes gegen gesellschaftliche Marginalisierung und des gemeinsamen Ringens um eine positive Zukunft.

Ausgehend von der Existenz einer so genannten "Romani-Nation", erklärte man das Lied "Gelem, Gelem" zur offiziellen Hymne und entwarf eine gemeinsame Flagge. Das Motto "Opre Roma!" wurde zum Wahlspruch der sich formierenden Romani-Bewegung und ihres Kampfes um gesellschaftliche Gleichberechtigung. Mit der Wahl des Terminus "Rom" als offizielle Selbstbezeichnung sollten alte Vorurteile überwunden und ein neues Selbstbewusstsein errungen werden. Nach der Wahl Slobodan Beberskis zum Präsidenten, Dr. Jan Cibulas zum Vizepräsidenten und Grattan Puxons zum Generalsekretär des Kongresses wurden fünf Kommissionen eingesetzt, die sich mit den Kriegsverbrechen, der sozialen Situation, der Bildungssituation sowie mit der Sprache und Kultur der Roma befassen sollten.

Zunehmende Selbstorganisation – Gründung der Internationalen Romani Union (1978)

Der Londoner Kongress bündelte und verstärkte weltweite Emanzipationsbestrebungen, die in der Bildung weiterer politisch tätiger Roma-Organisationen in und außerhalb Europas Ausdruck fanden. So waren am zweiten "Romani-Kongress", der im April 1978 in Genf stattfand, bereits 50 Roma-Organisationen aus allen Teilen Europas, den USA, aus Indien und Pakistan vertreten.

Ein für die Zukunft wesentlicher Schritt war die Gründung der Internationalen Romani Union (RIU) als Dachverband regionaler und nationaler Interessensvertretungen. Mit der Einrichtung dieses Organs gelang es in den folgenden Jahren bzw. Jahrzehnten, Regierungen stärker mit den Angelegenheiten der Roma zu befassen und die Lobbyarbeit für die Roma mit bzw. innerhalb der internationalen Gemeinschaft voranzutreiben. 1979 wurde die RIU als nicht-staatliche Organisation in den Wirtschafts- und Sozialrat der UNO aufgenommen.

Die internationale Anerkennung der Romani-Bewegung erhielt durch die Unterstützung Indiens wichtige Impulse. Indische Politiker bemühten sich um die Herstellung bzw. Festigung der kulturellen Kontakte zwischen den Roma und ihrem Ursprungsland. Anlässlich eines 1975 in Chandigarh abgehaltenen internationalen Roma-Festivals empfing Indiens Premierministerin Indira Ghandi eine Roma-Delegation und sicherte den Roma Indiens Unterstützung vor den Vereinten Nationen zu.

Anerkennung des Völkermordes - Institutionalisierung der Roma-Politik

Der dritte Weltkongress der Roma tagte 1981 in Göttingen. Angesichts anhaltender Menschenrechtsverletzungen forderten 300 Delegierte aus 22 Ländern die Anwendung der Akte von Helsinki auf das Volk der Roma und Sinti.

Einen anderen Schwerpunkt der unter der Schirmherrschaft der Gesellschaft für bedrohte Völker stehenden Beratungen bildete das Schicksal der Roma während der NS-Zeit. Die deutsche Bundesregierung wurde aufgerufen, den Völkermord an den Roma anzuerkennen und eine angemessene Lösung der Wiedergutmachungsfrage zu finden.

Die geforderte offizielle Bestätigung des Völkermordes – eines der Hauptziele der Menschen- und Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti – konnte anlässlich des Empfangs von Vertretern des Zentralrates deutscher Sinti und Roma bei Bundeskanzler Schmidt (und später auch bei Oppositionsführer Kohl) 1982 erreicht werden. Darüber hinaus wurden auch die Grundlagen für die Wiedergutmachung und für die Finanzierung der Sinti- und Roma-Vertretungen gelegt.

Neben diesem Erfolg, der sich positiv auf das Selbstbewusstsein der gesamten Bewegung auswirkte, wurden in der Periode zwischen dem dritten und den vierten Kongress in mehreren Ländern weitere Fortschritte hinsichtlich einer Verbesserung der sozialen Situation der Roma und der Wahrung ihrer nationalen Rechte bzw. ihrer Minderheitenrechte erzielt. Durch zahlreiche Treffen mit Vertretern verschiedener Körperschaften der UNO, der UNESCO, des Europarates und der EU konnten Anliegen der Roma vor internationale Gremien gebracht und Rahmenbedingungen geschaffen werden, die für die gedeihliche Arbeit von Roma-Vereinen und -Organisationen nötig waren. 1986 wurde die Internationale Romani Union Mitglied der UNICEF.

Emanzipation der Roma in Osteuropa

Seit dem ersten Kongress 1971 gingen Emanzipationsbestrebungen der Roma vor allem von Westeuropa aus. Die geringen Fortschritte im Osten hatten ihre Ursache in den Restriktionen der kommunistischen Systeme, die den Roma die Selbstvertretung ihrer Interessen untersagten und Bürgerrechtsbewegungen unterdrückten. So musste etwa die tschechische Roma-Union 1973 ihre Arbeit einstellen. Jugoslawische Roma hatten im Rahmen der internationalen Bewegung lediglich zu Beginn eine wichtige Rolle gespielt. Danach verhinderte auch die jugoslawische Staatsmacht die politische Emanzipation der Roma und genehmigte nur mehr folkloristische Aktivitäten.

