"Zigeunerpolitik" in Österreich und Ungarn

Vom 19. Jahrhundert bis 1938

Auch die österreichisch-ungarische Monarchie war ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von einer neuen Einwanderungswelle betroffen. [Cudža Roma] Roma-Gruppen aus dem Osten drangen nach Ungarn ein, darunter die Lovara, die ursprünglich aus der Karpato-Ukraine stammten und als Pferdehändler tätig waren.

Mit dem verstärkten Auftauchen nomadisierender Vlach-Gruppen – vom Blickpunkt der ungarischen Bevölkerung aus handelte es sich regelrecht um eine "Invasion" – häuften sich Beschwerden der Komitate (ungarischen Verwaltungsbezirke) über "kontinuierliche Gesetzesbrüche" und das Fehlen entsprechender gesetzlicher Regelungen, um diesem "öffentlichen Ärgernis" beizukommen.

Gegenstand der Beschwerden war aber auch jene Bestimmung des ungarischen Gemeinderechts, welche die Gemeinden zur Unterbringung und Versorgung der Roma verpflichtete. Angesichts der starken Zuwanderung hatte diese Regelung zu einer immer größeren Belastung der Dörfer geführt.

1907 forderten 28 Komitate eine einheitliche Akte gegen die Roma, doch das Parlament war nicht in der Lage, eine (auch im Interesse der Roma) angemessene politische Lösung zu finden. Stattdessen wurde das Problem auf die administrative Ebene verlagert. Die gefassten Beschlüsse – beispielsweise das Verbot der Bettelei und die Zwangsrückführung an den ursprünglichen Wohnort – dokumentierten die Kontinuität einer repressiven "Zigeunerpolitik".

Das Scheitern der bis 1918 auf eine Zwangsansiedlung der Roma abzielenden ungarischen Politik war aufgrund des Fehlens ökonomischer Ressourcen und entsprechender wirtschaftlicher Strukturen vorprogrammiert. Da die Roma in den Dörfern keine ausreichenden Existenzgrundlagen vorfanden, waren sie schon aus Überlebensgründen zur "Aufrechterhaltung der zigeunerischen Lebensweise" gezwungen. Gleichzeitig stiegen Vorurteile und Kriminalisierungstendenzen bei der sesshaften Bevölkerung, nicht zuletzt aufgrund der Veröffentlichungen über "Ungarns Rechtswesen".

Die Unfähigkeit bzw. der Unwillen von Staat und Gesellschaft, gezielte Anstrengungen in Bezug auf die Roma zu unternehmen, führte vor allem in den westungarischen Komitaten (sie bilden das heutige Burgenland) zu dramatischen Veränderungen: Die österreichische Regierung hatte, um den Zustrom neuer Roma zu unterbinden, ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Zuzugsbestimmungen verschärft und die Abschiebung aller auf österreichischem Gebiet angetroffenen ungarischen Roma verfügt. In Verbindung mit dem von Ungarn 1870 verhängten Ausreiseverbot für Roma kam es in den Grenzkomitaten binnen kürzester Zeit zu einem massiven Anstieg der Roma-Bevölkerung. Da die betroffenen Gemeinden keine anderen Unterkünfte zur Verfügung stellen konnten bzw. wollten, übergaben sie den Roma wertlose Grundstücke, auf denen sich diese niederlassen konnten. So entstanden die berüchtigten "Zigeunerkolonien" an den Rändern der Dörfer.

Die große Zahl der Roma und die wirtschaftliche Rückständigkeit dieser Region verhinderten eine Integration. Angesichts der auch für die bäuerliche Bevölkerung schwierigen wirtschaftlichen Situation nahmen die Konflikte zwischen Roma und Gadže schon damals ihren Ausgang.

Während des Ersten Weltkrieges dienten viele Roma in der Armee, Frauen und untaugliche Männer wurden zu Arbeiten im Sinne des "Kriegsleistungsgesetzes" verpflichtet. 1916 wurden allen wandernden Roma Zugtiere und Wagen abgenommen und dem Militär übergeben. Pferde, Maultiere und Esel durften nur noch mit polizeilicher Genehmigung gekauft werden. Mit der Angliederung des Burgenlandes kamen 1921 einige tausend Roma zur neu entstandenen Republik Österreich. Da diese nun nicht mehr abgeschoben werden konnten, griff man zu massiven Reglementierungen. Schon 1922 verfügte die burgenländische Landesregierung, alle Roma in ihren Heimatgemeinden festzuhalten und sie am Umherwandern zu hindern. Um Neuzuwanderungen zu verhindern, wurden Personenzählungen durchgeführt und die "Zigeunerbehausungen" registriert.

1926 wurden alle im Burgenland wohnhaften über 14 Jahre alten Roma daktyloskopiert, später auch fotografiert. Ab 1928 führte das Bundespolizeikommissariat Eisenstadt eine sog. "Zigeunerkartothek", in der rund 8.000 Roma namentlich und mit Fingerabdrücken erfasst waren.

