Erste Deportationen und Internierung in Sammellager

Der "Anschluss" bewirkte eine zunehmende Radikalisierung der Politik gegenüber Roma und Sinti im gesamten "Großdeutschen Reich". Nachdem Roma und Sinti ihre traditionellen Verdienstmöglichkeiten genommen wurden, waren sie vielfach auf die Fürsorge der lokalen Behörden angewiesen, die dadurch finanziell unter Druck gerieten. Dieser von den Nationalsozialisten selbst herbeigeführte "Sachzwang" diente als Vorwand, Verfolgungsmaßnahmen gegen Roma und Sinti einzuleiten.

Im Rahmen der Aktion "Arbeitsscheu Reich", die sich gegen Bettler, Prostituierte, Landfahrer und Roma und Sinti richtete, kam es zu ersten Verhaftungen. Auf Befehl des Reichskriminalpolizeiamtes wurden im Juni 1938 ca. 230 Burgenland-Roma zusammen mit über 700 deutschen Roma und Sinti in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen und Lichtenburg deportiert. Ein Jahr später wurden 3.000 deutsche und österreichische Roma und Sinti in die KZs Dachau, Mauthausen, Ravensbrück und Buchenwald verschleppt. Bei der Erfassung der Roma und Sinti konnten die NS-Behörden und die Polizei auf die polizeilichen Erhebungen der Zwischenkriegszeit zurückgreifen.

Aufgrund des von Himmler und Heydrich beschlossenen "Festsetzungserlasses" (1939) war es Roma und Sinti nunmehr verboten, ihre Wohnorte zu verlassen. Die Nichtbefolgung dieser Verordnung zog die sofortige Einweisung in ein KZ nach sich. Auf Befehl Himmlers kam es 1939 ( "Schnellbrief") zu einer großen Internierungswelle in Sammellager. Das eigentliche Ziel dieses Erlasses bestand darin, alle im Deutschen Reich befindlichen Roma und Sinti – man ging von ca. 30.000 aus – zunächst in Lagern zu konzentrieren und so schnell wie möglich ins Generalgouvernement nach Polen zu deportieren. Eine rasche Umsetzung des "Festsetzungserlasses" kam nicht zustande, was eine Umfunktionierung der provisorischen "Sammellager" in konzentrationslagerähnliche "Arbeitslager" zur Folge hatte.

Von den Dutzenden in Deutschland, dem angeschlossenen Österreich ("Ostmark") und in den deutsch-okkupierten Gebieten Ost- und Südosteuropas errichteten "Arbeitslagern" seien exemplarisch vier angeführt:

Lackenbach

Das 1940 in Lackenbach (Burgenland) errichtete "Zigeuner-Anhalte- und Arbeitslager" war mit insgesamt über 4.000 registrierten Häftlingen das größte seiner Art auf ehemals österreichischem Gebiet. Die höchste Belegstärke erreichte das Lager Anfang November 1941 mit 2.335 Personen. Es unterstand der Kriminalpolizeileitstelle in Wien. Eingewiesen wurden neben Sinti aus Wien, der Steiermark und Deutschland vor allem Burgenland-Roma, deren Häuser sofort nach der Festnahme zerstört, geplündert und samt den Grundmauern abgerissen wurden.

Die Roma und Sinti wurden in den ehemaligen Stallungen des Areals untergebracht; erst eine Fleckfieberepidemie zwang die Lagerleitung, Baracken zu errichten. Vom Februar 1942 bis Spätsommer 1942 leitete "SS-Obersturmbannführer" Franz Langmüller das Lager und errichtete ein Terrorregime. Bei Verstößen gegen Sprech- und Rauchverbote, gegen die Lagerordnung oder bei Fluchtversuchen wurden die Roma und Sinti mit Einzelhaft, Essensentzug, Prügelstrafe oder schwerer Zwangsarbeit bestraft. 1948 wurde Langmüller vor dem Wiener Volksgericht angeklagt, den Tod von 237 Roma verschuldet zu haben. Er wurde wegen Quälens und Misshandlung von Lagerinsassen jedoch nur zu einem Jahr Gefängnis ohne Vermögensentzug verurteilt.

Den "Zigeunerlagern" oblag die Aufgabe der Inhaftierung und Verpflichtung zur Zwangsarbeit. Die weiteren Verfolgungsschritte wie medizinische Versuche, Sterilisierungen und Vernichtung waren anderen Stätten vorbehalten. Ca. jeder zehnte in Lackenbach Internierte starb an den unmenschlichen Lagerbedingungen. Hauptursachen waren Seuchen, die fehlende medizinische Versorgung sowie die Misshandlungen und Zwangsarbeit. Zudem standen die Lagerinsassen unter einer enormen psychischen Belastung. Die Einweisung in ein "Konzentrationslager" wurde als Repressalie eingesetzt und war schlussendlich nur von der Willkür der Aufseher und vom Zufall abhängig. Man wurde entweder für die alleinige Existenz oder für ein Verbrechen bestraft, das man noch nicht begangen hatte, aber angeblich noch begehen würde ("vorbeugende Verbrechensbekämpfung").

Maxglan (Leopoldskron)

Auf Befehl des Salzburger "SS-Sturmbannführers" und Kriminalrats Anton Böhmer wurden 1940 ein Großteil der in Salzburg lebenden Roma und Sinti - ca. 270 - festgenommen. Als Zwangsarbeiter mussten sie das für sie später vorgesehene "Sammellager" Maxglan errichten. Im Unterschied zu Lackenbach blieb die Anzahl der Internierten relativ konstant (ca. 300-400), die Lagerbedingungen unterschieden sich jedoch nur marginal. In bewachten Arbeitskolonnen wurden die "arbeitsfähigen Männer" zum Autobahnbau und zur Flussregulierung herangezogen; körperliche Züchtigungen waren als Strafe vorgesehen. Traurige Berühmtheit erlangte das Lager Maxglan durch den Film "Tiefland" der nationalsozialistischen Regisseurin Leni Riefenstahl. Ca. 40-60 Roma und Sinti aus dem Lager Maxglan wurden als Komparsen zwangsverpflichtet. 1943 wurde das Lager Maxglan aufgelöst. Einige wenige wurden nach Lackenbach überstellt, der überwiegende Teil wurde nach Auschwitz-Birkenau deportiert und vergast.

