"Zigeunerpolitik" in Deutschland

Vom 19. Jahrhundert bis zur Gründung des Dritten Reiches (1933)

Im Deutschen Reich wurde die Staatsangehörigkeit der Roma nun zum wesentlichsten Kriterium ihrer Behandlung durch die Behörden. Schon 1870 ersuchte Kanzler Otto von Bismarck die Länder Preußen, Bayern und Sachsen, die Einreise "ausländischer Zigeuner" zu verhindern. "In Besitz der Reichzugehörigkeit befindliche" – also "inländische" – "Zigeuner" hingegen seien äußerst restriktiv zu behandeln. So wäre die Auflösung "die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdender Banden" vorzunehmen und darauf hinzuwirken, dass "deren Mitglieder sich einer sesshaften Lebensweise zuwenden".

In einem neuerlichen Schreiben, verfasst am 1. Juli 1886, erhob der Kanzler die bereits zuvor praktizierte Unterscheidung nunmehr zur offiziellen Politik. Alle Regierungen des Reiches wurden angewiesen, ausländische Roma abzuschieben und gegen staatsangehörige Roma administrativ-polizeiliche Maßnahmen zu ergreifen. Vor allem Bayern und Preußen erließen in den folgenden Jahrzehnten eine Fülle von "zigeunerspezifischen Verordnungen", welche den Roma Schritt für Schritt ihre Existenzgrundlage entzogen. Durch die strenge Gewerbeordnung und formale Anforderungen (Personal- und Reisepapiere, gesundheitspolizeiliche und tierärztliche Bescheinigungen) wurden die Roma in das wirtschaftliche Elend und in die Illegalität abgedrängt.

1906 erließ das Preußische Innenministerium die später von anderen Ländern übernommene "Anweisung zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens". Die darin enthaltenen Direktiven stellten eine Wiederholung bzw. Fortsetzung der Beschlüsse von 1886 dar: "Ausländische Zigeuner" – dazu zählte man auch jene, die ihre deutsche Staatsangehörigkeit nicht zweifelsfrei nachweisen konnten – sollten prinzipiell ausgewiesen werden. Zu diesem Zweck waren bereits bilaterale Abkommen mit der Schweiz, mit Österreich-Ungarn, Russland, Frankreich, Italien, Dänemark, den Niederlanden und Luxemburg geschlossen worden. Kehrten "Zigeuner" nach ihrer Ausweisung widerrechtlich zurück, so sollten sie wegen Bannbruchs strafrechtlich verfolgt werden.

Die Handlungsanweisungen, welche die "inländischen Zigeuner" betrafen, verschärften nochmals den Zugriff auf deren ohnedies schmale wirtschaftliche Existenz und ihre Sozialstruktur. Sie waren in "vorbeugende" und "unterdrückende" Maßnahmen gegliedert: Zu den "vorbeugenden" Maßnahmen zählten etwa zusätzliche Erschwernisse bei der Ausstellung von Ausweispapieren und die Übergabe "verwahrloster Zigeunerkinder" an die Fürsorge. Zu den "unterdrückenden" Maßnahmen gehörten vor allem die unnachsichtige Bestrafung der im Verordnungsgestrüpp straffällig gewordenen "Zigeuner" sowie die verschärfte polizeiliche Überwachung der Roma.

Nachdem schon Mitte des 19. Jahrhunderts in einzelnen Orten "Zigeunerakten" angelegt worden waren, wurden mit den sog. Zigeuner-Nachrichtendiensten nunmehr zentrale Stellen zur Überwachung der Roma eingerichtet. Der erste, 1899 in München geschaffene Nachrichtendienst in Bezug auf die Zigeuner verfügte 1904 bereits über 3.350 Akten und wurde während der Weimarer Republik zum Zentrum der deutschen "Zigeunerbekämpfung". Ihr Leiter, Kriminalrat Alfred Dillmann, veröffentlichte 1905 ein "Zigeunerbuch", das die Ergebnisse der Erfassungsarbeit seiner Dienststelle enthielt und "zum Zwecke einer nachdrücklichen Bekämpfung des Zigeunerunwesens" an alle Behörden ausgegeben wurde.

1926 verabschiedete der Bayerische Landtag mit dem "Gesetz zur Bekämpfung von "Zigeunern", Landfahrern und Arbeitsscheuen" ein Gesetz mit Ausnahme- und Präventivcharakter. Unter der Bezeichnung "vorbeugende Verbrechensbekämpfung" legitimierte es erstmals Maßnahmen ohne Vorliegen einer Straftat. In den folgenden Erlässen wurden die "Zigeuner" immer mehr als potentielle Verbrecher betrachtet und von den Sicherheitsbehörden entsprechend behandelt.

Eine der wichtigsten "kriminal-präventiven Maßnahmen" war die noch in den 20er Jahren begonnene lückenlose erkennungsdienstliche Erfassung aller "Zigeuner". Entsprechend den Weisungen des Preußischen Innenministeriums erfolgte die Registrierung der Roma ab 1927 in derselben Weise wie bei steckbrieflich gesuchten Personen (Aufnahme der Personalien, Anfertigung von Fotos, Abnahme von Fingerabdrücken) und schloss selbst Kleinkinder und Säuglinge ein. Die Anlage solcher "Zigeunerkarteien" ermöglichte den Behörden den Zugriff auf alle Roma und bildete nach 1933 die Basis für ihre Deportation, Internierung und Vernichtung.

Die restriktiven Bestimmungen des Kaiserreiches und der Weimarer Republik, die wesentlich zum Entstehen des so genannten "Zigeunerproblems" beigetragen hatten, schufen eine geradezu ideale Ausgangssituation für die nationalsozialistische Ideologie. In einem Klima allgemeiner Roma-Feindlichkeit fiel die Propaganda der Nationalsozialisten auf fruchtbaren Boden. Ihre Rassenlehre gab den bestehenden Vorwürfen lediglich eine neue Erklärung: Roma wären "artfremde Schädlinge", von Geburt an "asoziale", "rassisch minderwertige" und damit überflüssige Existenzen. Mit den Maßnahmen der "vorbeugenden Verbrechensbekämpfung" hatten die Nationalsozialisten von den Behörden der Weimarer Republik auch ein wichtiges Instrument zur planmäßig durchgeführten Vernichtung der Roma in die Hand bekommen.

Literatur

Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Mayerhofer, Claudia (1999) Dorfzigeuner. Kultur und Geschichte der Burgenland-Roma von der Ersten Republik bis zur Gegenwart, Wien.
Reemtsma, Katrin (1996) Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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Image Verhaftete Zigeuner (Deutschland)