Durch die einsetzende Wirtschaftkrise gerieten viele Roma, die ihren Lebensunterhalt als Hilfskräfte und Wanderhandwerker verdient hatten, in eine existenzbedrohende Situation. Da sie kaum noch Einkommensquellen vorfanden, gingen viele von ihnen betteln und fielen – zum Ärger der Nicht-Roma – immer öfter der Armenfürsorge der Gemeinde zur Last.

Bedingt durch die wirtschaftliche Notlage häuften sich aber auch Diebstähle und kleine Betrügereien. Diese verschärften die Spannungen zwischen ihnen und der bäuerlichen Bevölkerung und ließen ein Klima eskalierender Roma-Feindlichkeit entstehen.

Wesentlichen Anteil an der deutlichen Zunahme der von "Zigeunern" verübten Delikte hatte jedoch – genau wie in Deutschland – der Erlass neuer, restriktiver Bestimmungen. Viele Vorstrafen resultierten aus Vergehen gegen das verschärfte Meldegesetz und anderen Verwaltungsübertretungen. Diese Zusammenhänge wurden im Zuge der voranschreitenden Kriminalisierung der Roma jedoch bewusst nicht berücksichtigt.

Im Gegenteil: Man bediente sich polizeilicher Statistiken, um die "Asozialität" der "Zigeuner" zu dokumentieren. Ihre Siedlungen galten zunehmend als "Kulturschande". Vor allem die burgenländische Presse, die sich einer immer radikaleren Sprache bediente, heizte die Roma-feindliche Stimmung an und forderte unter Verweis auf die "unheimliche Vermehrung" der "Zigeuner" eine rasche Befreiung von dieser "Landplage". Wie dies bewerkstelligt werden sollte, war Gegenstand mehrerer Bürgermeisterkonferenzen. Auf einer dieser "denkwürdigen" Versammlungen, die am 15. Jänner 1933 in Oberwart stattfand, wurde vorgeschlagen, die Roma "auf eine Insel im Stillen Ozean zu verschicken" oder sie "zu kastrieren".

Auch in Österreich wurden also die Grundlagen für die spätere Vernichtung der Roma schon in den Jahren bzw. Jahrzehnten zuvor gelegt. Die Forderung der NSDAP, deren Parole "Das Burgenland zigeunerfrei!" lautete, war keineswegs neu. Im Gegensatz zu anderen Politikern dieser Zeit jedoch war der illegale NS-"Gauleiter" des Burgenlandes, Tobias Portschy, fest entschlossen, sein Programm, das die "Ausmerzung der Zigeuner durch Zwangsarbeit, Deportation und Sterilisation" vorsah, in die Tat umzusetzen und die "Zigeunerfrage" einer "nationalsozialistischen Lösung" zuzuführen.

Ungarn

In Ungarn kann nach dem Zusammenbruch der Monarchie zunächst nur bedingt von einer "Zigeunerpolitik" gesprochen werden, zumal das auf die revolutionäre Interimsregierung folgende Horthy-Regime den Roma kaum Beachtung schenkte. Die wenigen in dieser Zeit erlassenen Rechtsverordnungen bezogen sich vor allem auf eine verschärfte Überwachung der Roma, die mit deren hoher Kriminalitätsrate begründet wurde. Ein Novum stellte die 1928 verfügte "Registrierung der Wanderzigeuner" durch gleichzeitige Razzien in mehreren Komitaten dar.

Die II. Strafrechtsnovelle aus dem Jahr 1928 beinhaltete besondere Maßnahmen gegen so genannte "unverbesserliche Verbrecher", darunter etwa die Einweisung solcher Personen in Arbeitshäuser. Diese Novelle richtete sich eindeutig gegen die Roma, deren Lebensumstände sich zu dieser Zeit jedoch kaum von jenen der anderen Deklassierten unterschieden. Mit einer Verordnung des Innenministeriums, die das Ausüben eines Wandergewerbes fast vollständig verbot, die Arbeiterlaubnis auf den ersten Wohnsitz einschränkte und an die Zustimmung des Gemeinderates band, wurde den Roma 1931 jede Reproduktionsbasis entzogen. Ein Erlass aus dem Jahr 1938, demzufolge jeder Rom als verdächtige Person anzusehen sei, bildete den Auftakt zu deren Verfolgung und Deportation.

Literatur

Baumgartner, Gerhard (1987) Sinti und Roma in Österreich. In: Pogrom 130, pp. 47-50.
Baumgartner, Gerhard (ed.) (1995) 6x Österreich. Zur Geschichte und aktuellen Situation der Volksgruppen, Klagenfurt.
Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Mayerhofer, Claudia (1999) Dorfzigeuner. Kultur und Geschichte der Burgenland-Roma von der Ersten Republik bis zur Gegenwart, Wien.
Reemtsma, Katrin (1996) Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München.
Szabó, György (1991) Die Roma in Ungarn. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte einer Minderheit in Ost- und Mitteleuropa (= Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 5), Frankfurt.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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Image Polizisten kontrollieren die Papiere eines Rom (Burgenland [Österreich]