Maria Theresia und Joseph II.

Assimilationspolitik im aufgeklärten Absolutismus

Die Epoche des aufgeklärten Absolutismus war geprägt von entscheidenden Änderungen der herrschaftlichen Politik gegenüber den "Zigeunern". Angesichts des Scheiterns aller Versuche, diese dauerhaft aus ihrem Herrschaftsbereich zu verbannen, suchten die aufgeklärten Fürsten ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach neuen Mitteln und Wegen, um das "Zigeunerproblem" zu lösen. So trat neben die bis dahin praktizierte Verfolgung und Vertreibung der Roma die vom Staat verordnete Assimilation.

In der Absicht, sich eines "unkontrollierbaren Ärgernisses" zu entledigen und aus den bis dahin "unproduktiven" Teilen der Bevölkerung "ordentliche, gehorsame und arbeitsame Menschen" zu machen, wurden Maßnahmen gesetzt, mit denen die Roma zur Aufgabe ihrer bisherigen Lebensweise gezwungen werden sollten. Wichtigstes Ziel war, das Umherziehen zu unterbinden und die bis dahin "herumschweifenden und vagabundierenden Zigeuner" dauerhaft sesshaft zu machen. Der Zwang zur bäuerlichen Lebensform bzw. zum Erlernen eines bürgerlichen Handwerks und die Zerstörung ihrer kulturellen Identität sollten die gewünschte Eingliederung in den Gesellschaftsverband bewirken. Das Streben des zentralistischen Staates nach Kontrolle über seine Untertanen und die beabsichtigte Integration der Roma in das bestehende Wirtschaftssystem waren zweifellos die primären Beweggründe für die damals durchgeführte Zwangs-Assimilation. Daneben spielte aber auch die religiös vertiefte Pflichtauffassung mancher Herrscher eine Rolle, die in der "Zivilisierung" der "Zigeuner" eine ehrenvolle Aufgabe und in ihrer "Umerziehung" zu "guten Christenmenschen" quasi eine christliche Pflicht erblickten.

Eine der Voraussetzungen der damaligen Assimilationspolitik bildete das Menschenbild der Aufklärung, das die "Lernfähigkeit und Besserungsfähigkeit" des Individuums propagierte. Gleichzeitig basierten alle Integrationsmaßnahmen jedoch auch auf der Vorstellung, die Kultur der Roma sei prinzipiell minderwertig. Die physische Vernichtung der "Zigeuner" wurde durch die Zerstörung ihrer Kultur und traditionellen Lebensform ersetzt. Diese Form des Umgangs mit den Roma konnte allenfalls im Vergleich zu den brutalen Verfolgungsmaßnahmen vorheriger Epochen als fortschrittlich erscheinen. Die Methoden, derer man sich bei der "Zivilisierung" der Roma bediente – etwa die Kindeswegnahme –, waren zudem vielfach sehr brutal und inhuman.

Früheste Versuche, die Roma durch staatliche Regulative zu assimilieren, sind in Spanien belegt. Schon 1619 wollte dort die Obrigkeit die wandernden Roma zur Sesshaftigkeit zwingen, ihre Akkulturation durch das Verbot des Romani (1633), durch die Trennung von Eltern und Kindern und die Einweisung der Kinder in Waisenhäuser bzw. der Frauen und Männer in getrennte Arbeitshäuser (1686, 1725) herbeiführen.

Beispielhaft auch für andere Herrscher war die Assimilationspolitik Kaiserin Maria-Theresias, der Monarchin von Österreich-Ungarn. Im Bestreben, aus den Roma sesshafte "Neubürger" oder "Neubauern" zu machen, erließ sie in ihrer Regierungszeit (1740-1780) insgesamt vier große Verordnungen, durch die diese gezwungen werden sollten, ihre bisherige Lebensweise aufzugeben:

Die erste Verordnung (1758) verpflichtete die "Zigeuner" dazu, sich niederzulassen. Um sie am "Nomadisieren" zu hindern, wurde ihnen der Besitz von Pferden und Kutschen untersagt. Weiters wurde den Roma Land und Saatgut zugeteilt, aus dessen Erträgen sie dieselben Abgaben zu leisten hatten wie die anderen Untertanen. Sie sollten sich Häuser bauen und ihre Dörfer nur mehr mit ausdrücklicher Erlaubnis und genauer Zielangabe verlassen dürfen.

Im folgenden Erlass (1761) wurde die für Roma damals übliche Bezeichnung "Zigani", durch die Begriffe "Neubürger" (Ung.: "Ujpolgár"), "Neubauer" (Ung.: "Ujparasztok"), "Neuungar" (Ung.: "Ujmagyar") oder "Neusiedler" (Ung.: "Ujlakosok" bzw. Lat.: "Neocolonus") ersetzt. Mit ihrem alten Namen sollte auch die bisherige Lebensweise abgelegt und der Integrationsprozess beschleunigt werden. Die "Zigeunerknaben" sollten ein Handwerk erlernen oder bei entsprechender Tauglichkeit ab dem 16. Lebensjahr zum Militärdienst eingezogen werden.

1767 ließ Maria-Theresia den Woiwoden die Gerichtsbarkeit entziehen und alle "Zigeuner" der örtlichen Gerichtsbarkeit unterstellen (3. Verordnung). Auf Basis der gleichzeitig angeordneten Registrierung wurden erstmals Konskriptionen (Erhebungen) durchgeführt.

