Rassismus und Antiziganismus

Eine Darstellung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts kommt ohne Verweis auf die theoretische Grundlegung der späteren Verfolgung bzw. Vernichtung der "Zigeuner" im Dritten Reich nicht aus:

Bereits 1855 formulierte Graf Arthur Gobineau in seinem "Essai sur l'inégalité des races humaines" die These von der Existenz höher- und minderwertiger Rassen. Zu den höheren Rassen gehörten seiner Meinung nach die "Arier", an deren Spitze wiederum die "nordischen Völker" stünden. Überzeugt von der Minderwertigkeit der "Mischlinge" lehnte er jede "Vermischung" der Völker ab. Gobineaus Gedankengut hatte auf das philosophische und politische Denken seiner Zeit ungeheuren Einfluss, viel Beachtung fand es vor allem in Deutschland.

Wenige Jahre später (1868) führte der Holländer Richard Liebich den Begriff des "lebensunwerten Lebens" ein, der den Nationalsozialisten auch als Etikett für die planmäßige Ermordung der Roma dienen sollte.

In den Jahrzehnten des ausgehenden 19. Jahrhunderts etablierte sich auch der Biologismus, eine wissenschaftliche Lehre, die nahezu ausschließlich biologische bzw. genetische Dispositionen als prägende Faktoren menschlicher Existenz betrachtete. Biologistische Theorien fanden rasch Eingang in die Kriminologie und lieferten in Verbindung mit den Rassentheorien quasi das "wissenschaftliche" Fundament für die "vorbeugende Verbrechensbekämpfung" und den späteren Völkermord: Richtungsweisend war das 1876 von Cesare Lombroso veröffentlichte Werk "L'uomo deliquente", in dem erstmals behauptet wurde, die hohe Kriminalität der Roma sei auf eine genetische Veranlagung zurückzuführen.

1920 prägten der Psychiater Karl Binding und Alfred Hoche den Begriff "Ballastexistenzen" und propagierten die Tötung all jener, die der Gesellschaft zur Last fielen. Als "Volksschädlinge" galten in erster Linie auch die Roma.

Mit der Machtübernahme 1933 bekam das Konzept des "lebensunwerten Lebens" eine zentrale Bedeutung in der nun in die Realität umgesetzten Rassenpolitik der Nationalsozialisten. Am 14. Juli dieses Jahres wurde die Rassenlehre schließlich in die Gesetzgebung aufgenommen.

Literatur

Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Reemtsma, Katrin (1996) Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
Wippermann, Wolfgang (1997) Wie die Zigeuner. Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich, Berlin.
Zimmermann, Michael (1996) Zigeunerpolitik im Stalinismus, im "realen Sozialismus" und unter dem Nationalsozialismus (FKKS [Forschungsschwerpunkt Konflikt- und Kooperationsstrukturen in Osteuropa]). http://www.uni-mannheim.de/fkks/fkks11.pdf .
Zimmermann, Michael (1996) Zigeunerpolitik im Stalinismus, im "realen Sozialismus" und unter dem Nationalsozialismus. Eine Untersuchung in vergleichender Absicht (FKKS [Forschungsschwerpunkt Konflikt- und Kooperationsstrukturen in Osteuropa] 11) http://www.uni-mannheim.de/fkks/fkks11.pdf .
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