Weyer/St. Pantaleon

Im Januar 1941 wurde im oberösterreichischen Weyer/St. Pantaleon das bis zu diesem Zeitpunkt bestehende "Arbeitserziehungslager" durch ein "Zigeuneranhaltelager" ersetzt. Die Lagerleitung bestand aus Gendarmen, Polizisten und einen SA-Mann, der als Verpflegungsverwalter eingesetzt war. Aus den erhalten gebliebenen Sterbeakten lässt sich rekonstruieren, dass den Internierten ärztliche Hilfe verweigert wurde. Viele Roma und Sinti starben an den unmenschlichen Lagerbedingungen, den Krankheiten und der systematisch angewandten Folter. Die 300 Überlebenden wurden Ende 1941 in Viehwaggons geladen und nach Lackenbach überstellt. Kurz vor Kriegsende wurden fast alle Akten vorsätzlich vernichtet; keiner der im "Zigeuneranhaltelager" tätigen Aufseher wurde verurteilt.

Lety

Auf Initiative der tschechischen Protektoratsbehörden wurde 1940, nahe der südböhmischen Stadt Lety, ein "Zigeunerlager" errichtet. Es handelte sich um das erste Lager auf ehemals tschechischem Territorium, weitere wie Hodonín (nördlich von Brno/Brünn) sollten folgen. Lety war zunächst – im Sinne der "präventiven Verbrechensbekämpfung" – als "Umerziehungslager" für vermeintlich "arbeitsscheue" und "asoziale" Roma und Sinti konzipiert. Tatsächlich handelte es sich um ein konzentrationslagerähnliches "Arbeitslager", in dem Roma und Sinti nicht wegen ihrer vermeintlich fehlenden Arbeitsbereitschaft, sondern einzig und allein aufgrund ihrer "Rassenzugehörigkeit" interniert wurden.

Die insgesamt 2.000 Internierten wurden unter anderem von Fürst Karel Schwarzenberg zur Zwangsarbeit verpflichtet. Die Lagerbedingungen waren ebenso entsetzlich, wie sie zuvor am Beispiel der österreichischen Lager beschrieben wurden. 600-700 Personen starben an Unterernährung und den Seuchen; ein Großteil der Überlebenden (ca. 1.000) wurde nach Auflösung des Lagers 1943 nach Auschwitz deportiert. Die in Lety Ermordeten wurden in Massengräbern verscharrt. In den 80er Jahren wurde hier eine Schweinefarm errichtet. Proteste von Roma-Vertretern, die diese ungeheuerliche Pietätlosigkeit anprangerten, blieben ungehört. Erst 1995 kam es, in Gegenwart von Václav Havel, zur Enthüllung eines Gedenksteins.

Literatur

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Gilsenbach, Reimer (1998) Weltchronik der Zigeuner. 2000 Ereignisse aus der Geschichte der Roma und Sinti, der Gypsies und Gitanos und aller anderen Minderheiten, die "Zigeuner" genannt werden. Teil 4: von 1930 bis 1960 (= Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 24), Frankfurt.
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (ed.) (1998) Bausteine. Zwischen Romantisierung und Rassismus. Sinti und Roma - 600 Jahre in Deutschland. Handreichung zur Geschichte, Kultur und Gegenwart der deutschen Sinti und Roma, Stuttgart.
Lewy, Guenter (2001) "Rückkehr nicht erwünscht". Die Verfolgung der Zigeuner im Dritten Reich, Frankfurt.
Mayerhofer, Claudia (1999) Dorfzigeuner. Kultur und Geschichte der Burgenland-Roma von der Ersten Republik bis zur Gegenwart, Wien.
Samer, Helmut (2001) Die Roma von Oberwart. Oberwart.
Steinmetz, Selma (1966) Österreichs Zigeuner im NS-Staat. Wien.
Stojka, Ceija (1988) Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin, Wien.
Stojka, Ceija (1992) Reisende auf dieser Welt. Aus dem Leben einer Rom-Zigeunerin, Wien.
Stojka, Karl (1994) Auf der ganzen Welt zuhause. Das Leben und Wandern des Zigeuners Karl Stojka, Wien.
Stojka, Mongo (2000) Papierene Kinder. Glück, Zerstörung und Neubeginn einer Roma-Familie in Österreich, Wien.
Thurner, Erika (1983) Nationalsozialismus und Zigeuner in Österreich (= Veröffentlichungen zur Zeitgeschichte 2). Wien.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Wippermann, Wolfgang (1997) Wie die Zigeuner. Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich, Berlin.
Zimmermann, Wolfgang (1989) Verfolgt, vertrieben, vernichtet. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik gegen Sinti und Roma, Essen.
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Image Sinti- und Roma-Häftlinge beim Appell im Lager Lackenbach (Burgenland [Österreich])
Image Internierte im Lager Maxglan (Salzburg [Österreich])
Image Erinnerungen von Berta Fröhlich
Image "Meine Kinder hab ich beim Heimkommen nicht mehr gesehen" - Erinnerungen einer Überlebenden aus dem Burgenland
Burgenland-Roma beim Appell im Konzentrationslager Dachau (Deutschland), 1939
Lager Lety (Protektorat Böhmen und Mähren)