Frühe Migration: Abwanderung aus Persien und Einwanderung nach Armenien

Zersplitterung

Zur Rekonstruktion der Vorgänge nach der Einwanderung ins Persische Reich ist die Forschung auf linguistische Erkenntnisse angewiesen. John Sampson, der die Romani-Dialekte als Erster klassifizierte (1923), ging davon aus, dass die indischen Einwanderer gleichzeitig in Persien eingetroffen waren und sich erst dort zu einer einheitlichen Gruppe mit gleicher Sprache formten. Die einst homogene Gruppe zerfiel jedoch – so meinte Sampson – während des langen Aufenthaltes in Persien in zwei Teile. Die beiden Untergruppen schlugen unterschiedliche Richtungen ein und entwickelten in Abhängigkeit von ihrer neuen Umgebung unterschiedliche sprachliche Eigenheiten:

Der Weg der einen Gruppe führte von Persien nach Syrien und ans Mittelmeer. Als ihre Nachkommen werden die noch heute im Nahen Osten lebenden Dom/Nawar (in Palästina, Syrien und Jordanien), die Kurbat (in Nordsyrien), die Halebi (in Ägypten und Libyen), aber auch die Karachi (Kleinasien, Persien) angesehen. Sampson subsummierte deren Dialekte entsprechend ihrer vom Arabischen beeinflussten Variante des Wortes "Schwester" unter dem Begriff ben-Gruppe.

Die Vorfahren der heutigen armenischen bzw. europäischen Roma bildeten Sampsons Theorie zufolge den anderen Teil der "Proto-Roma" – jenen, der nach Norden bzw. Nordwesten in Richtung Armenien weitergewandert war. Durch den Kontakt mit der Armenisch sprechenden Umgebung drangen phonetische Merkmale des Armenischen in ihre Dialekte ein. Das aus dem Sanskrit stammende Wort bhen wurde im Lauf der Zeit zu phen, der Bezeichnung für die zweite Dialekt-Gruppe, umgewandelt.

Eine ähnliche Einteilung nahm auch Turner (1926) vor. Seiner Terminologie lagen jedoch unterschiedliche Varianten des Wortes domba zugrunde. Dementsprechend bezeichnete er die Sprache der "Ur-Roma" als Dombari, die Dialekte der im Nahen Osten beheimateten Gruppen hingegen als Domari. Innerhalb der phen-Gruppe differenzierte Turner zwischen dem Lomavren der in Armenien verbliebenen und dem Romani der später über Byzanz nach Europa weitergezogenen Roma.

Modernere Untersuchungen lassen vermehrt Zweifel an der Richtigkeit der These aufkommen, wonach die zwei bzw. drei genannten Dialektgruppen tatsächlich jemals eine Einheit gebildet hätten. So findet man in den ben-Dialekten (Domari) Spuren eines verloren gegangenen dritten grammatikalischen Geschlechts, auf das es in den phen-Dialekten (Lomavren und Romani) keine Hinweise gibt. Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass die Vorfahren der Lomavren/Romani-Gruppe Indien später – zu einem Zeitpunkt, da dieses Geschlecht bereits vollkommen verschwunden war – verlassen haben. Auch die Existenz einer einheitlichen phen-Gruppe wird heute vermehrt bezweifelt.

Sieht man von diesen Problemen ab, so taucht die Frage auf, wann die Teilung – sollte sie wirklich passiert sein – stattgefunden hat bzw. wie lange jede Gruppe in Persien verblieb. Die großen sprachlichen Unterschiede zwischen den ben- und den phen-Roma lassen vermuten, dass die Trennung zu einem relativ frühen Zeitpunkt erfolgte. Das Fehlen wichtiger persischer Lehnwörter in den ben-Dialekten legt den Schluss nahe, dass diese Persien zuerst verließen. Wann genau und unter welchen Umständen sie Syrien erreichten, bleibt ungewiss.

Abwanderung der Roma aus Persien

Die Beantwortung der Frage, wann die Vorfahren der europäischen und armenischen Roma aus Persien abwanderten, hängt mangels stichhaltiger Beweise von der Einschätzung ab, wie rasch bzw. wie massiv die Sprache der arabischen Eroberer den Wortschatz der Bewohner Persiens durchdrang.

Lange Zeit wurde das Fehlen arabischer Wörter im europäischen Romani als Beweis dafür vorgebracht, dass die Roma Persien bereits vor oder aber kurz nach der arabischen Invasion, spätestens jedoch um die Mitte des 8. Jahrhunderts verlassen hätten.

Neuere Forschungen sprechen eher gegen diese These. Zum einen gibt es entgegen früheren Behauptungen im Romani doch mehrere – wenn auch nicht sehr zahlreiche – arabische Lehnwörter. Zum anderen scheint die Annahme, die Eroberung Persiens und die Einführung von Arabisch als offizielle Amtssprache hätten binnen weniger Jahre bzw. Jahrzehnte eine gravierende Veränderung des Wortschatzes seiner Bewohner bewirkt, eine unzulässige Vereinfachung linguistischer Prozesse.

