"Zigeunerpolitik" in den übrigen Ländern

Vom 19. Jahrhundert bis zur Gründung des Dritten Reiches (1933)

Viele andere europäische Länder verfolgten gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Bezug auf die Roma ebenfalls eine äußerst restriktive Politik. Wie in Deutschland und Österreich versuchte man die Immigration ausländischer Roma zu verhindern, einheimische Gruppen durch "zigeunerspezifische" Verordnungen zur Sesshaftigkeit zu zwingen und diese unter schärfere polizeiliche Überwachung zu stellen:

Im sog. "Turnpike Act" wurde in Großbritannien schon 1822 die Bestrafung aller an den Straßen lagernden Roma angeordnet. Ab 1885 stimmte das Parlament mehrmals über die Einführung von "Moveable Dwelling Bills" ab. Zwar scheiterten die Versuche, das Leben der Roma per Gesetz zu reglementieren und sie dauernder polizeilicher Kontrolle zu unterstellen, nicht zuletzt aufgrund der Opposition der 1889 gegründeten Showmen's Guild. Doch gingen die meisten der vom "Philanthropen" George Smith vorgeschlagenen Maßnahmen bis 1936 in andere Gesetze ein.

In Serbien wurde 1879 das "Nomadisieren" verboten, 1886 auch in Bulgarien. 1926 erließ die Regierung der Tschechoslowakei das Gesetz Nr. 117, welches die "zigeunerische Lebensweise" ebenfalls untersagte. Gleichzeitig wurden Identitätsausweise für Roma eingeführt und die Behörden erhielten die Erlaubnis, Roma-Kinder unter 14 Jahren von ihren Eltern zu trennen, um sie in Kinderheimen oder bei angesehenen Familien unterzubringen.

In Frankreich begann die erkennungsdienstliche Erfassung der Roma etliche Jahre früher als in der Tschechoslowakei, in Deutschland oder Österreich. Schon 1907 war die französische Polizei angewiesen worden, Fotos von "Vagabunden, Nomaden und Zigeunern" anzufertigen und möglichst detaillierte Informationen an eine Zentralstelle in Paris zu übermitteln. 1912 verfügte die Regierung die Ausweispflicht für "Reisende jeglicher Nationalität" und schuf mit dem "carnet anthropométrique" ein Kontrollinstrument, das bis 1970(!) in Verwendung bleiben sollte. Dieses enthielt die persönlichen Daten, ein Foto und die Fingerabdrücke des Besitzers, aber auch die Registrierungsnummer des Wagens. Durch Schilder an den Gemeindegrenzen, die die Aufschrift "Interdit aux Nomades" ("Für Nomaden verboten") trugen, wurde den Roma vielerorts der Aufenthalt verweigert.

Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ungebrochen andauernde Immigrationswelle führte in manchen Ländern zu einem generellen Einwanderungsverbot für Roma. 1914 verhängte Schweden einen gesetzlichen Einwanderungsstopp, der bis 1954 in Kraft blieb. Ungefähr zur selben Zeit entschlossen sich auch Dänemark und Norwegen zu einer solchen Maßnahme.

Einige Länder in Übersee hatten bereits vor der Jahrhundertwende restriktive Zuwanderungsbestimmungen erlassen: 1884 untersagte Argentinien Roma die Einreise, 1885 wurden sie auch von der Einwanderungspolitik der Vereinigten Staaten ausgeschlossen. Viele der Einwanderungswilligen mussten nach Europa zurückkehren.

Literatur

Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Mayerhofer, Claudia (1999) Dorfzigeuner. Kultur und Geschichte der Burgenland-Roma von der Ersten Republik bis zur Gegenwart, Wien.
Reemtsma, Katrin (1996) Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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Galizische Roma (England), 1911