Mit der politischen Wende in den sozialistischen Ländern verlagerte sich der Akzent internationaler Roma-Politik Ende der 80er Jahre jedoch schlagartig nach Osten. In allen osteuropäischen Ländern, in denen Roma starke Minderheiten stellen, wurden innerhalb kurzer Zeit regionale und überregionale Vereinigungen gegründet. Die Anfänge dieses gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Erneuerungsprozesses erwiesen sich jedoch als schwierig, da die kulturelle und soziale Heterogenität der Roma, die Kluft zwischen demokratischen Prinzipien und traditionellen Autoritäten, parteipolitische Sympathien und persönliche Ambitionen zu heftigen Spannungen führten. Zudem gab es teilweise erhebliche politische Widerstände gegen die (Selbst-)Organisation der Roma.

Trotz der Differenzen zwischen einzelnen Verbänden gelang es, Allianzen zu schließen und zumindest teilweise ein gemeinsames Vorgehen zu erreichen. Die Überwindung interner Konflikte schien schon deshalb geboten, weil sich die Forderungen der einzelnen Organisationen in den ost- bzw. südosteuropäischen Ländern – Anerkennung der Roma als Ethnie und als nationale Minderheit, Förderung selbst verwalteter Kulturzentren, mediale Versorgung und entsprechende Vertretung in politischen Gremien – kaum voneinander unterschieden.

Neue internationale Impulse

Neben ihrer Tätigkeit auf nationaler Ebene knüpften bzw. verstärkten die ost- und südosteuropäischen Roma Kontakte zum Westen. Roma-Vertreter aus den ehemaligen Staaten des Ostblocks wurden in internationale Gremien aufgenommen und schalteten sich in die politische Arbeit der Internationalen Romani Union ein. Einzelne Roma aus Ost- bzw. Südosteuropa brachten die Anliegen der osteuropäischen Roma in die internationalen Körperschaften ein und erreichten ihre Behandlung im Rahmen der KSZE.

Darüber hinaus wurde auf Initiative der Rom und Cinti Union/Hamburg zunächst EUROM und kurz danach der Roma National Congress (RNC), ein zweiter internationaler Dachverband von Roma-Organisationen, gegründet. Dieser setzte sich die Anerkennung der Roma als europäische Minderheit und die Verabschiedung einer "Roma-Charta" durch die internationalen Organisationen, also die explizite Festschreibung der Rechte von Roma, zum Ziel.

Politische Partizipation

Der Zusammenbruch der kommunistischen Regime erlaubte den Roma jedoch nicht nur, in ihren Ländern Lobbyarbeit zu betreiben und diese auf internationaler Ebene fortzusetzen, sondern er bot ihnen zudem auch die Möglichkeit der Partizipation an den nationalen Politiken: Roma ließen sich als Kandidaten sympathisierender Listen aufstellen oder gründeten eigene Parteien, welche wiederum Bündnisse mit größeren Parteien ähnlicher ideologischer Ausrichtung schlossen. So gelang es Kandidaten der Roma in Rumänien, in der Tschechischen Republik, in der Slowakischen Republik und in Ungarn, ins Parlament einzuziehen.

Literatur

Berliner Institut für Vergleichende Sozialforschung e. V. (ed.) (2000) Die Roma. Eine transnationale europäische Bevölkerung, Berlin.
Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Gilsenbach, Reimer (1998) Weltchronik der Zigeuner. 2000 Ereignisse aus der Geschichte der Roma und Sinti, der Gypsies und Gitanos und aller anderen Minderheiten, die "Zigeuner" genannt werden. Teil 4: von 1930 bis 1960 (= Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 24), Frankfurt.
Kaiser, Hedwig (1993) Das Leben der Roma und Sinti im deutschsprachigen Raum von der Zeit der Zuwanderung bis in die Gegenwart, unter besonderer Berücksichtigung administrativer und legislativer Maßnahmen. Politische Entwicklung von der nationalen zur internationalen Dimension, Wien.
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (ed.) (1998) Bausteine. Zwischen Romantisierung und Rassismus. Sinti und Roma - 600 Jahre in Deutschland. Handreichung zur Geschichte, Kultur und Gegenwart der deutschen Sinti und Roma, Stuttgart.
Mirga, Andrzej / Gheorge, Nicolae (1998) Anerkennung als Nation oder Minderheitenrechte?. In: Pogrom 199, pp. 23.
Mirga, Andrzej / Gheorge, Nicolae (1998) Wer bei den Romani die Fäden zieht. In: Pogrom 199, pp. 20-22.
Project On Ethnic Relations (ed.) (1997) The Roma in the twenty-first century: A policy paper. Princeton.
Project On Ethnic Relations (ed.) (2001) Leadership, representation and the status of the roma. Princeton.
Reemtsma, Katrin (1996) Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München.
Remmel, Franz (1993) Die Roma Rumäniens. Volk ohne Hinterland, Wien.
The Patrin Web Journal Timeline of Romani History. http://geocities.com/Paris/5121/timeline.htm.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Image Druckversion
Image Aus der Einladung zum 2. Weltkongress der Roma (1978)
Image Presseerklärung von Dr. Jan Cibula (1978)
Image Romani Rose über den Emanzipationsprozess und die Notwendigkeit kultureller Öffnung (1980)
Image Gelem, Gelem
Image Gelem, Gelem
Zweiter Welt-Kongress der Roma (Genf), 1978
Die erste Internationale Konferenz nach der Aufnahme der Romani-Union in die Uno (Paris), 1979
Roma-Fahne