Folgen der Assimilationspolitik

In Mittel- und Westeuropa waren die Roma seit ihrer Ankunft im 15. Jahrhundert phasenweise geduldet, dann wieder vertrieben oder grausam verfolgt worden. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts hatten zahlreiche aufgeklärte Herrscher schließlich versucht, sie mittels staatlicher Regulative dauerhaft sesshaft zu machen und in den bestehenden Gesellschaftsverband zu integrieren. Trotz harter Zwangsmaßnahmen und strenger Strafen misslangen die meisten dieser Versuche.

Als Folge des Scheiterns fürstlicher Assimilationspolitik wurde vielerorts die Einweisung der Roma in "Arbeitshäuser" angeordnet, in Frankreich etwa durch Napoleon Bonaparte im Jahr 1803. Arbeitsfähige Männer sollten Zwangsarbeit verrichten, Kinder in Waisenhäusern, Frauen, Alte und Kranke in Armenhäusern untergebracht werden.

Dennoch oder gerade deshalb hatten zu Beginn des 19. Jahrhunderts zahlreiche Roma ihre nomadisierende Lebensweise wieder aufgenommen: Sie zogen umher und versuchten, ihren Lebensunterhalt als Korbflechter, Kesselschmiede, Pferdehändler, Hausierer, Abdecker etc. zu bestreiten. Die Ausübung eines Wandergewerbes reichte für die Existenzsicherung jedoch kaum aus, und viele Familien fristeten ein Leben in elenden Verhältnissen.

Um die größte Not zu lindern, griff zunächst die Armenfürsorge ein. Da umherziehende Roma jedoch zunehmend als ordnungspolitisches Problem betrachtet wurden, band man diese Zuwendungen an den Nachweis eines festen Wohnsitzes. Entsprechend dem 1842 in Preußen erlassenen Armengesetz bildete das Vorhandensein eines "Unterstützungswohnsitzes" eine unabdingbare Voraussetzung für den Anspruch auf Wohlfahrt.

Die Nachweispflicht, die vom Gesetzgeber als wirksames Instrument zur Unterbindung des "Umherziehens" gedacht war, hatte jedoch eine steigende Belastung der Gemeinden zur Folge. Denn viele Roma waren nun wirklich bestrebt, sich dauerhaft niederzulassen, andere trachteten zumindest die Existenz fester Wohnsitze vorzuweisen. Die Gemeinden, die zur Versorgung der Hilfsbedürftigen verpflichtet waren, sahen sich so binnen kürzester Zeit mit einer immer größer werdenden Zahl an Anspruchsberechtigten konfrontiert. Um die stetig steigenden Kosten zu senken, versuchten sie – entgegen der Intention der Regierung – die "Zigeuner" vom Ansiedeln abzuhalten.

Noch knapp vor der Jahrhundertwende, als die Ausübung der Wandergewerbe bereits strengen Reglementierungen unterworfen war, stellten einzelne Kommunen rechtswidrig Wandergewerbescheine aus, um die "Zigeuner" zur Weiterreise zu bewegen. "Ausländischen Zigeunern" hingegen wurden Dokumente ausgehändigt, um die bürokratisch aufwendige und sehr kostenintensive Abschiebung in ihre Herkunftsländer zu vermeiden.

Die Aufhebung der Leibeigenschaft in den Fürstentümern Moldau und Walachei (1856) löste eine große Wanderbewegung aus, im Zuge derer Zehntausende Roma ihre Heimat verließen. Die im Fürstentum Moldau lebenden Roma wandten sich ins benachbarte Bessarabien, in die südliche Ukraine und, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, bis nach Russland und Sibirien. Eine große Zahl walachischer "Zigeuner" wanderte in den folgenden Jahren bzw. Jahrzehnten nach Bulgarien, Serbien, ins Banat sowie nach Siebenbürgen. Von Ungarn aus gelangten sie nach Mittel- und Westeuropa und nach Übersee (USA, Mexiko, Südamerika, Südafrika und Australien).

Das Eintreffen neuer Roma-Gruppen aus dem Osten trug vor allem in Österreich-Ungarn und im 1870/71 gegründeten Deutschen Kaiserreich maßgeblich zu einer Änderung der bisherigen "Zigeunerpolitik" bei.

Literatur

Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Mayerhofer, Claudia (1999) Dorfzigeuner. Kultur und Geschichte der Burgenland-Roma von der Ersten Republik bis zur Gegenwart, Wien.
Reemtsma, Katrin (1996) Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München.
Szabó, György (1991) Die Roma in Ungarn. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte einer Minderheit in Ost- und Mitteleuropa (= Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 5), Frankfurt.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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