Die vierte, 1773 erlassene Verordnung verbot Ehen zwischen Roma. Mischehen wurden durch staatliche Zuschüsse gefördert, für die Erteilung der Heiratserlaubnis war jedoch ein Zeugnis über die "anständige" Lebensweise und die Kenntnis der katholischen Glaubenslehre erforderlich. Da nach Ansicht der Kaiserin bzw. ihrer Berater die "Zivilisierung" der "Zigeuner" die Grundlage für die erfolgreiche "Domicilierung" bildete, verfügte sie, ihnen alle Kinder über fünf Jahre wegzunehmen und diese gegen Bezahlung eines Pflegegeldes an ungarische Bauernfamilien zur christlichen Erziehung zu übergeben. Die Kinder sollten isoliert von ihren leiblichen Eltern in anderen Komitaten (ungarischen Verwaltungsbezirken) aufwachsen, die Schule besuchen und später ein Handwerk erlernen oder Bauern werden.

Der Nachfolger Maria-Theresias, Joseph II. (1780-1790), befreite zwar die bis dahin leibeigenen "Zigeuner" in der Bukowina, doch führte er auch die Assimilationspolitik seiner Mutter fort. Durch die 1783 erlassenen Richtlinien "de Domiciliatione et Regulatione Zingarorum" wurde der Zwang zur Anpassung sogar noch verschärft. Den Roma wurden nicht nur weitere Einschränkungen auferlegt, wie z.B. die Übernahme von Kleidung und Sprache der Dorfbevölkerung, sondern auch strenge Strafen bei Zuwiderhandeln angedroht. So waren für die Verwendung der "Zigeunersprache" 24 Stockschläge vorgesehen.

Trotz der angeordneten Sanktionen bei etwaigen Verstößen waren die von Maria-Theresia und Joseph II. verhängten Zwangsmaßnahmen nur bedingt wirksam. Dauerhafter Erfolg war ihnen lediglich im heutigen Burgenland (bis 1921: Westungarn) beschieden, wo die Roma tatsächlich sesshaft wurden und dies bis heute geblieben sind. Hier gelang auch die Assimilation einer großen Anzahl von Roma: Kinder kehrten vielfach nicht mehr zu den leiblichen Eltern zurück, blieben am Hof der Pflegeeltern oder erlernten ein Handwerk und heirateten in Nicht-Roma-Familien ein. [ Stereotypisierung und Folklorisierung] In einzelnen Orten gingen die Roma sogar gänzlich in der Dorfbevölkerung auf. Das Verschwinden der ehemals vielfältigen Familiennamen in den "Zigeuner-Konskriptionen" spiegelt den damals voranschreitenden Assimilationsprozess wider.

In anderen Gebieten der Monarchie jedoch wehrten sich die Roma gegen die staatlich verordnete Lebensweise, entzogen sich den harten Zwangsmaßnahmen und gingen wieder auf Wanderschaft. Für die Umsetzung der Regulative bzw. für die Rückführung der geflohenen Roma fehlten dem Staat damals die erforderlichen personellen Ressourcen. Hinzu kommt, dass die Konskriptionslisten vielfach keinen Handlungsbedarf erkennen ließen, zumal sie von den Gemeinden entsprechend den Erwartungen der Obrigkeit ausgefüllt wurden.

Im selben Jahr wie Joseph II. (1783) versuchte auch der liberal gesinnte spanische König Karl III (Carlos Tercero), die "Gitanos" zu "zivilisieren". In den 44 Artikeln seiner "Pragmatica" verbot er ihnen das Umherziehen, die Verwendung ihrer Sprache ("el caló"), das Tragen ihrer typischen Kleidung, die Ausübung des Pferdehandels und anderer Wandergewerbe. Nach dem Willen des Königs sollten sich die "Gitanos" an einem Ort ihrer Wahl fest niederlassen und "zünftige" Handwerke ausüben. Da diese Maßnahmen jedoch auch von der übrigen Bevölkerung abgelehnt wurden – Städte und Bürger weigerten sich, Roma aufzunehmen und anzustellen – waren sie zum Scheitern verurteilt. Die "Gitanos" zogen weiterhin als Wandergewerbetreibende umher, allerdings unter erschwerten Umständen und in noch armseligeren Verhältnissen.

Vergleichbare Maßnahmen – allerdings in geringerem Umfang – wurden auch in Deutschland ergriffen. Einzelne Fürsten versuchten, "Zigeuner" auf ihrem Territorium anzusiedeln, so etwa der Graf von Wittgenstein, der 1771 die "Zigeunersiedlung" Saßmannshausen errichten ließ. Friedrich II von Preußen, Zeitgenosse und Rivale Maria-Theresias, gründete 1775 in einem abgelegenen Gebiet bei Nordhausen am Harz die "Zigeunersiedlung" Friedrichslohra, um "bettelnd und stehlend durchs Land ziehende" Sinti-Gruppen fest anzusiedeln. Der Versuch, aus den Sinti "saubere, ordentliche, gehorsame und arbeitsame" Menschen zu machen, scheiterte jedoch kläglich. Nach 1830 wurden die Erwachsenen in Arbeitshäuser eingewiesen und die Kinder ins Erfurter Martinsstift in Pflege gegeben.

Literatur

Fonseca, Isabel (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München.
Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Heinschink, Mozes F. / Hemetek, Ursula (eds.) (1994) Roma. Das unbekannte Volk. Schicksal und Kultur, Wien.
Mayerhofer, Claudia (1999) Dorfzigeuner. Kultur und Geschichte der Burgenland-Roma von der Ersten Republik bis zur Gegenwart, Wien.
Remmel, Franz (1993) Die Roma Rumäniens. Volk ohne Hinterland, Wien.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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Image Originalliste 1781 nach Nagygencs umgesiedelter Roma-Kinder (Österreich-Ungarn)
Image Roma-Siedlungen im Gebiet des heutigen Burgenlands (1762-1789) (Österreich-Ungarn)
Image Aus einem Reisebericht einer französischen Schriftstellerin
Maria Theresia (1740--1780)
Joseph II (1780-1790)