Es ist zu berücksichtigen, dass sich der arabische Einfluss vorwiegend in den Zentren des Landes und in den Sphären der oberen Gesellschaftsschichten manifestierte. Arabisch wurde hauptsächlich von den wenigen Intellektuellen und den Inhabern religiöser Ämter verwendet. Zu keiner Zeit ersetzte es das Persische als Umgangssprache. Bis die Kultur der neuen Machthaber – natürlich in weit geringerem Ausmaß – auch entlegenere Regionen erfasste und vereinzelte arabische Ausdrücke in die Sprache der unteren Bevölkerungsschichten eindrangen, wird es zweifellos einen längeren Zeitraum gebraucht haben.

Darüber hinaus musste die arabische Machtübernahme in Persien für die Roma keineswegs mit einem intensiveren kulturellen Kontakt verbunden sein. Selbst die Tatsache, dass einige Roma als Metallarbeiter, Musiker oder Händler in Diensten des arabischen Heeres standen, ist kein Beweis für einen prägenden arabischen Einfluss. Im arabischen Heer waren nämlich nur die Befehlshaber Araber, das Gros des Heeres hingegen entstammte den verschiedenen Völkern Persiens.

Unter Berücksichtigung der damals herrschenden Rahmenbedingungen und der Dauer linguistischer Prozesse scheint nicht ausgeschlossen, dass die Roma Persien später verließen als vielfach angenommen. Es kann erst in einer Phase gewesen sein, in welcher der Einfluss des Arabischen groß genug war, um semitische Wörter in den Dialekt ehemals indischer Einwanderer einfließen zu lassen. Eine genauere Eingrenzung scheint auf Basis der gegenwärtigen Erkenntnisse nicht möglich.

Armenien

Dass der Weg der phen-Roma nach Europa durch Armenien führte und diese sich längere Zeit in Armenien aufhielten, gilt aufgrund linguistischen Beweismaterials als gesichert. So weist das europäische Romani neben zahlreichen persischen auch eine Reihe armenischer Lehnwörter auf. Ein noch deutlicheres Indiz stellt die Tatsache dar, dass die armenische Sprache nicht nur das Vokabular, sondern auch die Aussprache des Romani beeinflusst hat. Die Umwandlung der behauchten stimmhaften Laute im Sanskrit (bh) zu stimmlosen behauchten Lauten (ph) im Romani kann nur auf Basis eines länger andauernden und engeren Kontakts mit Sprechern des Armenischen erfolgt sein.

Merkwürdigerweise fehlen die vom Armenischen ins Romani übernommenen Lehnwörter im Lomavren der in Armenien und im südlichen Kaukasus beheimateten Bosa. Obwohl beide Dialekte armenisch geprägt sind, weisen sie kein einziges gemeinsames Wort armenischen Ursprungs auf.

Dieser Umstand mag ein Hinweis darauf sein, dass die phen-Gruppe sich teilte, bevor sie vollständig in den Einflussbereich des Armenischen geriet. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich sprachliche Entwicklungen, die sowohl dem Lomavren als auch dem Romani eigen sind, später unabhängig voneinander vollzogen. Andererseits können die vorhandenen Unterschiede natürlich auch als Argument gegen die These einer einheitlichen phen-Gruppe gewertet werden.

Die Abwanderung der Roma aus Armenien scheint schrittweise erfolgt zu sein. Anfänglich mag die Verwüstung des Landes durch den andauernden Konflikt zwischen Griechen und Arabern eine wichtige Rolle gespielt haben. Als Westarmenien zu Beginn des 11. Jahrhunderts dem Byzantinischen Reich eingegliedert wurde, waren die Rahmenbedingungen besonders günstig, da die Roma nach Westen aufbrechen konnten, ohne eine Grenze überschreiten zu müssen. Dieser Umstand dürfte erklären, warum es kaum Berichte über die Einwanderung der Roma ins Byzantinische Reich gibt.

Später löste wohl der Einfall der Seldschuken in Armenien eine Fluchtwelle ins Byzantinische Reich aus. Im Zuge der Vernichtung eines byzantinischen Heeres bei Manzikert (1071) und des damit verbundenen Verlustes von Anatolien scheinen die Flüchtenden weiter westwärts – nach Konstantinopel und Thrakien – vorgedrungen zu sein. Von dort führte ihr Weg auf den Balkan und nach Mitteleuropa.

Literatur

Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford.
Gilsenbach, Reimer (1998) Weltchronik der Zigeuner. 2500 Ereignisse aus der Geschichte der Roma und Sinti, der Luri, Zott und Boza, der Athinganer, Tattern, Heiden und Sarazenen, der Bohémiens, Gypsies und Gitanos und aller Minderheiten, die "Zigeuner" genannt werden. Teil 1: Von den Anfängen bis 1599 (= Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 10), Frankfurt.
Hancock, Ian (1987) The Pariah Syndrome. An Account of Gypsy Slavery and Persecution, Ann Arbor.
Kenrick, Donald (1998) Sinti und Roma: Von Indien bis zum Mittelmeer. Die Wanderwege der Sinti und Roma (Interface Collection 3), Berlin.
Reemtsma, Katrin (1996) Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München.
Sampson, John (1926) The Dialect of the Gypsies of Wales. Being the Older Form of British Romani Preserved in the Speech of the Clan of Abram Wood, Oxford.
Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg.
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